Damit hatte selbst Piratenkenner Andrew Mwangura nicht gerechnet. "Die haben den Jackpot geplündert", sagte der Gründer des kenianischen Hilfsprogramms für Seefahrer der FR. Die Kaperung des saudi-arabischen Supertankers Sirius Star am Montag war ein Höhepunkt der jahrelangen Professionalisierung der somalischen Seeräuber.
Die legten am Dienstag und Mittwoch nach: Sie brachten einen Frachter aus Hongkong mit 25 Besatzungsmitgliedern in ihre Gewalt, wie das Internationale Schifffahrtsbüro in London mitteilte. Laut BBC geriet zudem ein Fischtrawler aus dem Pazifikstaat Kiribati mit zwölf Mann an Bord in die Fänge der Piraten.
Interaktive Grafik: Piraten-Überfälle
Der griechische Rundfunk berichtete am Mittwochmorgen, ein griechisches Schiff mit 23 Besatzungsmitgliedern an Bord sei gekapert worden. Den Überfall habe der Kapitän der Reederei noch per Funk melden können, bevor die Piraten das Schiff enterten. Die indische Marine versenkte unterdessen vor Somalia ein Piratenschiff. Die Fregatte "INS Tabar", die im Golf von Aden patrouilliert, sei von den somalischen Seeräubern am Vorabend unter Beschuss genommen worden, berichtete die Nachrichtenagentur IANS.
Einen weiteren Angriff von Piraten auf einen Tanker im Golf von Aden konnte dagegen die deutsche Marine vereiteln. Nach einem Hilferuf des britischen Schiffes habe die Fregatte Karlsruhe einen bewaffneten Hubschrauber losgeschickt.
Als sich dieser dem Tanker Trafalgar näherte, ließen die Seeräuber nach Angaben der Marine von dem Schiff ab. Sie hatten den Tanker mit etwa acht Schnellbooten angegriffen. Bereits am Vortag bewahrte die deutsche Fregatte den Angaben zufolge einen äthiopischen Frachter vor Seeräubern.
Handelte es sich bei den ersten Freibeutern noch um Fischer, die sich gegen ausländische Kutterflotten zur Wehr setzten, hat sich die Piraterie am Horn von Afrika inzwischen zu einem Millionengeschäft gemausert. "Sie sind nicht nur gut ausgerüstet, sie sind auch taktisch höchst versiert", räumt der US-Admiral Michael Mullen ein. Niemand hatte erwartet, dass die Piraten selbst 450 Seemeilen von der ostafrikanischen Küste entfernt mitten im Indischen Ozean zuschlagen würden, wo die Sirius Star unterwegs war.
Möglich wird das durch den Einsatz sogenannter Mutterschiffe, die die Seeräuber schon früher gekapert haben. Oft täusche ein solches Schiff technische Probleme vor, um dem Opfer nahe zu kommen, sagt Experte Mwangura. Plötzlich tauchen dann Schnellboote hinter dem Mutterschiff auf, von denen die Seeräuber mit Seilen oder Leitern die Beute entern. Sind sie an Bord, können die in der Region aktiven internationalen Marine-Einheiten kaum noch etwas ausrichten: "Sie haben dann ja Geiseln in ihrer Gewalt, deren Leben wir nicht gefährden können", sagt US-Admiral Mullen.
Laut Mwangura bilden die einstigen Fischer noch immer den Kern der unzähligen somalischen Piratentruppen. Ihre Navigationskünste und ihre Kenntnis des Meeres sind unersetzlich. Hinzu kommen mittlerweile rund 3000 Milizionäre mit Erfahrung aus dem Bürgerkrieg. Die meist das Rauschmittel Khat kauenden somalischen Milizionäre gelten als verwegenste Haudegen der Welt.
Unverzichtbar sind aber auch die technischen Experten, die mit modernsten Kommunikationsmitteln von der Küste mit den Reedern verhandeln. Derzeit wird für die Freigabe eines Schiffes mindestens eine Million Dollar bezahlt - für den Sirius Star wird sicher ein Vielfaches fällig. Weder bei Mwangura noch bei der Schiffsgesellschaft Vela International sind bisher Forderungen eingegangen.
Agenten in London, Dubai, Tokio
Laut Mwangura lassen immer häufiger "Agenten" aus London, Dubai oder Tokio den Seeräubern wertvolle Informationen über Schiffsrouten und Ladung zukommen. Anders seien Coups wie die Kaperung des ukrainischen Schiffes MV Faina mit 33 Panzern an Bord nicht zu erklären. Über die Freilassung der Faina wird seit Anfang Oktober verhandelt: Angeblich kann die Reederei Tomex Team die acht Millionen Dollar nicht auftreiben, die die Piraten verlangen. Nach einer Studie der britischen Denkfabrik Chatham House nahmen die Seeräuber allein in diesem Jahr schon mehr als 30 Millionen Dollar ein - bei bis dahin 83 versuchten Überfällen, von denen 33 erfolgreich waren.
Dass die knapp 20 Kriegsschiffe, die zehn Nationen in die Region entsandt haben, die Seeräuberei stoppen können, halten Fachleute für ausgeschlossen. Das riesige Seegebiet passieren jährlich mehr als 20.000 Schiffe. Jedes einzelne müsste von einem Kriegsschiff begleitet werden, um Überfälle auszuschließen.
Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der Angriffe von Seeräubern in der Region laut dem Internationalen Schifffahrtsbüro auf insgesamt 95 erhöht. "Eine militärische Lösung wird es am Horn von Afrika niemals geben", ist Mwangura überzeugt: Solange das chaotische Somalia nicht zur Ruhe komme, sei die Seeräuberei nicht zu stoppen.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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