kalaydo.de Anzeigen

Reis' Parteitag: Wenn sie ihre Tage haben

Es hat sich ein Zweiparteiensystem herausgebildet. Die Deutsche Dafür Partei und die Deutsche Dagegen Partei, schreibt Satiriker Thomas Reis.

Thomas Reis, gezeichnet von Jakob Hinrichs.
Thomas Reis, gezeichnet von Jakob Hinrichs.
Foto: J. Hinrichs

Die Rede ist nicht von der Frau im Allgemeinen, auch nicht von Angela Merkel im Besonderen, sondern von der Partei selbst. Wenn eine Partei ihre Tage hat, wird sie unausstehlich, dann kennt die keine Verwandten mehr und schon gar keine Partner. Die arme FDP fand bei Angelas Parteitagsrede so wenig Beachtung wie bei ihrer fulminanten Bundestagsrede. Die FDP ist für Frau Merkel offenbar nicht weiter erwähnenswert. Was blieb von großer Liebe, Treueschwur und Traumehe? Nichts, für die Liberalen wurde die CDU zur Lebensabschieds-, also zur Sterbebegleiterin. Es ist nicht damit zu rechnen, dass die FDP noch lang am politischen Willen mitwürgt. Das gilt auch für die Linkspartei und erst recht für die SPD, denn in Deutschland hat sich ein Zweiparteiensystem herauskristallisiert.

Die Deutsche Dafür Partei einerseits und die Deutsche Dagegen Partei andererseits. DDP kontra DDP. Damit es nicht zu Verwechslungen kommt, nennen wir sie die Partei der Neinsager (ehemals Grüne) und die Partei der Jasager (schon immer die CDU). Das Bejahende hat in der Union Tradition, ich möchte nur an Angelas unmissverständliches Ja zum Irakkrieg erinnern oder an Helmut Kohls legendäre Implementierung des Platitotes, der doppelten Bejahung, in die deutsche Grammatik. Ich meine nicht seine Ausführung zum Feminismus: Wer Ja sagt zur Familie, muss auch Ja sagen zur Frau, sondern die Mutter aller Antworten: Ich bejahe diese Frage rundherum mit Ja.

Der Satiriker

Thomas Reis, 45, ist eigentlich Historiker und uneigentlich Kabarettist („Ich bin gerne Kabarettist, aber Henker beneide ich doch. Die verändern Menschen wirklich.“).


Große Erfolge erzielte er zuletzt mit seinen Programmen „Gibt’s ein Leben über 40?“ und „Machen Frauen wirklich glücklich?“. Reis (www.thomasreis.de) blickt regelmäßig in der FR auf die Ereignisse des Monats zurück.

Diesem christdemokratischen Positivismus war bislang nichts hinzuzufügen, bis zur großen Parteitagsrede von Angela Merkel, die nicht mehr nur Ja, sondern wieder mehr Ja und Amen sagen möchte, denn Deutschland braucht mehr Christentum. Was meint Sie damit? Mehr Nächstenliebe? Kaum, so wie sie auf den Grünen, ihrem übernächsten Koalitionspartner, herumgehackt hat. Was meint sie dann mit mehr Christentum? Mehr Kreuzigung? Mehr Vertreibung der Philister aus ihrem heiligen Land? Mehr Sintflut, mehr Beichte, mehr Streckbank, mehr Kindesmissbrauch, mehr Kirchensteuer oder mehr Weihnachtsmann und noch mehr Advent? Das am ehesten, denn der Gabenkrieg kurbelt die Binnenwirtschaft an, aber vermutlich meint sie schlicht mehr Merkel, mehr Anbetung. Ist das möglich? Kann unserer engelsgleichen Erz-Angela, unserer himmlischen Herrscherin, noch mehr Huldigung widerfahren?

Du sollst keine Angela haben neben mir, das ist das erste Gebot des Merkeltums und das hat auch der letzte Unionspolitiker kapiert. Will er nicht wie Oettinger im Endlager für politische Restrisiken (Brüssel) verkümmern, dann hält er die Schnauze, wenn Angela selbige aufmacht. Wer Rotkäppchen kennt, fragt kein zweites Mal: Großmutter, warum hast du so einen großen Mund?

Wer Grüne für Chaoten hält, hält Carpendale für Punk

Angela unterschätzt keiner mehr, sie macht’s wie jene Seeschlange, die sich tot stellt und von ihren natürlichen Feinden annagen lässt, um dann giftig zuzuschnappen. Angela schnappt am liebsten zu, wenn sie ihre Parteitage hat. Das Unionspokemon hat sich entwickelt, von der grauen Zonenbarbie zur schwarzen Äbtissin der Christenheit. Ihr letzter Fauxpas liegt lang zurück, da ging sie noch mit der SPD und hat stolz verkündet: Wir haben in 18 Monaten mehr erreicht als so mancher in einem ganzen Jahr. Das war ihr einziger Lapsus in fünf Jahren, das ist schlecht fürs Geschäft, für meins. Anstatt sich standesgemäß zu verplappern, sagt sie meist nichts, aber das macht sie sehr kontrolliert, weil sie aus dem Osten kommt. So ein Ossi ist bereits als Medienprofi aufgewachsen, denn in der DDR war auf jeden Kohlrabi eine Kamera gerichtet, das schult, da wurdest du immer schon begoogled und belidelt, für uns ist das neu. Angela weiß genau, was, wann, wie zu sagen ist und wo, auf dem CDU Parteitag in Karlsruhe, der Stadt der Grünengründung.

Die Grünen selbst hatten ihre Tage in Freiburg, da, wo die alternative Lebensform längst zur Herrschaftskultur verkommen ist. Da überfällt mich Wehmut. Einst war Freiburg Zentrum politischen Widerstands und hedonistischer Randale, Metropole von Hausbesetzern, Ökokriegern und linksintellektuellen Fußballfans, der Schauplatz spektakulärer Straßenkämpfe und brennender Barrikaden, heute ist Freiburg die Inkarnation eines kerngesunden rotwangigen Gartenzwergstaats von bedrückender Spießigkeit, gefangen unter einer Käseglocke bionadiger Langeweile und biederer Effizienz, Alptraum des Anarchisten und idealtypisches Idyll des deutschen Michels.

Wer die Grünen für Chaoten hält, der hält Howard Carpendale für Punk. Ich fürchte, der Grüne von heute hört seinen Punk so, als wäre es Howard Carpendale.

Die Grünen? Ich bin mir nicht sicher, was mir lieber ist, die äußerst seltsamen, aber kampfbereiten Romantiker von früher oder die betulichen Betroffenheitsapologeten von heute. Früher hatten die Grünen Köpfe, aber die waren laut Parteibeschluss zu entfernen (Stichwort Basis), heute dürfte die Partei Köpfe haben, hat aber nur noch Frisuren, es ist ja nicht nur Claudi Roth. Nun, dafür ist die grüne Basis nicht mehr ganz so durchgeknallt wie einst, da will keiner mehr die Männer aus der Partei ausschließen oder Pädophile unter Naturschutz stellen, aber die Basis ist immer noch bescheuert genug, gegen Olympische Spiele zu votieren, um die Wahl in Baden-Württemberg doch noch zu verlieren.

Die grüne Basis bevorzugt es, ein Murmeltier bei Garmisch moralisch zu unterstützen, anstatt ein Bundesland aus der Agonie zu reißen und zukunftstauglich umzubauen. Ist das panische Angst vor Verantwortung oder unverantwortlich? Beides, deswegen wird Cem Özdemir nicht müde zu schwäbulieren: Wer uns wählt, wählt die Zumutung. Mag sein, aber es grenzt an Schwachsinn, so was zu postulieren. Die Grünen haben es schon schwer, mit sich, wenn irgendwo kein Fettnapf steht, wird in der nächsten Energieeffizienz-WG schnell einer besorgt. Und ewig grüßt uns Joseph Beuys, der Fettnapfgeist, der auch bei Hamburgs Grünen spukt, die Aufkündigung von Schwarz-Grün, jetzt, im grünen Stimmungshoch, das ist gutes Timing, zu gut, das mag der Wähler gar nicht.

Der Fettnapfpluralismus ist die eigentliche Kontinuität der Grünen. Denken Sie an die 5-Mark-pro-Liter-Sprit-Idee oder Jute statt Plastik. Auf den Säcken hätte als Verbraucherhinweis stehen müssen: Dioxinhaltiges Qualitätsprodukt der Kinderhandwerkskammer Kalkutta. Aber das mit den Juten haben wir nicht gewusst, das war weit weg, außerdem war der Jutesack, unser Moralsamsonite, ein primäres Geschäftsmerkmal des Gutmenschen, ebenso wie der Bundeswehr-Parka, der gehörte auch zur pazifistischen Grundausstattung, an den Schulterstücken hatten wir enorm vaterlandslos das Deutschlandfähnchen abgerissen. Da haben wir's dem Establishment mal so richtig besorgt, das Fähnchen so was von abgerissen, erst selbst, dann gab's die so ab Werk von C&A, die angry young collection.

Angela, die unkreative Suppenköchin

Diese tapsige Gutmenschlichkeit macht die Grünen liebenswert, Angela weiß schon, warum sie so auf sie eindrischt. Die Grünen werden ihr zu mächtig, die SPD hingegen, da ist zwar nicht mehr viel, aber als Mehrheitsbeschaffer taugt sie allemal, die 14 Prozent von der FDP sind auch für die SPD noch mal drin, zumindest in zwei Jahren noch.

Was macht Angela, die unkreative Suppenköchin und risikoscheue Angstpolitikerin (US-Diplomat lt. Wikileaks) so stark? Merkel unterscheidet sich nicht prinzipiell vom Spitzenpersonal der SPD. Angela hat auch keinen Standpunkt, aber den vertritt sie vehement, denn sie ist eine sture Pfarrerstochter wie viele große Deutsche. Denken Sie an Gudrun Ensslin, Hermann Hesse, Friedrich Nietzsche, Ephraim Lessing, alles Pfarrerstöchter. Müntefering, Pfarrerstochter. Dürrenmatt, gut, der war kein Deutscher, aber er schrieb die Physiker. Angela ist Physikerin und hat schon so manches Teilchen beschleunigt: Wulff, Koch, Oettinger, Stoiber, Rüttgers, nicht zu vergessen Merz.

Autor:  Thomas Reis
Datum:  3 | 12 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!