Bundespräsident Christian Wulff hat „Scham und Zorn“ über die im vergangenen Jahr bekanntgewordene Mordserie von Neonazis geäußert. In einer Rede zum 70. Jahrestag der Wannseekonferenz sagte Wulff am Freitag bei einer Gedenkveranstaltung in der Villa am Berliner Wannsee: Einschließlich der Polizei und der Sicherheitsorgane „haben wir alle es auch nicht für möglich halten wollen, dass es das in unserem Land und in diesem Jahrzehnt gibt“.
Wulff fügte hinzu: „Uns bewegt der Wille, die Taten aufzuklären, die Helfer und Unterstützer zu finden und vor Gericht zu stellen, die Netzwerke zu zerstören, die diesen mörderischen Wahn ermöglicht haben.“
Verblendung führe zu Antisemitismus
Wulff sagte, der Antisemitismus des Staates damals sei genährt und gestützt worden vom Antisemitismus in der Gesellschaft. „Eine Mischung aus Neid, aus Hass, aus Unterlegenheitsgefühlen und Überlegenheitswahn, aus religiöser und rassistischer Verblendung machte diesen Antisemitismus aus.“
Spätestens am 20. Januar 1942 sei daraus ein „staatlich-bürokratisches Projekt“ geworden. Und spätestens da sei mit den Sammlungen und Transporten für jeden offenbar geworden, welches Schicksal auf die deutschen und europäischen Juden gewartet habe. „Viele in der Gesellschaft waren entsetzt, aber noch viel mehr bleiben gleichgültig, viele waren grausame Täter.“
Der Bundespräsident mahnte, gerade Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des Nächsten erzeuge und verstärke Unglück und Leid. „Wir alle leben von der Hilfe füreinander, nicht erst, wenn es um Leben und Tod geht.“ Dies müsse eine der wichtigsten Lehren sein. „Daran müssen wir gerade in diesen Tagen schmerzlich denken, seit wir wissen, dass eine Bande von rassistischen Mördern durch unser Land gezogen ist, um Menschen mit nichtdeutscher Herkunft zu töten.“
Den Juden in der Welt versicherte das Staatsoberhaupt: „Wenn und wo jüdische Bürger verfolgt werden oder in Gefahr sind, Deutschland fühlt sich ihnen nah und verbunden.“ Die Bundesrepublik stehe zudem unverbrüchlich an der Seite Israels.
Vor 70 Jahren, am 20. Januar 1942, trafen sich auf Einladung des SS-Führers Reinhard Heydrich ranghohe Beamte des Hitler-Regimes in der Wannsee-Villa in Berlin, um sich in der „Endlösung der Judenfrage“ abzustimmen.
Von dem zweistündigen Treffen, existiert lediglich ein 15-seitiges Protokoll von Adolf Eichmann, dem damaligen Judendezernenten in der Reichszentrale der Polizei.
Der Völkermord an den Juden war längst beschlossene Sache. Auf der Konferenz ging es darum, die systematische Vernichtung zu koordinieren.
Wannsee-Konferenz: Völkermord wird systematisch
Am 20. Januar 1942 hatten im Gästehaus der Sicherheitspolizei am Großen Wannsee 15 Spitzenbeamte des Nazi-Regimes über die „Endlösung der Judenfrage“ beraten. Die Wannsee-Konferenz gilt als Zäsur in der Geschichte des Holocaust. Nach der Konferenz gingen die bis dahin auf einzelne Regionen begrenzten Mordaktionen an den Juden in den systematischen Völkermord über.
Nach der Gedenkfeier wollen Historiker auf einer internationalen Tagung über neue Erkenntnisse zum Verlauf und den Folgen der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 debattieren. Zu der zweitägigen Tagung werden führende Holocaust-Forscher erwartet, darunter Peter Longerich (London), Eckart Conze (Marburg) und Mark Roseman (Bloomington/Indiana).
Wannsee-Gedenkstätte eingerichtet
Nach jahrzehntelangem Widerstand wurde 1992 am historischen Ort der „Wannsee-Konferenz“ eine Gedenkstätte eingerichtet. Sie zog bislang über 1,4 Millionen Besucher an. Zwei Drittel von ihnen stammen aus dem Ausland, die Hälfte nimmt pädagogische Zusatzangebote bis hin zu eintägigen Seminaren in Anspruch.
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