Ausgerechnet ein 26-jähriger Blogger und Internetaktivist sorgt derzeit für viel Unruhe in der politischen Internetszene. Ewgeni Morosow will nichts von Facebook- oder Twitter-Revolution in Tunesien und Ägypten wissen, im Gegenteil: „Die sozialen Medien können sehr gefährlich sein“, sagt der gebürtige Weißrusse, der in den USA lebt.
Seinen skeptischen Blick auf die politische Kraft des Internets breitet er in seinem jüngst erschienenen Buch mit einem vielsagenden Titel aus: „The Net Delusion. The Dark Side of Internet Freedom“. Morosow verweist darauf, wie Sicherheitsdienste gegen Kritiker vorgehen, nachdem sie Informationen über sie auf Facebook oder anderen Portalen gesammelt haben. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau berichtet er, dass nach den Protesten im Iran 2009 die Polizei gezielt Jagd auf Internetaktivisten machte: „Sie wusste, wer in der Opposition aktiv war, wie die Mitglieder untereinander vernetzt waren und welche Kontakte sie in den Westen hatten.“ Vergangene Woche „wurden zwei Oppositionelle im Iran gehängt, die ihre Schriften im Internet verbreitet hatten“.
Dass das Netz und insbesondere soziale Medien die Opposition in autoritären Regimen unterstützen können, stehe aber auch außer Frage, sagt Morosow: „Die Proteste in Ägypten haben sich so schnell entwickelt, auch weil die Nachrichten aus Tunesien sich schnell verbreiten konnten. Aber Twitter hat nicht die Bedingungen für die Revolution geschaffen. Es half lediglich beim Durchbruch der Revolution.“
China blockt Nachrichten aus Ägypten
Das Risiko besteht auch andernorts: China dämmt deshalb die Nachrichtenflut aus Ägypten ein. Korrespondenten berichten, dass chinesische Internetnutzer kaum Informationen über die Ereignisse am Nil erhielten.
Seit Beginn der Unruhen in Tunesien melden sich mehr und mehr Internetforscher zu Wort, die davor warnen, Facebook und Twitter zu überschätzen. „Es ist wichtig zu erkennen, dass das Internet zwar Offenheit und Transparenz unterstützt, doch faktisch mehr und mehr zentralisiert und privatisiert wird“, mahnt etwa Ulises Mejias, der in den USA zum Einfluss digitaler Medien auf Zivilgesellschaften forscht.
Morosow nimmt deshalb westliche User und Regierungen in die Pflicht: „Sie müssen dafür sorgen, dass Firmen wie Facebook und Twitter hohe Standards beim Schutz von Nutzerdaten einhalten. Deren Hauptinteresse ist nämlich Profit und nicht die maximale Sicherheit der User.“
Die Frage sei, was geschehe in den Ländern zwischen den Protesten, fragt Morosow. „Dann nutzen autoritäre Regierungen das Netz, um die Arbeit der Opposition zu analysieren und um ihre eigene Propaganda auszubauen.“
Besonders gefährlich sei die Situation für Sympathisanten der Opposition im Netz. Sie seien leichte Beute für die Behörden, die die Mitgliederlisten der Protestgruppen durchgehen. „Ich sorge mich nicht um Dissidenten, die wissen, wie man anonym bleibt“, sagt Morosow, „ich sorge mich um die, die mit den Kritikern einfach nur sympathisieren.“
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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