Am heutigen Freitag wird Klaus Wowereit sein lang erwartetes Buch über Integration vorstellen. Es sollte ursprünglich im Mai erscheinen, ist aber mit Rücksicht auf das (gescheiterte) Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin und auf den Berliner Wahlkampf verschoben worden.
Wer ein Antwortbuch auf Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ mit ähnlichem Potenzial für Talkshows und Schlagzeilen erwartet, dürfte enttäuscht werden. Schon der Titel ist sperrig: „Mut zur Integration. Für ein neues Miteinander.“ Die Kapitelüberschriften klingen wie vom Polit-Schreibroboter erstellt: „Ängste ernst nehmen, statt Ängste schüren“, „Vielfalt als Chance“. Anders als Sarrazin hat Wowereit kein wissenschaftliches Sachbuch geschrieben. Die Streitschrift, erschienen im SPD-nahen Vorwärts-Verlag, ist mit 166 Seiten viel dünner als Sarrazins 460-Seiten Konvolut. Es gibt keine Statistiken und Schaubilder. Trotzdem lohnt sich die Lektüre - weil Wowereit zum ersten Mal seinen Gegenentwurf zu Sarrazin präsentiert und damit auch ein Signal an die Genossen im Bund sendet.
Integration ist für Wowereit keine ethnische oder religiöse, sondern eine soziale Frage, bei der es darum geht, das Auseinanderdriften der Gesellschaft insgesamt zu verhindern. Nicht nur die türkischen und arabischen Einwanderer aus Neukölln, sondern auch die Rentnerin, die alleinerziehende Mutter, der Homosexuelle - sie alle sollen in die Gesellschaft eingebunden werden. Wowereit folgt mit dieser Definition der gängigen, eher links orientierten Forschung. Die SPD habe das Thema lange vernachlässigt, habe Probleme wie Zwangsheirat, Kriminalität, Arbeitslosigkeit nicht angesprochen, schreibt Wowereit selbstkritisch.
Berlin soll Modellstadt werden
Nun hat er die Integration als „soziale Gestaltungsfrage des 21. Jahrhunderts“ entdeckt. Er will an die Maximen der 70er-Jahre-Sozialdemokratie mit ihrer Aufstiegsmentalität anknüpfen; an Willy Brandt, der das Bafög einführte, das Arbeiterkindern das Studium ermöglichte. Wowereit will den Aufstiegswillen wecken und fördern - und führt sich dabei selbst als Vorzeige-Migrant an. Seine Mutter Hertha wuchs in Ostpreußen auf. „Die Wowereits haben einen Migrationshintergrund“, schreibt er stolz.
Den Willen zum Aufstieg habe er von seiner Mutter geerbt, die allein in Lichtenrade fünf Kinder großzog. Trotz widriger Umstände kämpfte er sich nach oben. „Das Geheimnis lag darin, dass wir beide wollten, das Land wollte mich und ich wollte nach oben.“
Wie das heute klappen könnte, schildert Wowereit in den hinteren Kapiteln. Berlin solle Modellstadt für den Bund werden. Er fordert eine Kita-Pflicht. „Es muss zu einer Selbstverständlichkeit werden, das eigene Kind in die Kita zu schicken“, schreibt er. Bußgelder für Schulschwänzer lehnt er ab, ebenso wie eine Migranten-Quote in Gremien. Zur Anerkennung von ausländischen Abschlüssen stellt Wowereit ein Projekt namens „Kick Start“ vor, bei dem Abschlüsse in Ingenieurswissenschaften schneller anerkannt werden sollen.
Es stecken gute Ideen in dem Buch, es gibt aber auch Widersprüche. Warum hat er sich in den vergangenen zehn Jahren in der Regierung nicht stärker um das Thema gekümmert? Einerseits will Wowereit nicht mehr in Kategorien wie „Wir“ und „Ihr“ denken, andererseits hat er genau das mit dem im vergangenen Jahr verabschiedeten Partizipations- und Integrationsgesetz legitimiert. Darin ist festgeschrieben, dass Migranten stärker gefördert werden sollen. Vereine, die die praktische Integrationsarbeit leisten sollen, müssen sich ethnisch voneinander abgrenzen, damit sie in den relevanten Gremien sitzen dürfen.
Sarrazin, der Provokateur
Wenn der Name Sarrazin auftaucht, dann nur negativ. Er ist der Provokateur, der sich auf Kosten der SPD profiliert habe. „Eiskalt“ habe er das Dilemma der SPD beim Parteiausschlussverfahren ausgenutzt, so Wowereit. Ob er für oder gegen einen Ausschluss war, bleibt offen. Er setzt Sarrazin ausgerechnet mit Oskar Lafontaine gleich. Beide seien notorische Krawallmacher, die nicht an Lösungen interessiert seien. Das klingt hilflos, zumal er mit keinem Wort sein Verhältnis zu Sarrazin erläutert. Es ist so, als wäre Sarrazin nie Finanzsenator gewesen. Dabei hat Wowereit ihn nach Berlin geholt und lobte ihn später in den Vorstand der Bundesbank weg, als ihm seine Pöbeleien über Hartz-IV-Empfänger zu bunt wurden.
Anders als mit Polemik will sich Wowereit Sarrazin nicht ernsthaft widmen. Eine Analyse, warum seine Thesen über türkische und arabische Einwanderer auf so großen Widerhall stoßen konnten, was das über unsere Gesellschaft und das mangelnde Vertrauen in die Politik aussagt, das interessiert ihn nicht. Das sei alles menschenverachtende Hetze, die „die irrationalen deutschen Urängste vor Fremden“ zementiere. Wer so argumentiert, macht es sich sehr einfach.
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