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11. Januar 2016

Wismar: Linken-Politiker soll Messerattentat erfunden haben

 Von  und 
Mit 17 Messerstichen wird ein Linken-Politiker in Wismar attackiert - das behauptet er zumindest. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. (Symbolbild)  Foto: Imago/Symbolbild

Nachwuchspolitiker Julian Kinzel hatte behauptet, von Rechtsextremen angegriffen worden zu sein. Die Staatsanwaltschaft Schwerin wirft ihm jedoch vor, die Attacke nur erfunden zu haben - und ermittelt wegen der Vortäuschung einer Straftat.

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Die angebliche Messerattacke von Rechtsradikalen auf den Wismarer Linken-Politiker Julian Kinzel hat nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft Schwerin gar nicht stattgefunden. Sie hat deshalb ein Ermittlungsverfahren gegen den 18-Jährigen eingeleitet. Es gehe um den Verdacht auf Vortäuschung einer Straftat, sagte ein Behördensprecher am Montag in Schwerin. Dies kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden. Die Untersuchungsergebnisse ließen die Ermittler zu dem Schluss kommen, dass Kinzel den Überfall auf sich erfunden hat, so ein Sprecher.

Kinzel hatte behauptet, vor einer Woche in Wismar von drei unbekannten, der rechten Szene angehörenden Männern angegriffen worden zu sein. Sie hätten ihn als „schwule Kommunistensau“ beschimpft und mit einem Messer mehrfach verletzt. Nur durch seinen dicken Mantel sei er schweren Verletzungen entgangen. Daran zweifelt die Staatsanwaltschaft erheblich.

Die Art der Verletzungen sei „nicht mit dem behaupteten Verlauf des Überfalls in Übereinstimmung zu bringen“, hieß es. Hingegen sei „eine Selbstbeibringung hinreichend wahrscheinlich". Recherchen des Norddeutschen Rundfunks hatten zuvor bereits ergeben, dass die Wunden Kinzels am Arm Schnitte zeigten, die kreuz und quer über den Unterarm verliefen. Dies sei nur schwerlich mit dem behaupteten Tathergang in Einklang zu bringen, sagte eine Gerichtsmedizinerin dem Sender. Merkwürdig schien ebenfalls, dass Kinzel nicht in der Lage war, den bei dem vermeintlichen Überfall beschädigten Mantel bei der Polizei vorzulegen. Kinzel zufolge wurde er ihm gestohlen. Von Anfang an herrschte Verwunderung darüber, dass das Opfer nicht sofort die Polizei gerufen hatte und erst einen Tag später Anzeige erstattete – und das auch bloß online, nicht persönlich.

Bartsch rechtfertigt seine Äußerungen

Der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, rechtfertigte unterdessen hat seine Äußerungen über einen möglicherweise rechtsextremistischen Hintergrund der Tat. „Ich will die Ermittlungen abwarten“, sagte er der Frankfurter Rundschau. „Danach werde ich mich äußern. Ich habe mich am Anfang dazu geäußert. Und zu den Äußerungen stehe ich auch.“ Bartsch hatte am 6. Januar unter anderem getwittert: „Viele Umstände dieses feigen Anschlags weisen auf einen rechtsextremen Hintergrund der Täter hin.“ Der Kreisvorsitzende Peter Brill betonte, für Kinzel, mit dem er in Kontakt stehe, gelte die Unschuldsvermutung.

Vergangene Woche hatte Brill am Telefon geschildert, wie sich die Tat angeblich ereignet hatte. Kinzel selbst war bereits da nicht zu sprechen. Nach Aussage Brills habe dieser offenbar Probleme mit dem Handy gehabt. Eine Kontaktaufnahme über Facebook kam ebenfalls nicht zu Stande. Kinzels letzter Eintrag stammt vom 5. Januar. Darin legt er sehr ausführlich dar, dass und wie er von drei Männern angegriffen worden sei. In Parteikreisen hieß es, Kinzel sei ein kluger junger Mann. Nichts habe darauf hingedeutet, dass er den Angriff erfunden haben könnte. Sollte dies doch der Fall sein, müsse er sich womöglich psychologische Hilfe holen.

Die Darstellung wirkte insofern plausibel, als es in Wismar und Umgebung eine starke rechtsextremistische Szene gibt. Im nahe gelegenen Dorf Jamel wohnt das Ehepaar Birgit und Horst Lohmeyer und ist dort von Neonazis umgeben. Am 13. August brannte auf ihrem Grundstück die Scheune nieder. Die Polizei geht von Brandstiftung aus.

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