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09. Juli 2012

Wehrdienst in Israel : Ende der Schonzeit für Ultraorthodoxe

 Von Inge Günther
Zur Demo mit dem Gewehr: israelischer Soldat am Samstag.  Foto: Afp

Nach einer Soldaten-Demo in Tel Aviv will die Regierung in Israel die Wehrpflicht auch auf ultraorthodoxe Gläubige ausweiten.

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TEL AVIV –  
Israels Militär

Zahal – so der hebräische Namen der israelischen Armee – nimmt eine besondere Rolle im Gefüge der Gesellschaft Israels ein: Ohne die Streitkräfte gäbe es den Staat nicht. Dienen ist Ehrensache und garantiert das Überleben aller.

Der Mythos beginnt mit dem Unabhängigkeitskrieg 1948, als der gerade per UN-Resolution ins Leben gerufene Staat Israel sich der Angriffe eines guten halben Dutzends arabischer Staaten erwehren musste.

Die Überhöhung des Militärs in Israel kann tendenziell zu Intoleranz gegenüber jedem, der nicht dient, führen – nicht nur gegenüber den Frommen.

Sie sind in Uniform zur Demo erschienen, drei Reservisten der Infanterie, jeder 27 Jahre alt. Sie haben nicht nur, kaum dass sie aus der Schule raus waren, drei Jahre beim Militär verbracht, sondern sind auch heute noch dabei: jedes Jahr vier Wochen. Studium, Beruf, Familie müssen dann zurückstehen. Die Drei sind stolz, ihrem Land zu dienen. Doch jetzt, sagen sie, seien sie’s endgültig satt, sich wie „Freier“ vorzukommen, wie im israelischen Jargon jene genannt werden, die sich ausnutzen lassen.

Dieses Gefühl teilen sie an diesem schwülen Samstagabend mit über 20.000 anderen Israelis, darunter Ex-Generäle, Kriegsveteranen und aktive Soldaten, die vor dem Museum in Tel Aviv gegen „Drückeberger“ protestieren. „Dienst für alle“ steht auf ihren Plakaten. Ob der in der Armee oder in Krankenhäusern absolviert wird, ist ihnen egal. Hauptsache mit den Privilegien und Ausnahmeregeln für die „Haredim“, die Ultrafrommen, werde aufgeräumt.

"Netanjahu kuscht vor den Ultraorthodoxen"

Es ist ein Querschnitt der schweigenden Mehrheit in Israel, die sich hier versammelt hat. Die meisten sind keine Linken, eher Wähler von Likud oder Kadima, aber sie nehmen kein Blatt vor den Mund, sobald das Gespräch auf Benjamin Netanjahus Regierung kommt. „Jeder weiß, dass wir eine Wehrreform brauchen“, sagt einer der Reservisten. „Das Problem ist, dass wir einen Premier haben, der keinen Mumm besitzt. Der kuscht doch vor den ultraorthodoxen Parteien.“

So despektierlich hat man sich im israelischen Mainstream selten über „Bibi“ Netanjahu geäußert. Schonungslos drücken es auch die Kommentatoren aus. „Mangel an Führungsstärke“ gehört noch zu den harmloseren Vorwürfen. Wieder mal habe sich sein Hang zum „Zickzack-Kurs“ und „Panikattacken“ offenbart.

Keine Frage, Netanjahus Manöver von letzter Woche, aus Rücksicht auf die religiösen Parteien den „Plesner-Ausschuss“ für ein neues Wehrgesetz – das Lieblingsprojekt seiner Koalitionspartner von der Zentrumspartei Kadima – aufzulösen, war ein Eigentor. Wie sehr der Premier aufs falsche Pferd gesetzt hat, scheint ihm erst übers Wochenende gedämmert zu sein, als ihm in Tel Aviv die säkularen Massen Druck machten.

Nun soll ein Gesetzentwurf her

Seine Kehrtwende vollzieht sich bei der sonntäglichen Kabinettssitzung. Es sei an der Zeit, verkündet Netanjahu da, dass jeder Bürger die Lasten mittrage. Die Ultraorthodoxen müssten verstehen, dass es, so wie es ist, nicht weitergehe, sprich: dass sich nicht jeder wegen Religionsstudien vom Militärdienst befreien lassen könne. Und auch die arabischen Israelis sollen zur Pflicht gerufen werden. Netanjahu spricht von einem „nötigen historischen Schritt“.

Prompt billigt der Likud die eben noch verpönten Empfehlungen für mehr Wehrgerechtigkeit. Darauf aufbauend soll jetzt ein neues Team, so hat es der Premier mit Kadima-Chef Schaul Mofas verabredet, schnellstmöglich einen Gesetzentwurf vorlegen.

Ein Problem bleibt, Netanjahus Glaubwürdigkeit. „Wir können nur beten“, so Ben Caspit, Journalist und Unterstützer der Proteste in Tel Aviv, dass das Vorgehen gegen Iran professioneller geplant werde als das neue Wehrgesetz.

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