Santiago. Blau, weiß oder gelbe flattern sie im Wind: Die Plastikabsperrbänder um einige Gebäude von Santiago de Chile sind an diesem müden Sommersonntagnachmittag die einzigen Hinweise in der Hauptstadt auf das, was am 27. Februar das Land im wahrsten Sinne des Wortes erschüttert hat. Fassaden weisen Risse auf, Mauerstücke sind auf den Gehsteig gefallen, Straßenbrücken beschädigt.
Nicht mal eine Minute lang hatte das Erdbeben gedauert, dessen Epizentrum 325 Kilometer südwestlich von Santiago die Chile lag. Mit der ungeheuren Wucht von 8,8 auf der Richterskala erschütterte es Chile, tötete mindestens 500 Menschen und zerstörte weite Teile der Großstadt Concepcíon. Seither hat es zahlreiche Nachbeben gegeben - auch am Sonntag, kurz bevor Guido Westerwelle zu einem Kurzbesuch eintrifft.
Sie sprechen inzwischen nur noch vom "tragischen Siebundzwanzigsten". Von der "schweren Prüfung", die Chile nun schultern müsse. Aber auch von Wiederaufbau. Westerwelle will seinen Besuch als "Geste der Solidarität" verstanden wissen. Kurzfristig hat er den Abstecher in seine einwöchige Südamerika-Reise aufgenommen, die ihn nach Argentinien, Uruguay und Brasilien führt. Und er ist dabei nicht der Versuchung erlegen, direkt ins Krisengebiet von Concepcíon zu fliegen. "Da würden wir nur zur Last fallen", sagt der Außenminister - und hat wahrscheinlich recht.
Auch über dem Hauptportal des Präsidentenpalasts, dem Palacio de la Moneda, klaffen Lücken im Mauerwerk, Ziegel sind herabgefallen. Dennoch ist der 220 Jahre alte Bau sicherer als das nahe gelegene Außenministerium, wo Westerwelle seinen Amtskollegen Mariano Fernández eigentlich treffen sollte. Doch ein Nachbeben hat frische Risse im Mauerwerk hervorgerufen, deshalb sind die Gastgeber in den Palacio umgezogen. Dort würdigt Fernández, ein sympathischer Mann mit grauem Haar und einer eleganten Gelassenheit, den Besuch aus Deutschland als einen "weiteren Beweis" der internationalen Solidarität, die Chile seit dem Erdbeben erlebt habe.
Westerwelle hat nicht nur tröstende Worte im Gepäck, sondern unter anderem vier Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW), die in den nächsten Tagen in Concepcíon mithelfen sollen, die Statik beschädigter Gebäude einzuschätzen. Zelte, ein Dialysegerät und ein Spezialgenerator wurden auf Wunsch der chilenischen Regierung ebenfalls kurzfristig in die Regierungsmaschine gewuchtet, um zu helfen. Hilfe im Gesamtwert von 600.000 Euro.
Nun sitzt der Bundesminister des Äußeren im noblen Stadtteil Las Condes auf der Terrasse von Sebastián Pinera und ist beeindruckt. Energisch und entschieden umreißt der künftige Präsident Chiles, der in dieser Woche die Amtsgeschäfte übernimmt, gerade seine Sicht der Dinge. Pinera ist so etwas wie Lateinamerikas seriösere Ausgabe von Silvio Berlusconi. Ein Multi-Millionär mit unzähligen Finanzbeteiligungen, großem Charisma und einem noblen Wohnsitz in Las Condes.
Von dem Erdbeben will sich der 60-Jährige in seinen Plänen für Chile nicht bremsen lassen. Gerade schien das Land die Weltwirtschaftskrise zu überwinden. Nach 14 Monate Baustopp haben im Januar die Arbeiten an Lateinamerikas voraussichtlich höchstem Gebäude wiederbegonnen. 300 Meter soll der Gran Torre Costanera einmal zählen. Erdbebensicher sei er, versichern seine Erbauer. Und ein Zeichen neuen Selbstbewusstseins Chiles soll er sein. Denn das Erdbeben, das will Chile soll schnell wie möglich vergessen machen.
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