kalaydo.de Anzeigen

Whistleblower: Wer Verstöße aufdeckt, muss büßen

Insider, die auspacken, sind wichtig für die Gesellschaft - bezahlen aber oft bitter für ihren Mut. Von Matthias Thieme

Rücktritt dank Whistleblowern: US-Skandal-Präsident Nixon.
Rücktritt dank Whistleblowern: US-Skandal-Präsident Nixon.
Foto: Getty

Mitte der 70er Jahre stieß der Chef der Steuerfahndung von St. Augustin, Regierungsdirektor Klaus Förster, auf eine Bombe: Er entdeckte die Stiftung "Europäische Unternehmensberatungsanstalt (EU)" mit Sitz im liechtensteinischen Vaduz, die sich als Geldwaschanlage für die CDU herausstellte. Hier wurde Schwarzgeld für die Parteikasse gewaschen und versteckt, ein krasser Verstoß gegen das Parteiengesetz und Steuerhinterziehung in Reinform.

Hilfe gab es für Förster keine, im Gegenteil: Die Oberfinanzdirektion Köln, das Finanzministerium Düsseldorf - alle versuchten, ihn zu stoppen. Doch der Steuerfahnder machte weiter. Klaus Försters Fund löste die "Flick-Affäre" aus, einen der größten Skandale der Nachkriegszeit: Um eine Steuerbefreiung in hoher dreistelliger Millionenhöhe zu erreichen, hatte der Flick-Konzern Politiker und Parteien bezahlt. Steuerfahnder Förster, ein gefeierter Held des Rechtsstaates? Von wegen: Förster erhielt immer schlechtere dienstliche Beurteilungen, wurde gemobbt und zwangsversetzt. Die Rache der Finanzverwaltung wirkte: Der Fahnder gab schließlich auf und quittierte den Dienst.

Die Steuerfahnder-Affäre

Ein starkes Stück Hessen: Verfolgen Sie die FR-Recherchen zu dem Fall.

Auch die vier hessischen Steuerfahnder, die im Schwarzgeld-Skandal der CDU und gegen Steuerhinterziehung von großen Banken ermittelten, wurden gemobbt und aus dem Dienst gedrängt. Besonderheit in diesem Fall: Sie wurden mit vorsätzlich falschen psychiatrischen Gutachten für paranoid erklärt.

"Es ist völlig absurd, dass Zeugen geschützt und Whistleblower verfolgt werden", sagt Medienprofessor Johannes Ludwig, der sich auf der Internetseite "anstageslicht.de" mit der Geschichte von "Whistleblowern" beschäftigt - Menschen, die aus dem Inneren einer Organisation heraus auf Missstände hinweisen. "Die Frankfurter Fahnder haben die Commerzbank der vielfachen aktiven Beihilfe zur Steuerhinterziehung überführt", so Ludwig. Allein dort seien aufgrund der Arbeit der Steuerfahnder 60000 Strafverfahren eingeleitet worden. Später ermittelten die Fahnder auch gegen Steuerhinterziehung via Liechtenstein. "Man darf nicht vergessen, dass die Steuerfahnder genau dort ermittelten, wo für die CDU und die Banken große Risiken bestanden", sagt Ludwig.

Die hessische CDU habe "ein zutiefst gebrochenes Verhältnis zu den Fahndern gehabt", so Ludwig. "Nachdem die Zaunkönig-Stiftung der CDU in Liechtenstein aufgeflogen war, wurde begonnen, das Banken-Team der Steuerfahndung Frankfurt zu zerschlagen und die Fahnder zu versetzen." Die zeitliche Nähe dieser Ereignisse sei auffällig. Ludwig erinnert daran, dass im Frankfurter Banken-Team ursprünglich 50 Fahnder protestierten, nachdem ihnen verboten worden war, große Steuerhinterziehung wirksam weiter zu verfolgen. "Sie wurden alle zur Amtsleitung gerufen und klein gemacht", so Ludwig. "Alle Fahnder, die danach ihre verfassungsrechtlich geschützten Rechte in Anspruch nahmen, wurden rausgemobbt." Die restlichen vier - Rudolf Schmenger, Marco Wehner sowie Heiko und Tina Feser - wurden mit falschen Gutachten für paranoid erklärt. "Das ist unfassbar", so Ludwig. "So etwas kennen wir nur aus Ländern, wo Tyrannen herrschen."

Bislang endete die Geschichte selten gut für Aufdecker von Verstößen: Werner Borcharding etwa war in den 90er Jahren Steuerprüfer im Finanzamt Münster und entdeckte, dass hohe Beamte im Finanzamt und in der Oberfinanzdirektion Münster die Steuerhinterziehung einer großen Farbenfirma deckten. Er informierte die Staatsanwaltschaft. Die Folgen für den Fahnder: Er wurde ausgegrenzt, gemobbt und gab nach elf Jahren entnervt auf. Die Firma kam mit einem Bußgeld davon. Die verantwortlichen Finanzbeamten wurden nie belangt.

Autor:  Matthias Thieme
Datum:  19 | 1 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Neuste Bildergalerien Politik
Ein Zettel mit dem Aufruf "Naziaufmärsche stoppen" von Gegnern einer Neonazi-Demonstration liegt in Dresden auf der Straße
Dresden wehrt sich gegen Neonazis
Sicherheitsleute begutachten ein beschädigtes Auto vor der israelischen Botschaft in Neu Delhi.
Anschläge auf israelische Diplomaten
Der griechische Ministerpräsident Lucas Papademos (r) spricht mit Finanzminister Evangelos Venizelos, während vor dem Parlamentsgebäude die Straßenschlachten toben. Foto: Pantelis Saitas
Athen nimmt nächste Hürde - Schwere Krawalle
Blick aus einem Kleinflugzeug auf die winterlich verschneite Stadt Lübbenau im Spreewald. Foto: Patrick Pleul
Winterzauber in Deutschland - Schneechaos auf Balkan
Der abgewählte Oberbürgermeister Adolf Sauerland verlässt nach einer kurzen Ansprache eine Bühne im Rathaus in Duisburg. Foto: Bernd Thissen
Duisburger OB Sauerland verliert sein Amt
Die Internetgemeinde ist zornig - denn hinter dem Urheberrechtsabkommen ACTA - das offiziell gegen Piraterie helfen soll - vermuten sie einen Angriff auf die Meinungsfreiheit und Zensur.
Protest gegen Acta
Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (240 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Videos
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Meistgeklickt
Mohamadou Idrissou: Noch reicht die Kraft nicht für 90 Minuten, vielleicht reicht sie aber für Fortuna Düsseldorf?
Eintracht gegen Fortuna 
Moderator Günther Jauch.
Günther Jauch 
Gegen seine alten Kollegen in der Startelf: Bamba Anderson.
Eintracht gegen Fortuna 
Ohne Draht zum Volk: Adolf Sauerland.
Kommentar zu Sauerland 
Interaktive Karte
Die Karte Freiheit im Internet 2011 wurde von der NGO Freedom House erstellt - und von der FR als Google Map umgesetzt.

FR-online.de zeigt die Ergebnisse der Studie "Freedom on the Net 2011" in einer interaktiven Karte.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!