Im Wochentakt liefern Demoskopen rätselhafte Zahlen. Wo sind nur all die SPD-Wähler hin? Wo kommen all die FPD-Wähler her? Und warum ist eine Bundeskanzlerin so beliebt, die eher Langeweile als Tatkraft ausstrahlt? Psychologen haben erste Erklärungen gefunden. Wie sich das Unterbewusste auf die Wahlentscheidung auswirkt, hat das Kölner Marktforschungsinstitut Rheingold für den Stern untersucht.
Fazit: Obwohl viele Wähler auf die große Koalition schimpfen, wollen sie insgeheim doch, dass sie bleibt. Inklusive Angela Merkel (CDU): Sie könne ihren "präsidialen Nimbus" als "Schutzengel" nur halten, wenn sie keine starke Opposition habe. Müsse sie sich zwischen Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot entscheiden, werde sie daher die große Koalition wählen, meinen die Psychologen.
Sonst befragt das Institut für große Firmen Testpersonen, um zu erklären, warum sich Käufer für bestimmte Produkte entscheiden. Diesmal ging es um das Kreuz auf dem Wahlzettel. Im weitesten Sinne ist auch das heute eine Kaufentscheidung. Dazu wurden 40 Wähler ausgesucht - nach Alter, Herkunft und politischer Einstellung. Die Auswahl gebe grob die Zusammensetzung der Bevölkerung wider. Daraus ließen sich wahlentscheidende Strömungen ableiten.
Laut der Studie sind die Wähler in zwei Lager gespalten: Die einen wollen die Krise aktiv angehen, die anderen wollen sie lieber verdrängen. Wer diesen Widerspruch auflöse, werde die Wahl gewinnen. Der vage CDU-Slogan "Wir haben die Kraft" spreche zwar auch die Aktiven an, setze die Wähler aber nicht unter Zugzwang. Merkel beschwichtige die Wähler vor allem. Wenn die Befragten sie beschrieben, zeichneten sie ein engelhaftes Bild: Sie schwebe über den Dingen. Ihr Lächeln sei unschuldig, ihre Art sanftmütig. Dem Streit gehe sie aus dem Weg. Entsprechend langweilig sei der Wahlkampf.
Volkstribun Westerwelle
Die SPD steckt dagegen in der Zwickmühle. Ihr Markenkern bestehe im Kampf für eine gerechtere Gesellschaft. Gleichzeitig suchten aber auch viele SPD-Wähler Schutz. Versöhnen könne Frank Walter Steinmeier (SPD) diese Lager nicht. Sei er zu nett, verrate er den Kampfgeist. Attackiere er, verrate er die Harmonie. Zudem hat er es laut Studie wohl nicht geschafft, sich ein passenden Image zuzulegen. Er erscheine vielen immer noch als "Bürohengst".
Guido Westerwelle (FDP) habe sich dagegen gehäutet: Vom Egozentriker zum Volkstribun. Mit seiner Partei biete er den Wählern ein "sympathische Projektionsfeld für eigene Wünsche". So sei die FDP auch für die Verdränger unter den SPD-Wählern attraktiv. Die aktiven SPDler liebäugelten dagegen mit der Linken, die Konsequenzen für die Schuldigen der Krise verspricht. Manche wählten sie aber nicht - aus Angst, auf Privilegien verzichten zu müssen.
Den Grünen, die ebenfalls die Aktiven ansprächen, fehle ein Sprachrohr wie einst Joschka Fischer. Zudem schrecke ihr Ansatz ab, den Einzelnen beim Umweltschutz in die Pflicht zu nehmen. In der Krise verschöben die Wähler angesichts der Angst um den Arbeitsplatz nachhaltiges Handeln auf eine bessere Zukunft.
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