Derzeit leben rund 42 Millionen Opfer von Konflikten und Verfolgung außer- und innerhalb ihres Heimatlandes als Flüchtlinge - viele von ihnen bereits seit Jahren.
Allein sechs Millionen Flüchtlinge harren seit fünf Jahren und länger im Exil aus, zumeist in Flüchtlingslagern. Nicht mitgezählt sind jene Millionen von Menschen, die innerhalb ihres Heimatlandes vertrieben worden sind. Ihre weltweite Gesamtzahl übersteigt jene der Flüchtlinge bei weitem. Viele von ihnen haben ihre Häuser, Dörfer und Städte seit Jahrzehnten nicht wiedergesehen.
António Guterres ist seit 2005 Hoher Flüchtlings- kommissar der Vereinten Nationen. Zuvor war er Premier in Portugal und Präsident der Sozialistischen Internationale.
Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) ist mit dem Schutz von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen weltweit beauftragt.
Die Organisation beschäftigt gut 6500 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern. Das UNHCR stützt seine Arbeit auf die Genfer Flüchtlingskonvention (1951).
Internationales Recht unterscheidet zwischen Flüchtlingen und Binnenvertriebenen. Solche Unterscheidungen sind jedoch aus der Perspektive von Betroffenen absurd. Sie alle wurden aus ihren Häusern vertrieben und haben alles verloren. Wer fliehen musste, verdient Hilfe, unabhängig davon, ob man es über eine Grenze geschafft hat oder nicht. Deshalb arbeitet das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) zusammen mit anderen UN-Organisationen für Binnenvertriebene ebenso wie für Flüchtlinge. Doch dabei ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten.
Wo die Flüchtlinge herkommen, FR-Infografik/Galanty
Flüchtlinge wie Binnenvertriebene brauchen Nahrungsmittel, Unterkünfte, medizinische Versorgung, saubere hygienische Bedingungen, Sicherheit, Schulen und andere grundlegenden Güter. In der Realität ist man hiervon jedoch oft weit entfernt. Belegt wird dies durch einige aktuelle Beispiele aus einer UNHCR-Untersuchung:
In Kamerun sind 17 Prozent aller Flüchtlingskinder aus der zentralafrikanischen Republik unterernährt. Die Sterblichkeitsrate in einigen Regionen ist sieben Mal höher als normalerweise in humanitären Krisensituationen. Weniger als ein Drittel der Mädchen gehen zur Schule.
In Ecuador wissen viele Kolumbianer nicht, dass sie ein Recht haben, Asyl zu suchen. Tausende haben sich in unzugänglichen Gebieten des Landes versteckt. Angehörige indigener Völker und alleinstehende Frauen und Kinder sind ständig in Gefahr, ausgebeutet und missbraucht zu werden.
In Georgien gibt es viele Binnenvertriebene, die seit 15 Jahren in überfüllten Aufnahmeeinrichtungen leben, ohne funktionierende Heizung und sanitäre Anlagen.
In Thailand leben mehr als 100 000 Flüchtlinge und Asylsuchende aus Myanmar in beengten Lagern. Die stets wachsende Frustration hat zu zunehmender Gewalt und Missbrauch geführt.
Es sind die armen Staaten dieser Welt, die für die Aufnahme von Flüchtlingen den höchsten Preis bezahlen. Den lauthalsen Parolen populistischer Politiker und Medien in einigen Industriestaaten zum Trotz: Es bleibt eine Tatsache, dass sich 80 Prozent der Flüchtlinge und Binnenvertrtriebene weltweit in Entwicklungsländern befinden.
Je länger Konflikte ohne greifbare Lösungen andauern, desto größer wird der Druck in vielen dieser Staaten. Sie stehen gleichsam am Siedepunkt und benötigen deshalb dringend mehr internationale Hilfe. Bleibt diese aus, werden UNHCR und andere UN-Organisationen weiterhin gezwungen sein, die schreckliche Entscheidung darüber zu treffen, wer keine, eigentlich unabdingbare Unterstützung erhält.
Unsere Fähigkeit zu helfen ist auch dadurch beeinträchtigt, dass das sogenannte humanitäre Umfeld, in dem wir arbeiten, sich immer weiter verändert. Wir beobachten, wie Konflikte eine Vielzahl von bewaffneten Gruppen auf den Plan rufen - einige von ihnen sehen humanitäre Helfer offensichtlich als legitimes Ziel ihrer Angriffe, so wie vor wenigen Tagen, als ein UNHCR-Mitarbeiter bei einem Bombenanschlag auf ein Hotel in Peschawar sein Leben ließ. Er war bereits der zweite UNHCR-Mitarbeiter, der in diesem Jahr getötet wurde.
Wir müssen auch mitansehen, wie Regierungen sich auf ihre staatliche Souveränität versteifen, um Hilfe an Binnenvertriebene zu verhindern. Zudem drohen die Unterschiede zwischen Militärs und humanitären Helfern verwischt zu werden, vor allem in bewaffneten, friedenserhaltenden Einsätzen, in denen es keinen Frieden gibt.
Die globale Wirtschaftskrise vertieft die Kluft zwischen Nord und Süd. Zusammen mit wachsender Fremdenfeindlichkeit, dem Klimawandel, dem Ausbruch neuer wie der Fortdauer alter Konflikte ergeben sich so eine Vielzahl von Ursachen, die das ohnehin schon massive Problem von Flucht und Vertreibung weiter verschärfen.
Seit Anfang dieses Jahres wurden Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen, in Pakistan, Sri Lanka, Somalia und anderswo. So stellen sich für uns fast jeden Tag unüberwindbar erscheinende Herausforderungen.
Der Weltflüchtlingstag am 20. Juni bietet die passende Gelegenheit, an die 42 Millionen Flüchtlinge und Vetriebenen weltweit zu erinnern, die darauf warten heimzukehren. Sie gehören zu den am meisten gefährdeten Menschen auf der Welt. Sie dürfen nicht im Schatten der Aufmerksamkeit bleiben.
Die gleiche internationale Gemeinschaft, die sich verpflichtet fühlt, dreistellige Milliardensummen in den Erhalt der Finanzsysteme zu pumpen, sollte eine solche Verpflichtung zur Rettung auch gegenüber diesen Menschen in größter Not verspüren können.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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