Bei den Protesten in Georgien gegen Präsident Michail Saakaschwili vor einem Jahr sollen einflussreiche Verbrecherkartelle eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Auf entsprechende Hinweise sind österreichische Fahnder bei ihren Ermittlungen gegen eine europaweit agierende georgische Mafia-Organisation gestoßen. Aus einem Ermittlungsbericht des österreichischen Bundeskriminalamtes (BKA), der der Frankfurter Rundschau vorliegt, geht hervor, dass die Organisation mit Hilfe hochrangiger Beamter des Innenministeriums in Tiflis 2009 offenbar den Sturz der georgischen Regierung plante.
Saakaschwili hatte im Januar 2004 nach der friedlichen "Rosenrevolution" das Präsidentenamt von Eduard Schewardnadse übernommen. Kurz darauf startete er eine Anti-Korruptions-Kampagne, in deren Folge bestechliche Staatsdiener entlassen und Mafia-Paten verhaftet wurden.
Auch die Unruhen im zentralasiatischen Kirgistan sollen unter Beteiligung krimineller Clans entstanden sein, glauben die meisten internationalen Beobachter. Der gestürzte und nach Weißrussland geflohene Präsident Kurmanbek Bakijew soll die Unruhen über alte Seilschaften eingeheizt haben, denen es um wirtschaftlichen Einfluss und die Kontrolle einer der wichtigen globalen Drogenrouten aus den Mohnanbaugebieten in Afghanistan ging.
Im Süden Kirgistans wurden am Montag bei Gefechten zwischen kirgisischen Soldaten und Angehörigen der usbekischen Minderheit nach Angaben eines kirgisischen Polizeisprechers mindestens zwei Menschen getötet und weitere 17 verletzt. In der Stadt Osch, die bereits in den vergangenen Tagen Hauptschauplatz der Gewaltausbrüche war, hätten die Soldaten die Bewohner aufgefordert, Barrikaden zu beseitigen und Waffen abzugeben. Nachdem die Usbeken dies verweigerten, marschierten die Truppen in das Viertel ein.
2000 Menschen waren Schätzungen zufolge bei den Unruhen in den vergangenen Tagen ums Leben gekommen. Etwa 400.000 Menschen flohen vor den Kämpfen, davon rund 100.000 in das benachbarte Usbekistan. Helfer warnen vor der Gefahr von Seuchen in den Flüchtlingslagern. (olk/dpa)
Nachdem 2008 sein vergeblicher Versuch, die abtrünnige Provinz Süd-Ossetien militärisch zurückzuerobern, in einen kurzen Krieg mit Russland geführt hatte, verstärkte sich die Unzufriedenheit in der georgischen Bevölkerung. Im Frühjahr 2009 kam es vor allem in Tiflis zu wochenlangen Protesten: Die Opposition forderte den Rücktritt Saakaschwilis und politische Reformen. Dass die georgische Mafia versucht haben soll, diese demokratischen Proteste zu unterwandern und für ihre Interessen auszunutzen, war bislang nicht bekannt.
Auf die Spur der Mafiagruppe waren die Ermittler durch eine mehr als ein Jahr andauernde Telefonüberwachung von in Westeuropa lebenden Georgiern gestoßen. Im März schließlich schlugen die Sicherheitsbehörden in einer konzertierten Polizeiaktion in mehreren Ländern zu. Im Zuge der "Operation Java" wurden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Spanien insgesamt 75 Personen festgenommen. Allein in Deutschland wurden 17 Haftbefehle vollstreckt. Federführend war das österreichische BKA, da wichtige Führungspersonen der Gruppe in Wien lebten und der Großteil ihrer Geldwäscheoperationen über die Donaurepublik abgewickelt wurde.
Drahtzieher in Griechenland
Geführt wird die Organisation, die einem Unternehmen ähnlich aufgebaut und streng hierarchisch gegliedert ist, von Lascha Schuschanaschwili. Der Georgier lebt in Griechenland. Die Ergebnisse der Telefonüberwachung flossen kurz vor der Festnahmeaktion vom 15. März in einen 66 Seiten umfassenden Ermittlungsbericht des BKA in Wien ein. Darin heißt es: "Ein weiteres erklärtes Ziel der Organisation besteht darin, durch die Organisierung von gewalttätigen Demonstrationen und Veranlassung einschlägiger Medienberichte die politische Lage in Georgien zu destabilisieren, um mit Hilfe korrumpierter hochrangiger Beamter des georgischen Innenministeriums den Sturz der demokratisch gewählten Regierung, insbesondere des amtierenden Innenministers und des Präsidenten zu erreichen."
Der Grund dafür seien die Anti-Korruptions-Gesetze Saakaschwilis, die eine Reihe von Mafia-Paten dazu zwangen, ihre Geschäfte ins Ausland zu verlegen. Vom Sturz der Regierung habe sich die georgische Mafia erhofft, "ihren bis 2005 bestehenden Einfluss wiederzuerlangen und nach Georgien zurückkehren zu können", heißt es in dem Bericht.
Aus den abgehörten Telefonaten in Österreich und Deutschland erfuhren die Beamten demnach, dass der - inzwischen festgenommene - Inhaber eines Restaurants im Wiener Stadtzentrum als "Bindeglied" zwischen der Schuschanaschwili-Organisation und der außerparlamentarischen georgischen Opposition fungierte.
Der Restaurantsbesitzer stehe in ständigem Kontakt mit dem in Moskau lebenden Igor Giorgadze, heißt es in dem Bericht. Giorgadze ist ehemaliger georgischer Staatssicherheitsminister, der sich im September 1995 nach einem gescheiterten Anschlag gegen den damaligen Präsidenten Schewardnadse nach Russland abgesetzt hatte. Tiflis fahndet über Interpol mit internationalem Haftbefehl nach ihm.
Weiter heißt es in dem Bericht: "Dieser Giorgadze ist bestrebt, einen Umsturz in Georgien herbeizuführen, indem Demonstrationen organisiert und durch Provokationen Polizeikräfte zu Gewaltausbrüchen verleitet werden sollen. Anschließend sollen in von ihnen kontrollierten Medien Berichte und Kampagnen gestartet werden, welche zum Sturz der Regierung führen sollen."
Offenbar versuchte die Mafia-Gruppe nicht nur über die Opposition Einfluss zu nehmen, sondern infiltrierte auch Diplomatenkreise. Laut dem Wiener BKA-Bericht unterhielten "die in Österreich aufhältigen führenden Mitglieder der Organisation einen engen Kontakt zu Angehörigen der georgischen Botschaft bzw. des georgischen Konsulats und werden von diesen unterstützt und mit Informationen versorgt".
Die österreichischen Ermittlungsbehörden sind sich der politischen Brisanz ihrer Erkenntnisse offenbar bewusst. In den Verfahrensunterlagen gegen die Schuschanaschwili-Organisation werden ausweislich des Ermittlungsberichts die Abhörprotokolle "betreffend politischer Einflussnahme in Georgien" separat aufbewahrt. Ob sie daher bei dem anstehenden Prozess gegen die Mafia-Angehörigen in das Verfahren eingebracht werden, ist fraglich.
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