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15. Juni 2012

Watergate-Affäre: Sie brachten Nixon zu Fall

 Von Damir Fras und Holger Schmale
Bernstein und Woodward (v.l.) wurden für ihre Recherchen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.  Foto: dpa

Vor vierzig Jahren erschütterte der Watergate-Skandal nicht nur in den USA den Glauben an die demokratischen Institutionen. Nixon war der erste US-Präsident, der zurücktreten musste

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Washington –  

Der Chic der 70er-Jahre hat sich in dem Gebäude erhalten – innen wie außen. Der Watergate-Komplex in Washington wirkt zwar inzwischen etwas angestaubt, aber der traumhafte Blick über den Potomac-Fluss hinüber nach Arlington ist geblieben. Und das Geld hat sich offenbar auch gehalten.

Es riecht förmlich danach – der Türsteher im schwarzen Anzug deutet beim Öffnen des Portals einen Diener an, der Portier hat formvollendete Manieren, und oben im elften Stock von Watergate South öffnet eine zierliche Dame, die 85 Jahre alt ist, aber aussieht wie 65, die Tür und bittet zum Gespräch.

Tina Winston erzählt dann ziemlich schnell von einer Tür. Es wäre eine völlig gewöhnliche Tür von beige-gelblicher Farbe, wüsste man nicht, dass das die Tür ist, die zum größten Skandal in der Geschichte der USA führt: Watergate. Ach ja, sagt Tina Winston jetzt, unlängst sei sie mit ihrer Tochter im Newseum in Washington gewesen, dem Journalismus-Museum. Und da habe sie die Tür gesehen und sich erinnert. Es war genau diese Tür, „die mein Mann Henry nach dem Einbruch in einem Lagerraum verstaut hat, und die dann irgendwann verschwunden ist“.

Der Einbruch. Es war in der Nacht zum 17. Juni 1972, als dem Wachmann Frank Wills auffiel, dass an der Tür in dem Bürohaus am Potomac ein Stück Klebeband angebracht war. Wills vermutete, ein Angestellter habe das Band dort hingeklebt, um sich das Auf- und Zusperren zu sparen. Wills zog den Klebestreifen ab und die Tür zu. Doch stellte er bei seiner nächsten Runde fest, dass wieder ein Stück Band dort klebte. Der Wachmann rief die Polizei.

Damit nimmt ein Skandal seinen Lauf, der die USA über zwei Jahre in immer neuen Schockwellen erschüttert und am Ende zum Rücktritt des Präsidenten Richard Nixon führt. Er stürzt die schon vom noch tobenden, offenkundig nicht zu gewinnenden Vietnamkrieg gespaltene und verunsicherte Nation in die tiefste Krise ihres demokratischen Selbstverständnisses.

Aber der Watergate-Skandal kann zugleich als Ausgangspunkt eines neuen, selbstbewussten, investigativen und unerschrockenen Journalismus gelten, stilbildend für Generationen. Denn im Zentrum dieses Skandals standen nicht nur Nixon und seine Helfer, sondern vor allem zwei Journalisten, Lokalredakteure der Washington Post: Carl Bernstein und Bob Woodward.

Woodward verfolgt zuerst ganz routinemäßig die Ermittlungen zu dem Einbruch im Watergate-Komplex, der, wie sich schnell herausstellt, dem dort untergebrachten Hauptquartier der Demokratischen Partei galt. Die Polizei nimmt noch am Tatort fünf Männer fest. Sie geben zu, dass sie zum zweiten Mal dort eingebrochen waren. Sie wollten nicht ordentlich funktionierende Abhörmikrofone richten, die sie eine Woche zuvor angebracht hatten. Einer der Männer wird als Jim McCord identifiziert, der im Wiederwahlkomitee von Nixon für Sicherheitsfragen zuständig ist und Kontakte zum Geheimdienst CIA unterhält.


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Hilfe von „Deep Throat“

Jetzt werden Woodward und sein Kollege Bernstein hellhörig. Sie nehmen die Spur auf, die bald zur sogenannten Klempnergruppe im Weißen Haus führt, die sich damit beschäftigt, Lecks in den eigenen Reihen zu schließen und durch Desinformationen dem gegnerischen Lager der Demokraten zu schaden. Bernstein und Woodward stellen die These auf, dass die Republikaner mit Wissen Nixons und unter Ausnutzung des Apparates des Weißen Hauses und der Regierung eine regelrechte Verschwörung gegen die Demokraten ins Werk gesetzt haben.

Die beiden Journalisten und ihre Zeitung werden vom Weißen Haus massiv unter Druck gesetzt; aber sie haben auch Verbündete. Eine wichtige Rolle spielt ein anonymer Informant, „Deep Throat“ genannt, der den Journalisten mit Tipps weiterhilft und ihnen stets signalisiert, ob sie auf der richtigen Spur sind. Erst kurz vor seinem Tod, im Mai 2005, wird seine Identität enttarnt: es war Mark Felt, stellvertretender Chef der Bundespolizei FBI, stets bestens mit dem Stand der Ermittlungen vertraut. Ihm setzt später der Film „Die Unbestechlichen“ ebenso ein Denkmal wie den von Dustin Hoffman und Robert Redford gespielten Reportern, die überdies mit dem Pulitzer-Preis geehrt werden.

Nachdem der Kongress ein Amtsenthebungsverfahren gegen Nixon eingeleitet hatte, trat der Präsident am  9.8.1974 zurück.
Nachdem der Kongress ein Amtsenthebungsverfahren gegen Nixon eingeleitet hatte, trat der Präsident am 9.8.1974 zurück.
 Foto: dpa

Im Herbst 1972 kann Nixon noch einen triumphalem Wahlsieg erringen. Doch dann kommen die Enthüllungen Schlag auf Schlag. Es wird ein System illegaler Wahlkampffinanzierung aufgedeckt; es gibt enge, gesetzeswidrige Verknüpfungen zwischen dem Partei- und dem Regierungsapparat; das Weiße Haus versucht immer wieder, auf die Justiz und die Ermittlungsbehörden Einfluss zu nehmen und Zeugen zu bestechen.

Und es zeigt sich, dass die engsten Mitarbeiter Nixons in den Skandal verwickelt sind: Sein Wahlkampfdirektor und früherer Justizminister John Mitchell, sein Stabschef Bob Haldemann, sein Berater John Ehrlichman. Sie und zahlreiche weitere Mitarbeiter werden im Laufe der Zeit angeklagt, es gibt einen Untersuchungsausschuss im Kongress und schließlich ein Amtsenthebungsverfahren gegen Nixon.

Als im Sommer 1974 klar wird, dass auch die Republikaner im Kongress nicht mehr zu ihm stehen und die Amtsenthebung droht, kommt er ihr zuvor. Am 9. August tritt er als erster Präsident in der Geschichte der USA zurück. Einer juristischen Verfolgung entgeht er nur, weil sein Nachfolger Gerald Ford ihn im Interesse der Befriedung des tief verstörten Landes begnadigt.

Woodward und Bernstein haben jetzt wieder gemeinsam einen Text für die Washington Post verfasst, den ersten nach 36 Jahren. Darin schreiben sie, dass Nixon schlimmer gewesen sei, als sie damals gedacht hätten. Watergate sei nur ein Sinnbild für Nixons gesamte Amtszeit gewesen.

„Während seiner fünfeinhalbjährigen Präsidentschaft startete und steuerte Nixon fünf aufeinander folgende und sich teilweise überschneidende Kriege – gegen die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, gegen die Medien, gegen die Demokraten, gegen die Justiz und schließlich gegen die Geschichte selbst.“

Profit aus der Affäre

Henry Winston hatte damals die Büro-Suite 601, in die eingebrochen wurde, an die Demokraten vermietet. Er war der Watergate-Gebäudemanager. Er kann heute nicht mehr davon erzählen, er ist schwer krank. Seine Frau Tina sagt, ohne den Skandal wäre der Komplex aus Appartments und Büros nur ein Haus unter vielen geblieben. „Aber danach hatte Watergate eine gewisse Aura“, sagt die rührige Dame, die seit 1974 ununterbrochen in dem Haus wohnt. „Viele wollten plötzlich Wohnungen mieten oder kaufen.“

Amerikaner wären keine richtigen Amerikaner, wenn sie nicht versucht hätten, aus der Affäre Profit zu machen. Tina Winston, damals Besitzerin einer Mode-Boutique in dem Gebäude, ließ Schals aus Paris einfliegen und mit dem Namen ihres Ladens versehen – „Colette of Watergate“. Kurzum, so sagt die Dame und lächelt verschmitzt: „Wir haben einen Vorteil aus dem Skandal gezogen.“

Das geht im Prinzip bis heute so. Nach der jüngsten Krise verkaufen sich jetzt auch die Watergate-Wohnungen wieder. Tina Winston, die an der Seite ihrer Tochter immer noch im Immobilien-Geschäft tätig ist, verteilt ein paar Prospekte. Es sind Verkaufsangebote: ein Luxusappartment mit zwei Schlafzimmern, zwei Badezimmern, dickem Parkett aus Hickory und genügend Platz für einen Flügel für 895 000 Dollar. Und das ist noch nachgerade günstig: Penthouse-Wohnungen kosten hier leicht einmal drei Millionen und mehr.

Der Komfort und die Nähe zum Weißen Haus haben über die Jahre viele Prominente angezogen. Die frühere US-Außenministerin Condoleezza Rice hatte bis vor Kurzem eine Wohnung dort. Der frühere Präsidentschaftskandidat Bob Dole lebte hier. Und eine Richterin am Obersten Gerichtshof tut es immer noch. Wer das ist, das möchte Tina Winston nicht sagen. Man ist diskret im Watergate.

Wenn Woodward und Bernstein recht haben, dann war Watergate wie der kleinere Teil eines Eisbergs, der aus dem Wasser ragt. Der größere Teil, Nixons offenbar hassgetriebene Ranküne-Politik, lag unsichtbar unter Wasser. Tina Winston sagt, sie habe damals sehr wohl vernommen, dass Nixon Recht und Ordnung versprochen habe. Nur gehalten habe er das Versprechen nicht. Ach ja, sagt Tina Winston zum Abschied, sie glaube, dass sich so etwas wie Watergate wiederholen könne.

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