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Endlagerung: Wohin mit russischem Atommüll?

Finnland, Schweden, Russland: Rund um die Ostsee soll noch ein Dutzend Atomkraftwerke entstehen. Völlig ungeklärt ist aber, wo der nukleare Müll untergebracht werden soll.

Der Turbinenraum in Olkiluoto.
Der Turbinenraum in Olkiluoto.
Foto: REUTERS
Kopenhagen –  

Nicht nur in Deutschland sind die Atomkraft und die Entsorgung des radioaktiven Abfalls wieder heiße Themen. Rund um die Ostsee ist ein Dutzend neuer Atomkraftwerke in Bau oder Planung, doch die Endverwahrung für den Atommüll ist nirgends geklärt – nicht einmal in Finnland, wo am AKW-Standort Olkiluoto Europas erstes Endlager gebaut wird.

Dort soll 2020 eine Lagerstätte für die Brennstäbe betriebsbereit sein. 500 Meter unter der Erde sollen sie in Kupferkanistern und Gneisschächten im Granitboden verwahrt werden – sicher für 100.000 Jahre, wie der Betreiber Posiva, ein Joint Venture der Energiekonzerne Fortum und TVO, behauptet. Die Bohrungen sind im Gang. Doch die Genehmigung für die Inbetriebnahme steht noch aus. Und es herrscht viel Skepsis, ob die Lösung tatsächlich langzeittauglich ist.

Müll nach Russland

Die geplanten Atommülltransporte aus dem Zwischenlager Ahaus ins russische Majak sollen Atomkraftgegnern zufolge vielleicht noch in diesem Jahr beginnen. Wie das Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen und die Initiative Kein Atommüll in Ahaus mitteilten,bereitet die Polizei einen Castor-Transport für den 15. und 16. Dezember vor. Einen Staatsvertrag gebe es noch nicht.

Das Innenministerium dementierte: „Wir planen definitiv keinen Transport von Ahaus nach Russland“, sagte ein Sprecher auf Nachfrage.

In Olkiluoto soll neben dem Atommüll der beiden dortigen Reaktoren und der beiden Atommeiler vom Standort Loviisa auch der Abfall des halbfertigen Olkiluoto 3 untergebracht werden. Es soll nach vielen Pannen und Verzögerungen 2013 ans Netz gehen.

Doch damit ist Finnlands Atomkraftprogramm nicht beendet. Im Sommer genehmigte die Regierung zwei weitere Reaktoren, einen vierten in Olkiluoto und einen im Norden des Landes, dessen Platzierung noch nicht feststeht. Für den Müll von Olkiluoto 4 will Posiva Platz schaffen, dann aber sei die Kapazität des Endlagers ausgeschöpft. Der Konkurrent Fennovoima – ein neues Konsortium, dem auch Eon angehört – muss sich daher um eine eigene Schlussverwahrung kümmern. Die Aufnahme von Nuklearabfall aus anderen europäischen Ländern wird in Finnland dezidiert ausgeschlossen. Finnischer Atomabfall werde nur in Finnland verwahrt, und nur finnischer Müll komme in den finnischen Boden, heißen die beiden Prinzipien, die formuliert wurden, als das Land in den neunziger Jahren den Atommüllexport nach Russland einstellte.

Auch Schweden hat konkrete Pläne

Außer in Finnland gibt es nur in Schweden konkrete Pläne für die Endverwahrung. Dort wurde Östhammar beim AKW-Standort Forsmark als Lagerstätte ausersehen, doch vor dem ersten Spatenstich müssen noch zahlreiche Untersuchungen durchgeführt werden. Schwedens Parlament hat das Bauverbot für neue AKW aufgehoben. Ausgediente Meiler dürfen nun am selben Standort durch Neubauten ersetzt werden.

So wachsen rund um die Ostsee die Atommüllberge. In Sosnovy Bor bei Sankt Petersburg sind zwei weitere Reaktoren in Bau, mit deren Fertigstellung 2013 und 2016 gerechnet wird. Für zwei weitere gibt es Genehmigungen. Sie sollen teilweise alte Kraftwerke ersetzen, die als die gefährlichsten im Ostseeraum gelten.

Auch in der russischen Exklave Kaliningrad haben die Fundamentarbeiten für zwei Reaktoren begonnen, obwohl das endgültige Plazet der Behörden noch fehlt. Die Meiler stehen in direkter Konkurrenz zu der Riesenanlage, die Litauen in Ignalina plant. Dort standen zwei Reaktoren aus Sowjetzeiten, deren Schließung Bedingung für den EU-Beitritt war. Als Ersatz will Vilnius gemeinsam mit Polen, Lettland und Estland ein Kraftwerk von 3400 MW Kapazität errichten, das damit Europas größtes wäre. Streit um die Verteilung von Kosten und Strom hat den Baubeginn stark verzögert, statt des ursprünglich avisierten Starts 2016 gilt nun eher 2020 als realistisch. Bei der Ausschreibung hat sich bisher nur das koreanische Unternehmen Kepco als Interessent gemeldet.

Überkapazitäten entstehen

Nahe der litauischen Grenze plant auch Weißrussland ein AKW am Nemunas-Fluss. Den Vorschlag des weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, die beiden Projekte zusammenzuschlagen, hat die litauische Staatsführung abgelehnt. Sollte das Ignalina-Projekt scheitern, denkt auch Estland an den Bau eines Atommeilers. Wie auch den Polen, die zwei Kraftwerke in Zarnowiec und Klempicz planen, geht es den Balten um Versorgungssicherheit mit eigener Energie, um die Abhängigkeit von russischem Erdgas zu mindern. Der Bau der Nord-Stream-Pipeline, der das Gas an ihren Küsten vorbei direkt nach Deutschland führt, hat diesen Wunsch nur noch verstärkt.

Die Folge ist eine enorme Überkapazität an Atomstrom in der Ostseeregion. Ignalina ist ebenso für den Export konzipiert wie die Kaliningrad-Meiler, die viel mehr Energie produzieren können als die heimische Bevölkerung benötigt.

Die Neubaupläne in Finnland und Schweden dienen offiziell der Deckung des wachsenden Eigenbedarfs, doch auch dort soll der überschüssige Strom in die Exportnetze eingespeist werden. Für die Endlagerung der radioaktiven Hinterlassenschaft suche man noch nach einer Lösung, heißt es derweil an den meisten AKW-Standorten an der Ostsee.

Autor:  Hannes Gamillscheg
Datum:  24 | 11 | 2010
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