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Wolfgang Clement: Chronik eines politischen Amoklaufs

Zähe Verhandlungen, hektische Telefonate: Wie Wolfgang Clement sogar seinen Anwalt Otto Schily überraschte. Von Annika Joeres.

Wolfgang Clement verlässt nach fast vierzig Jahren die SPD.
Wolfgang Clement verlässt nach fast vierzig Jahren die SPD.
Foto: rtr

Die Stimmung im Willy-Brandt war angespannt. Otto Schily telefonierte immer wieder hektisch mit seinem Mandanten. Als Wolfgang Clements Zukunft in der SPD verhandelt wurde, war der 68-Jährige abwesend. Er schickte seinen Parteifreund Schily, mit dem er nach eigenen Worten gerne auch privat ein Gläschen Wein trinkt, vor die Berliner Bundesschiedskommission. "Ich hatte nicht die Absicht, mich weiter an diesem Verfahren zu beteiligen", sagte Clement nur.

Nach Angaben von mehreren Teilnehmern war Schily sichtlich unwohl bei der Verhandlung. Mehrmals soll er mit Clement telefoniert haben, immer wieder hat der Ex-Wirtschaftsminister auf seiner unversöhnlichen Position beharrt. "Schily war sehr nervös", sagt Martin Rockel vom Bochumer Ortsverein Hamme, der ebenfalls an der Sitzung teil genommen hat. Sie hätten stundenlang um einen Kompromiss gerungen.

Herausgekommen ist ein halbseitiges Papier, das der Frankfurter Rundschau exklusiv vorliegt. Darin heißt es: "Ich habe aus meiner Sicht nicht dazu aufgefordert, die SPD oder ihre Vertreterinnen oder Vertreter nicht zu wählen. Ich werde aber bei der Wortwahl künftiger Äußerungen darauf achten, dass solche Missverständnisse nicht mehr entstehen." Ein Schlüsselsatz mit einem Anflug von Reue dafür, vor der hessischen Landtagswahl die SPD-Spitzenkandidatin Andra Ypsilanti öffentlich angegriffen und von ihrer Wahl abgeraten zu haben.

Gleichwohl bestand das Duo Clement/Schily auch in dieser eilig zusammengezimmerten Erklärung darauf, sich auch zukünftig "nach meinen festen Überzeugungen zu inhaltlichen politischen Fragen zu äußern".

Die schwammige Erklärung reichte der Kommission aus. Sie beschloss daraufhin, den Ende Juli von der Spruchkammer des nordrhein-westfälischen SPD-Verbandes verhängten Parteiausschluss aufzuheben. Die von Clements SPD-Unterbezirk Bochum im April ausgesprochene Rüge wurde dagegen bestätigt. Es war der kleinste gemeinsame Nenner aller Beteiligten. Alle sieben Ortsverbände stiegen daraufhin zufrieden um 17 Uhr in ihre Züge gen Heimat. Für sie war der Fall erledigt, die SPD-Welt wieder in Ordnung. "Die Partei ist ja kein Hühnerhaufen ohne Regeln", sagt Rockel.

Wenige Stunden später dann schickt Clement über die wirtschaftsnahe Zeitung Handelsblatt seine erste Kritik an der Rüge, noch ein paar Stunden später gibt er seinen Austritt bekannt.

In Nordrhein-Westfalen gibt es nur wenige, die ihrem früheren Ministerpräsidenten nachtrauern. "Ich habe Clement vor 25 Jahren als Pressesprecher der SPD kennen gelernt - damals war er noch ein anderer, sehr angenehmer Mensch", sagt der Bochumer Bundestagsabgeordnete Axel Schäfer. Heute sei er selbstherrlich und sag nur noch 'Ich, ich, ich'. Die Düsseldorfer Genossen machen sich ihren eigenen Reim auf Clements wechselhaftes Verhalten: Intern sind sie fest davon überzeugt, dass ihr Bochumer Genosse fest mit einem Rausschmiss gerechnet hatte - und sich dann als Märtyrer stilisieren wollte. Otto Schily jedenfalls teilt der Frankfurter Rundschau schriftlich mit, dass er sich zu "diesem Thema" nicht mehr äußern wird.

Autor:  ANNIKA JOERES
Datum:  25 | 11 | 2008
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