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17. Februar 2011

Wirbel um Doktorarbeit: Nur noch Witze über Guttenberg

 Von Steffen Hebestreit
Muss sich schwerer Vorwürfe erwehren: Karl-Theodor zu Guttenberg.  Foto: dapd

Kennen Sie den schon: Warum will Ursula von der Leyen nicht mehr neben Guttenberg am Kabinettstisch sitzen? Weil der immer abschreibe. In Berlin wird gelacht und gelästert über die Abschreibaffäre des Minister zu Guttenberg.

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BERLIN –  

Ein Monteur kommt ins Verteidigungsministerium. An der Pforte wird er vom wachhabenden Soldaten gefragt, was er will. „Ich soll hier den Kopierer reparieren“, sagt der Monteur. „Oh“, entgegnet der Soldat, „das geht heute nicht, der Minister ist in Afghanistan.“

Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) taugt in diesen Tagen in der Koalition wunderbar für Witze. Glucksend jagt ein Kalauer den anderen, wenn die Sprache auf den Doktortitel des Ministers kommt. Ursula von der Leyen (CDU) wolle nicht mehr neben Guttenberg am Kabinettstisch sitzen, erzählt einer, weil der immer abschreibe. Gelächter.

Wie viele Passagen seiner 475 Seiten lange Dissertation der 39-Jährige tatsächlich abgeschrieben hat, ohne die nötigen Quellenangaben zu machen oder auch nur auf die wirklichen Urheber seiner Gedanken zu verweisen, das beschäftigt im Augenblick nicht nur das stets aufgeregte politische Berlin. Eine wachsende Schar von privaten Zitatenjägern geht im Internet auf die Suche.

Clevere Zeitgenossen haben eine eigene Seite geschaltet, die immer neue Fundstellen aufführt, in denen Guttenberg angeblich in seiner Arbeit gegen die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens verstoßen und sich die Gedanken anderer angeeignet habe, ohne es kenntlich zu machen (de.guttenplag.wikia.com/wiki/). Fast 30 zweifelhafte Fundstellen sind bis zum späten Nachmittag dort vermerkt, Tendenz steigend.

Drei Autoren für vier Seiten

Allein für die dünne, nicht mal vier Seiten lange Einleitung in sein Thema sind inzwischen mindestens drei Autoren gefunden, bei denen sich der Freiherr oft über mehrere Absätze freimütig bedient hat. Nicht nur die Veröffentlichung eines FAZ-Artikels, sondern auch Vorträge des Bonner Integrationsforschers Ludger Kühnhardt sowie eines US-Botschafters der EU scheinen bei Guttenberg so nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben, dass er weite Teile seiner Einleitung einfach ihren Texten entlehnte. Was umso mehr verwundert, weil Einleitung und Schluss einer wissenschaftlichen Arbeit eigentlich die Königsdisziplin sind, wo Fragestellungen erläutert, Thesen formuliert und das erkenntnisleitende Interesse dargelegt werden.

Die Universität Bayreuth forderte ihren Prädikats-Studenten („Summa cum laude“) am Donnerstag auf, eine schriftliche Erklärung zu den Vorwürfen abzugeben. Dies gehöre zum Standardverfahren in solchen Fällen, hieß es. Offenbar rechnet die Alma mater des Verteidigungsministers damit, dass die Prüfung der Plagiatsvorwürfe, die der Bremer Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano erhoben hatte, mindestens zwei Monate dauern wird. Die bayerische FDP-Vorsitzende und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verlangte eine zügige und umfassende Prüfung der Vorwürfe, warnte aber vor jeder Form der Vorverurteilung.


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Während die Opposition ihr Glück über den strauchelnden Superstar kaum fassen kann, mischt sich in die offenkundige Schadenfreude der schwarz-gelben Koalition über das Malheur ihres Überfliegers inzwischen auch die Sorge, dass nicht allein Guttenberg durch die Affäre beschädigt werden könnte, sondern die gesamte Regierung. „Niemand will einen Rücktritt“, betonten am Donnerstag gleich mehrere Stellen bei Union und FDP.

Andererseits fällt es selbst den erfahrensten Koalitionären schwer, die Brisanz der Affäre für den Publikumsliebling der Regierung einzuschätzen. „Für Guttenberg haben bei allen Skandalen immer eigene Gesetze gegolten“, heißt es bei Schwarz-Gelb. Seine Fehleinschätzung des Militärschlags von Kundus, seine widersprüchlichen Angaben zur Entlassung von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn und Staatssekretär Peter Wichert, selbst sein offenkundiger Bruch mit den vorher gemachten Sparversprechungen hätten zwar für Unmut in den eigenen Reihen gesorgt, seiner Popularität beim (Wahl-)Volk aber niemals einen Abbruch getan. Im Gegenteil. Diesmal aber, so unken sie bei CDU/CSU, „kann es richtig gefährlich werden für Guttenberg“. Schließlich gebe es niemanden mehr, auf den sich die Verantwortung abladen lasse.

Der angeschlagene Verteidigungsminister selbst weilte am Donnerstag fern der Heimat bei einer seit längerem geplanten Afghanistan-Kurzvisite. Ausnahmsweise nahm Guttenberg keine Journalisten und Kameras mit, als er den Außenposten Nord nahe Kundus besuchte. Kurz nach seiner Abreise starben bei einem Anschlag wenige Kilometer entfernt zwei Afghanen.

Doch Afghanistan interessiert derzeit wenig, die Doktorarbeit des Ministers über den Vergleich von EU-Verfassung und US-Constitution viel. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), selbst Opfer der Abschreibe, drehte den Spieß jetzt um. In einer Anzeige wirbt das Schweizer Blatt mit dem Slogan: „NZZ lesen: Summa cum laude – Universität Bayreuth.“

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