Wenn Hilfswerke Lebensmittel in die Dritte Welt schaffen und damit dort die Preise drücken, setzen sie sich dem Vorwurf aus, sie machten die lokalen Bauernwirtschaften kaputt. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) will es besser machen und die benötigten Lebensmittel in der Regel in der Region selbst einkaufen. Doch in Ostafrika steigen nun die ohnehin atemberaubend hohen Preise ins Unermessliche: Nachdem das WFP im Verlauf dieses Jahres allein fast 100 000 Tonnen Mais für die Dürreopfer am Horn von Afrika einkaufte, verknappte sich das Angebot derart, dass der Preis pro Tonne auf bis zu 450 Dollar schnellte. „Das WFP verschlimmert die Probleme, statt sie zu lösen“, sagte der kenianische Ökonom Robert Shaw der Frankfurter Rundschau. „Diese Einkäufe sollten sofort eingestellt werden.“
Bis in die 90er Jahre hatte die Hilfsorganisation ausschließlich Lebensmittel verteilt, die aus den Industrienationen stammten – mit verheerenden Auswirkungen für die lokalen Märkte, weil Kleinbauern in den umliegenden Regionen durch die kostenlosen ausländischen Importe um ihre Verdienstmöglichkeiten gebracht wurden. Schritt für Schritt setzte das Welternährungsprogramm deshalb durch, dass die Gebernationen im Krisenfall Geld statt Naturalien zur Verfügung stellten. Die Lebensmittelhilfe zur Bekämpfung der derzeitigen Hungersnot am Horn von Afrika stammt nach Angaben des WFP zu 90 Prozent aus eigenen Einkäufen und nur zu zehn Prozent aus gespendeten Nahrungsmitteln.
Durch die seit 2009 währende Dürre leiden die Märkte am Horn von Afrika allerdings unter einer akuten Angebotsknappheit. Preise, wie sie derzeit in Ostafrika verlangt würden, habe er in seiner über 30-jährigen Tätigkeit für die UN-Organisation noch nie erlebt, sagte WFP-Chefeinkäufer Joop Menkveld der Frankfurter Rundschau. Um seinen Bedarf an Lebensmitteln für die derzeitige Hungersnot am Horn von Afrika abzudecken, erwarb das Hilfswerk Ende April sogar 18.000 Tonnen Mais aus der strategischen Nahrungsmittelreserve Kenias. Zu diesem Zeitpunkt war längst klar, dass Kenia mitsamt der gesamten Region in eine akute Krise schlittern würde. „In einer solchen Situation verbietet es sich für eine große Hilfsorganisation wie das WFP, etwas aus dem ohnehin angespannten heimischen Markt zu nehmen“, kritisiert Ökonom Shaw.
Kenia verkauft Mais aus strategischer Reserve
Doch das WFP befindet sich in einer Zwangslage: Da die internationale Gemeinschaft meist erst in letzter Minute auf seine Unterstützungsaufrufe reagiert, muss das Hilfswerk in akuten Krisen große Mengen an Lebensmitteln in kürzester Zeit erwerben. Im jüngsten Fall wurden die Versorgungsschwierigkeiten noch dadurch verschlimmert, dass Kenia keinen genmanipulierten Mais im Land duldet, nicht einmal in seinen Häfen, wo ein großer Teil der Hilfe für das benachbarte Somalia gelöscht und auf Lkw umgeladen wird. Deshalb sei der Import von Mais aus Ländern wie Südafrika oder Argentinien, wo genmanipulierter Mais angepflanzt wird, ausgeschlossen, sagt WFP-Chefeinkäufer Menkveld: „Das wirkt sich äußerst negativ auf unsere Möglichkeiten aus.“
Auch die Hoffnung des WFP, in Tansania 35.000 Tonnen Mais einkaufen zu können, zerschlug sich. Die Regierung verhängte angesichts des knappen Angebots im eigenen Land ein Ausfuhrverbot für Lebensmittel und ist nicht bereit, dieses für das Hilfswerk auszusetzen. In Uganda wiederum konnte das WFP vor wenigen Tagen 10.000 Tonnen Mais erwerben. Doch auch dort wirkt sich die Dürre aus: Wegen der hohen Lebensmittelpreise kam es vor wenigen Wochen in der Hauptstadt Kampala zu tagelangen Protesten, Dutzende Menschen starben.
Bereits 2010 erwarb das Welternährungsprogramm auch in Äthiopien insgesamt 250 000 Tonnen an Mais und Weizen. Sie wurden vor allem für die Linderung der durch die Überschwemmung ausgelösten Not in Pakistan verwendet. Die Einkäufe erfolgten fast ausschließlich im letzten Drittel des Jahres, nachdem die Regierung ein Ausfuhrverbot vorübergehend ausgesetzt hatte. Schon damals zeichnete sich jedoch ab, dass die Region wegen der ausbleibenden Regenfälle in die Bredouille geraten könnte.
Wie eine eigentlich gut gemeinte Initiative in einer Krise scheitern kann, wird an einem Programm des Hilfswerks besonders deutlich, das vor wenigen Jahren mit großem Tamtam aus der Taufe gehoben wurde. Im Rahmen des Projekts „Einkauf für Fortschritt“ (im WFP-Jargon P4P genannt) versucht das Hilfswerk, Teile seines Bedarfs an Lebensmitteln direkt von in Kooperativen zusammengeschlossenen Kleinbauern zu beziehen. Sie erhalten dadurch Planungssicherheit, und da das WFP Marktpreise zusichert, entfällt die Kommission der Zwischenhändler.
Doch im gegenwärtigen Ernstfall erweist sich das Programm als unbrauchbar. Für 2011 hatte das WFP in Ostafrika Lieferverträge über gut 15.000 Tonnen Getreide abgeschlossen. Tatsächlich geliefert wurden nur 2000. Den Rest verkauften die Kleinbauern lieber direkt auf dem Markt, wo sie die inzwischen viel höhere Preise erzielen konnten. Das WFP könnte die vertragsbrüchigen Bauern jetzt zwar vor den Kadi ziehen. Doch auch das wäre kaum im Sinne des Fortschritts-Programms.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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