Noch einmal soll ihr dieser Lapsus nicht passieren. Ursula von der Leyen will am Dienstag die Arbeitslosenzahlen präsentieren, als ein Journalist fragt, ob sie nach einem Rücktritt des Bundespräsidenten als Nachfolgerin bereitstünde. „Das kommentiere ich nicht“, antwortet die CDU-Politikerin regungslos. Vor anderthalb Jahren hatte sie ganz anders reagiert. Gerade war Horst Köhler als Staatsoberhaupt zurückgetreten, da legte von der Leyen auf die Frage nach ihren Ambitionen die Fingerspitzen vor die geschlossenen Lippen und lächelte vielsagend. Zwei Tage lang galt sie daraufhin als neue Präsidentin.
Ein Rücktritt erscheint nicht abwegig
Tatsächlich wurde aber Christian Wulff am 30. Juni 2010 gewählt. Der unglückliche Häuslebauer befindet sich zudem noch im Amt. Insofern sind Nachfolgeüberlegungen spekulativ. Abwegig aber erscheinen sie keineswegs. Erstens wäre Wulffs Rücktritt nach den Gesetzen des politischen Betriebes inzwischen überfällig. Zweitens könnte die Schwierigkeit von Kanzlerin Angela Merkel, einen Nachfolger zu finden, der Grund sein, der den Bundespräsidenten im Amt hält.
Was aber, wenn Wulff am Ende einer wochenlangen Selbstdemontage doch abtreten müsste? Es lohnt ein Blick zurück auf den Juni 2010. Da hatte die schwarz-gelbe Koalition in der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt, 21 Stimmen mehr als die absolute Mehrheit. Trotzdem wurde es eine Hängepartie. Erst im dritten Wahlgang konnte sich Wulff gegen den Kandidaten von SPD und Grünen, Joachim Gauck, durchsetzen.
Inzwischen ist die Mehrheit von Schwarz-Gelb auf zwei bis vier Stimmen geschrumpft. Gleichzeitig dürfte die Neigung einzelner Abweichler, der Regierung bei der geheimen Abstimmung einen Denkzettel zu verpassen, zugenommen haben.
Von der Leyen, Schäuble, Lammert?
Das ist das Risiko, dessen sich Kanzlerin Merkel sehr bewusst ist. Jede Kandidatur eines klassischen Unions-Politikers würde die Gefahr einer desaströsen Niederlage in sich bergen. Als denkbare Kandidaten könnten in diesem Lager neben von der Leyen Finanzminister Wolfgang Schäuble und Verteidigungsminister Thomas de Maizière gelten. Doch von der Leyen war schon vor anderthalb Jahren wegen früherer Netzsperren („Zensursula“) bei Teilen der FDP unbeliebt und verstörte mit ihrer modernen Familienpolitik die Konservativen in der Union.
Schäuble gilt in der FDP wegen seines hinhaltenden Widerstands gegen Steuersenkungen als kaum vermittelbar und hat sich überdies mit der öffentlichen Bloßstellung seines Ex-Sprechers menschlich angreifbar gemacht. De Maizière ist für die CDU als Kanzler-Reserve unverzichtbar.
Für das höchste Amt geeignet wäre sicher Bundestagspräsident Norbert Lammert, der an seinen Ambitionen in der Vergangenheit wenig Zweifel ließ. Doch hat der querköpfige Politiker mit seiner Kritik an Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg, den Zweifeln an der rechtlichen Grundlage des Atomausstiegs und dem Protest gegen die Missachtung des Parlaments bei der Euro-Rettung möglicherweise zu viele Unionisten gegen sich aufgebracht.
Opposition steht bereit
In dieser Lage könnte Angela Merkel, so glauben manche Auguren, auf unkonventionelle Ideen kommen und selbst einen Kandidaten der Opposition ins Rennen schicken: Der einstige Umweltminister Klaus Töpfer war 2010 von Rot-Grün gefragt worden, hatte aber aus Rücksicht auf seine Partei, die CDU, abgewunken. Er würde weit ins Unions- wie ins Grünen-Lager ausstrahlen.
Noch verwegener wäre es, wenn Merkel kurzerhand Joachim Gauck nominierte. Sie schätzt den Bürgerrechtler, der eher ein echter Liberaler als ein Linker ist, persönlich sehr.
Im Falle seiner Kandidatur würden SPD und Linke wohl kaum einen Gegenkandidaten nominieren. Merkel wäre eine breite Mehrheit sicher. Rot-Grün könnte staatspolitische Verantwortung beweisen. Und SPD-Chef Sigmar Gabriel daran erinnern, dass er es war, der Merkel einst per SMS den Kandidaten empfahl.
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich in ihrer Position zu Wulff nach wie vor unerschütterlich. Sie stehe trotz der Vorwürfe gegen Christian Wulff hinter dem Bundespräsidenten. „Die Bundeskanzlerin hat volles Vertrauen in die Person und in die Amtsführung von Christian Wulff“, ließ sie Regierungssprecher Steffen Seibert wiederholt verkünden. Er sei ein guter Bundespräsident.
Gerda Hasselfeldt, ist sich sicher, dass der Bundespräsident die Anschuldigungen überzeugend aufklären kann. Sie sei überzeugt davon, dass Wulff „nach einigen Tagen der Überlegung auch zu diesem Schluss kommt“, sagte Hasselfeldt im Deutschlandfunk. Sie wolle ihm zur Aufklärung des Sachverhalts keine Frist setzen. Dies müsse Wulff selbst wissen.
Schützenhilfe sieht zwar anders aus, aber noch hält auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu Wulff. Er hat in der Diskussionen um die Kreditaffäre mehr Zurückhaltung verlangt. "Wir haben ein hohes Interesse daran, dass das Amt des Bundespräsidenten unbeschädigt bleibt", sagte Schäuble der "Bild am Sonntag". Die Debatten, die im Augenblick geführt würden, seien eine "Belastung für das Amt".
Besorgter äußern sich die Kollegen aus der Koalition. Der FDP-Vize Holger Zastrow erwartet, dass Wulff sich diese Woche erklärt. „Ich finde es auch schwierig, wenn man so jemanden jagt. Aber er ist auch in der Pflicht, das aufzuklären“, sagte der FDP-Politiker im Rundfunksender MDR Info. „Wenn es so sein sollte, dass er als Bundespräsident persönlich zum Hörer greift, einen Chefredakteur anruft, auf die Mailbox spricht, dann ist das nicht die Größe, die ich von einem Bundespräsidenten erwarte“, sagte Zastrow weiter.
Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz hat das Vorgehen von Bundespräsident Christian Wulff in der Kreditaffäre recht milde kritisiert. "Dass Herr Wulff nicht sofort reinen Tisch gemacht hat, schadet der ganzen politischen Klasse", sagte Özoguz dem "Hamburger Abendblatt". Sie wünsche sich weitere Aufklärung. Es sei misslich, dass alle Details nur stückchenweise aufgeklärt würden. "Ich möchte, dass er als glaubwürdiger Bundespräsident im Amt bleiben kann", so Özoguz.
Renate Künast schwadronierte zwar ausführlich über das „Amigo-System“ um Bundespräsident Christian Wulff und „trickreiche Umgehungen des Parteispendengesetzes“ - das Wort Rücktritt vermied aber auch sie. Der Druck auf den Präsidenten wachse zunehmend, erklärte die Grünen-Fraktionschefin. Deshalb formulierte sie einen Appell: Wulff müsse endlich klar Schiff machen und sagen, was war.
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