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31. Januar 2011

Wirtschaftsexpertin Helga Lukoschat im Interview: "Wer Frauen nicht fördert, schadet sich selbst"

Helga Lukoschat von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft. Foto: Privat

Die Wirtschaftsexpertin Helga Lukoschat spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über Familie und Karriere, Quoten und Selbstverpflichtung.

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Frau Lukoschat, Frauen in Spitzenpositionen sind in Deutschland noch immer Ausnahmen. Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden?

Wenn die Wirtschaft den vorhandenen Talentepool qualifizierter Frauen nicht nutzt, ist der Schaden immens – gerade angesichts des prognostizierten Fachkräftemangels. Es bietet daher große Vorteile, Frauen einzustellen. Es reicht aber nicht, nur nach den jungen Frauen zu rufen, sondern sie müssen dann tatsächlich auch die gleichen Aufstiegschancen wie Männer haben.

Was muss sich in den Unternehmen ändern?

Arbeitskultur und Karrierewege müssen modernisiert werden. Eine Familienphase darf nicht mehr zum Abbruch der Karriere führen. Ich sehe eine historische Chance für Firmen darin, Stellen so attraktiv für junge Frauen, aber auch für Männer zu gestalten, dass eine Karriere mit Kindern möglich ist. Konkret bedeutet das, dass Mütter kürzer aus dem Berufsleben ausscheiden und anschließend wieder auf die gleiche Position kommen.

Oft sind Frauen aus familiären Gründen gezwungen, im Job zurückzustecken oder den Job sogar ganz aufzugeben.

Die Firmen müssen sich dann nach neuen, qualifizierten Kräften umsehen. Eine Schweizer Studie hat gezeigt, dass es sich rechnet, Frauen im Betrieb zu halten und gezielt zu fördern – und zwar umso mehr, desto qualifizierter sie sind. Ein Viertel aller Ausgaben, die Firmen in die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf investieren, kommt später direkt dem Betrieb zugute, weil etwa Ausfallzeiten stark reduziert werden. Im Gegenzug erhöht das die Motivation der Mitarbeiterinnen und ihre Bindung an das Unternehmen.

Helfen Quoten, damit Frauen in den Chefetagen künftig stärker vertreten sind?

Grundlegend ist doch, dass Firmen selbst das Thema ernsthaft angehen. Damit meine ich nicht einzelne Fördermaßnahmen für Frauen. Der Ansatz liegt hinter uns. Man muss nun strategisch ansetzen. Es gilt, das Bewusstsein zu verändern und ganz konkrete Schritte im Personalmanagement zu gehen. Es geht also um eine tiefe Verankerung in der Unternehmenskultur. Damit ist es das Topthema für die Unternehmensleitung. Untersuchungen zeigen, dass dabei Zielvorgaben ausgesprochen hilfreich sind. Manche Unternehmen wie die Telekom und Daimler sind da bereits vorangegangen. Viele Firmen überlegen sich das ernsthaft, aber scheuen eine feste Quote.

Und wofür plädieren Sie?

Der Gesetzgeber sollte die Quotierung von Aufsichtsräten zügig umsetzen. Es ist strategisch klug, dort zu beginnen, denn das sind politische Gremien. Außerdem besetzt der Aufsichtsrat auch den Vorstand eines Unternehmens. Ich bin sicher, dass aktuell genug qualifizierte Frauen dafür bereitstünden, etwa aus dem Mittelstand, internationalen Kanzleien, Nichtregierungsorganisationen, aber auch aus Verbänden und Vereinen. Da muss man nicht warten, das kann man sofort in Angriff nehmen. Das trifft auch in der Wirtschaft auf relativ große Zustimmung.

Und wie steht es mit der Quotierung von Vorständen?

Das sehe ich zurückhaltender, weil damit unmittelbar in die Unternehmensführung eingegriffen wird. Daher spricht in meinen Augen viel dafür, dass sich Firmen je nach Branche und Größe ihre eigenen Ziele stecken. Wenn das nach zwei, drei Jahren nicht fruchtet, kann man den nächsten Schritt gehen.

Noch haben es viele Frauen in Spitzenpositionen schwer, sich durchzusetzen. Gibt es Aussicht auf Besserung?

Wenn erst einmal die kritische Masse – ein Frauenanteil von 30 Prozent – überschritten ist, wird es leichter für sie. Die Unternehmen sollten aber auch bedenken, dass zunehmend Paare miteinander Karriere machen wollen, zunehmend Männer aktiv Väter sein wollen. Bewegt sich hier etwas, können auch Frauen einfacher Karriere machen.

Interview: Franziska Schubert

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