Jerusalem. Sie umarmen sich kurz, Charlotte Knobloch und Guido Westerwelle. Eben noch hat der neue Außenminister ins Gästebuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geschrieben: "Wir werden nicht vergessen. Unsere Verantwortung bleibt - und unsere Freundschaft wächst." Und nun liegen sich Westerwelle und die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland in den Armen. Es ist ein Symbol, ganz nach dem Sinn des neuen Außenministers, der wie kein zweiter auf Symbolik setzt.
Klaus Kinkel hatte ihm den Tipp mit Knobloch gegeben. "Überlegen Sie mal", hatte Kinkel gesagt, "ob Sie nicht die Präsidentin des Zentralrats der Juden mitnehmen". Westerwelle hat überlegt, und nun steht Knobloch ihm bei seinem heikelsten Antrittsbesuch zur Seite. Schließlich will er einen Eindruck verwischen, den er bei seinem letzten Besuch in Israel hinterlassen hatte.
Denn es gibt da diese leidige Sache, das "Thema Zwei-Zwei", wie der FDP-Vorsitzende es in der Rückschau nennt. Im Jahr 2002 war Westerwelle zuletzt in Israel, die Atmosphäre dieses Besuchs bestimmte aber nicht er, sondern ein gewisser Jürgen W. Möllemann, der gerade dabei war, für sein "Projekt 18" Stimmen zu sammeln, auch am rechten Rand des politischen Spektrums. Harsche Kritik an Israel und an Zentralrats-Vize Michel Friedman inbegriffen. Ob Möllemann all dies auf eigene Rechnung tat oder mit Billigung des jungen Vorsitzenden Westerwelles, spielt längst keine Rolle mehr.
Westerwelle jedenfalls musste sich wie ein Schulbube vom damaligen Premier Ariel Scharon vor laufenden Kameras abmeiern lassen, dass sich Scharon Sorgen mache wegen neuer "antisemitischer Tendenzen". Als Außenminister hat Westerwelle von damals gelernt. So begleitet ihn nun Knobloch bei seinem nächtlichen Besuch durch die Gedenkstätte auf dem Berg der Erinnerung von Jerusalem.
Westerwelle nimmt sich viel Zeit für Yad Vashem, lässt noch einmal das ganze furchtbare Grauen der Judenvernichtung vorführen. Seht her, soll das heißen, die Shoa bleibt auch für mich Verpflichtung. In Israel sieht man solche Symbole gern.
Avigdor Lieberman ist ein stämmiger Mann mit kurzen Haaren und misstrauischem Blick. Er ist der Chef der rechtsnationalen Partei Unser Haus Israel, Außenminister Israels und wegen seiner nationalistischen Positionen in der Diplomatenwelt nicht wohl gelitten. Der 51-Jährige weiß das. Und womöglich leidet er ein wenig darunter, jedenfalls will er einen Draht in diese internationale Gemeinschaft knüpfen: Der Draht heißt Westerwelle.
Nun ist Guido Westerwelle ein Mensch, der viel Wert auf Form und Etikette legt. Mit Freundlichkeit, Respekt und rheinischer Fröhlichkeit will er den Menschen begegnen, seit er das Auswärtige Amt führt. Deshalb stehen nun Lieberman und Westerwelle nebeneinander im Pressesaal des Außenministeriums und stellen fast gut gelaunt fest, dass sie in Fragen des iranischen Atomprogramms einer Meinung sind. Bis Jahresende müssten Fortschritte in den Gesprächen mit Teheran her, sonst würde es Sanktionen heben. "Unsere Geduld ist nicht unendlich", sagt Westerwelle. Und in Fragen eines israelischen Siedlungsstopps? Da habe man eben, wen überrascht es, unterschiedliche Auffassungen, über die man aber in "freundlicher Ehrlichkeit" gesprochen habe, sagt er.
Beim letzten Besuch eines deutschen Außenministers war die Stimmung frostiger. Mit kaum verhohlener Frustration stand Frank-Walter Steinmeier (SPD) Anfang Juli in einem schäbigen Raum des Hotels King David neben Lieberman und unternahm nicht mal den Versuch, das Treffen schön zu reden. Kaum erträglich sei es gewesen, flüsterten Teilnehmer. Kaum ein Wort zur Siedlungspolitik oder zum Friedensprozess habe Lieberman wechseln wollen, sondern lieber gewunden über das Regime in Nordkorea monologisiert.
Fortschritt in Millimetern
Außenminister Westerwelle ist Novize in der Nahostpolitik, wo Fortschritt in Millimetern berechnet wird. Im Gepäck hat er die klassischen Formeln von der Zwei-Staaten-Lösung, an der man festhalte, vom Friedensprozess, der schnell wieder in Gang kommen müsse, und vom Siedlungsstopp, der doch längst vereinbart und eine zentrale Voraussetzung für die weiteren Gespräche sei.
Elf Kilometer und einen Check-Point von der Altstadt Jerusalem entfernt liegt Ramallah, der Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde. Der Raum ist eng und vollgepfropft mit Journalisten. Hinter den Rednerpulten hängen Bilder von Yassir Arafat und Mahmut Abbas. Am Mikrofon steht Premierminister Salam Fayyad. Ein kleiner Mann mit freundlichem Lächeln, sonorer Stimme und der unerschütterlichen Hoffnung, dass der Friedensprozess wieder in Gang kommt. Fayyad findet nette Worte für die Deutschen und mahnt, dass die Palästinenser einen eigenen Staat bekommen sollen. Er baue auf die internationale Gemeinschaft. Dann schüttelt man sich die Hände - und geht wieder auseinander. Es ist der Antrittsbesuch Westerwelles in einer Region, die ihn seine gesamte Amtszeit beschäftigen wird.
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