kalaydo.de Anzeigen

Reis' Parteitag: Was ist das Leben?

Kabarettist Thomas Reis kennt die Antwort: Zuerst nur Spaß, Sex und alles für eine bessere Welt. Dann Kind, Kegel, Karriere. Vielleicht noch ein Hobby, wie Tennis. Aus Tennis wird Golf, aus Golf wird Bridge und aus Bridge wird Pflegestufe eins, zwei, drei – vorbei.

Thomas Reis, gezeichnet von Jakob Hinrichs.
Thomas Reis, gezeichnet von Jakob Hinrichs.
Foto: J. Hinrichs
Thomas Reis –  

Gut gelaunt ins nächste Jahrzehnt, wir freuen uns auf 2011, wenn ich so was lese, werde ich wütend. Ich freue mich nicht, denn in erster Linie ist nächstes Jahr wieder ein Jahr weg; jedes Jahr, das vorbei ist, ist ein verlorenes Jahr.

Noch ist es nicht soweit, wir befinden uns in der Zeit zwischen den Jahren, da wird es eng, in dieser Zeit der Sinnfragen, der hyperaktiven Umtauschumtriebigkeit und der hysterischen Abschlussbuchungen, das alte Jahr will noch nicht gehen und das neue noch nicht kommen. Haben wir dann endlich das neue Jahr, so wird auch dieses neue Jahr sehr schnell älter. Bereits Mitte Februar sind die Gebrauchsspuren nicht mehr zu übersehen, kurz danach ist auch der Sommerurlaub schon wieder vorbei, und kaum haben wir die Urlaubsfotos sortiert, machen wir uns auch schon wieder Gedanken über Weihnachtsgeschenke mit Rücknahmegarantie. Leider bleibt das Leben selbst vom Umtausch ausgeschlossen. Wir bekommen lediglich eines davon und das müssen wir dann bespielen, bis zum bitteren Ende, da hilft kein Nörgeln und kein Nölen.

Das große Geschenk des Lebens ist ein zweischneidiges, denn dieses Geschenk ist endlich und sterben ist kein schöner Tod, da müssen wir nicht drüber diskutieren. Der Tod? Noch bleibt er keinem erspart, selbst Johannes Heesters wird irgendwann zu Ende sterben, vielleicht schon nächstes Jahr; das ist ärgerlich, nicht unbedingt das Ableben Heesters’, der Dauergreis hat nun wirklich lang genug auf diesem Planeten rumgewürgt und uns über das Maß des Erträglichen hinaus den Spiegel des Siechtums und Verfalls vor Augen geführt, nein, das Ableben und die Vergänglichkeit selbst sind äußerst ärgerlich. Das wird mir mit schöner Regelmäßig zum Ende eines jeden Jahres immer wieder bewusst. Das Leben? Es fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen, da hatte Gryphius schon recht. Was ist es, das Leben? Zuerst machst Du alles für Spaß, Sex und eine bessere Welt. Aus Spaß, Sex und heiler Welt wird dann ganz schnell Kind, Kegel und Karriere. Später gesellt sich dann noch ein Hobby dazu, etwa das Tennisspiel. Aus Tennis wird Golf, aus Golf wird Bridge und aus Bridge da wird juchei, Pflegestufe eins, zwei, drei – vorbei. So ist das Leben.

Der Satiriker

Thomas Reis, 47, ist eigentlich Historiker und uneigentlich Kabarettist („Ich bin gerne Kabarettist, aber Henker beneide ich doch. Die verändern Menschen wirklich.“).
Große Erfolge erzielte er zuletzt mit seinen Programmen „Gibt’s ein Leben über 40?“ und „Machen Frauen wirklich glücklich?“. Reis (www.thomasreis.de) blickt seit Herbst 2008 regelmäßig in der FR auf die Ereignisse des Monats zurück.

Noch spiele ich kein Bridge, aber wenn ich einkaufen gehe, frage ich mich immer häufiger: Krieg ich das alles überhaupt noch auf? Lohnt sich das noch für einen wie mich? So eine Dauerwurst, bringt es das noch? Die Erbsen da drüben, die haben noch 12 Monate, dann ist die Dose tot. Erleb ich das noch, den Dosentod? Werden diese Erbsen noch in mir bestattet? Man will doch dabei sein, es hat sonst gar keinen Nährwert. Best before, ich dachte, mein Verfallsdatum sei best beforty, und nun? Hurra, ich habe überlebt, schon lange, aber wen? Mich?

Das Leben ist ein Affront, denn es endet mit dem Tod, das ist kein tröstlicher Gedanke, aber, was willst Du machen, mich ereilen solche Gedanken stets in dieser bleiernen Zwischendenjahrenzeit, schon wieder ist ein Jahr vorbei, eines, das noch bis vor kurzem unter der Bezeichnung Agenda 2010 für die Zukunft gehalten wurde.

Jetzt kommt aber erst mal das Jahr 2011 auf uns zu, also Epochales. Alles beginnt mit der Revolution des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Lindenstraße, Verbotene Liebe und das Erbe der Guldenburgs, das war gestern, jetzt kommen die Guttenbergs, eine Seifenoper zwischen Landser-Sit-Com und Doku-Drama, zwischen Sissi, Simpsons, Teletubbies und Steiners eisernem Kreuz, immer mit dabei, der als Aushängeschild des kritisch-investigativen Journalismus bekannte Johannes B. Kerner, demnächst in höfischer Doppelmoderation mit der kugel- und erkenntnissicheren Antonia Rados. Arbeitstitel der kriegsähnlichen Adels-Doku: Hintergrundgespräche oder besser: Gespräche mit Hintergrund. Im Vordergrund stets die alerten Aristokraten, aber im Hintergrund immer was anderes, heute der Wochenmarkt von Kundus mit 80-prozentiger Chance auf eine Live-Explosion.

Und was macht Stephanie zu Guttenberg in Afghanistan? Auf Seiten der Bundeswehr? Räumt sie die Spinde unserer Frontschweine auf und beschlagnahmt 20000 Tonnen pornographisches Material? Oder hält sie Vorträge über den praktischen Nutzen ehelicher Treue? Moraltheologisch passt Stefanie doch eher zu den Taliban, bei denen steht Lady Gaga auch ganz oben auf der Todesliste.

Die Wetten dass...?-Redaktion plant übrigens auch eine jährliche Afghanistan-Sendung mit aufwendigen Zeltwetten. Ein 19-jähriger Neu-Apostoliker der Truppe verspricht, in zwei Stunden mindestens 50 Islamisten zum Satanismus zu bekehren; zwei nordafghanische Mohnbauern treten im Kochduell gegen Lafer und Lichter an und zaubern aus einer Schüssel Hirse, einem halben Pfund Schrot, 200 Gramm Rohopium, einem alten Feldbettkissen und zwei Kilo Semtex den perfekten Festtagsbraten.

Moderiert wird das alles natürlich weiterhin vom König der Einschalttoten, vom Flutopfergala-gestählten Thomas Gottschalk, dem verwesten Säugling, der auch im Kriegsfall nicht noch dümmer aus seiner farbenfrohen Wäsche blicken kann, als bislang gewohnt. Seine Stargäste sind Bestsellerautor Thilo Sarrazin, Kultbanker Josef Ackermann, die Humorerkrankung Mario Barth, die Heimatdichter Wildecker Herzbuben, die Powerpopgruppen Pur, Ärzte, Rammstein, Scorpions sowie der Starvergeiger André Rieu – da gäbe es im Falle eines Anschlags kaum ernsthafte Proteste. Politischer Showstar ist Ursula von der Leyen, sie zeigt uns auf Kabuls Basar, wie die gewissenhafte Hausfrau und Mutter Kinderträume wahr werden lässt, mit nichts mehr als fünf Euro im Säckel. Für das junge Image der Sendung sorgt Wunderkind Wolfgang Joop, als internationale Gäste böten sich George W. Bush, Paris Hilton, Rambo 3, Sepp Blatter und auch der Ratzinger Sepp an.

Julian Assange ist Osama bin Laden

Überhaupt sind die öffentlich-rechtlichen Medien hervorragend aufgestellt, die ARD hat sich die Rechte an den ersten komplett überdachten olympischen Winterspielen 2028 gesichert – den Zuschlag für die Spiele haben die Vereinigten Arabischen Emirate erhalten. Die Fußball-WM 2026 teilen sich die Cayman Islands und Liechtenstein, das ZDF erhält die Exklusivrechte.

Und trauen wir Berichten von Wikileaks, aber denen können wir immer trauen, dann werden CIA und BKA nächstes Jahr in einer Neuauflage von Was bin ich? die wahre Identität von Julian Assange preisgeben. Bei Assange handelt es sich nicht um den Messias der Meinungsfreiheit und auch nicht um den Begründer des umgekehrt proportionalen Überwachungsstaats, sondern um Osama bin Laden. Klar.

Und wer das Fernsehen nicht mehr erträgt, der kann 2011 mal wieder in Theater gehen, aber dort hat sich der Tod Christoph Schlingensiefs nicht gerade belebend ausgewirkt, das deutsche Theater, verstörend, entgrenzt und gut gemeint, bleibt so experimentell wie die schwarz-gelbe Regierungspolitik.

Wenn Maurenköpfe als Mozart kugeln und nackte Friseusen mit Schiller locken, wenn Penthesilea ihren Achill in einen Plastikbecher menstruiert und Chicken Macbeth auf einer schiefen Ebene im Hindukusch an einem Doppelwhopper erstickt, dann wissen Sie: Ich bin im Staatstheater. Wenn Sie nach drei Jahren die Minna von Barnhelm auswendig können, dann wissen Sie: Oh ja, ich habe ein Abonnement.

Müssen wir damit unsere wertvolle Lebenszeit vergeuden? Mit was sonst? Wie füllen wir unser Leben mit Sinn und Freude? Denkt Euch was Schönes aus, denn wir sind dazu verpflichtet, das Leben zu genießen, wir haben ja kein anderes und wie sagte schon meine Oma: Man lebt ja nur so kurze Zeit und ist so lange tot. Das Leben ist Urlaub vom Tod, schönen Resturlaub noch und ein glückliches 2011.

Reis-Termine: 12.1. Bad Vilbel, Alte Mühle; 15.1. Herborn, Kulturscheune; 20.1. Köln, Bürgerzentrum Nippes; 22.1. Dortmund, Queue; 27.1.-29.1. Düsseldorf, Kom(m)ödchen; 30.1. Frankfurt, Käs.

Datum:  30 | 12 | 2010
Kommentare:  2
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!