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13. Juli 2014

Yildiz Tilbe: Antijüdische Hetze in der Türkei

 Von 
Yildiz Tilbe feiert Hitler auf Twitter und erntet nicht nur Empörung.  Foto: Privat

Die bekannte Popsängerin Yildiz Tilbe verbreitet Hassbotschaften gegen Israel wegen der Angriffe auf Gaza - und erntete einen Sturm der Empörung.

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Yildiz Tilbe ist eine bekannte türkische Schlagersängerin, die bisher nicht mit politischen Statements auffiel. Doch am Freitag reagierte die Pop-Diva mit einem Lob Adolf Hitlers und einer Reihe extrem antisemitischer Twitter-Kommentare auf Israels Militäroffensive im Gaza-Streifen – und rief damit einen Sturm der Empörung in den sozialen Medien der Türkei hervor. Ihre Twitter-Salve begann Yildiz Tilbe mit dem blasphemischen Wunsch: „So Gott will, werden es wieder Muslime sein, die das Ende dieser Juden herbeiführen, es ist nahe.“ Es folgte die Schmähung: „Die Juden sind gegen Allah und alle Propheten, eingeschlossen ihr eigener Prophet Moses.“ Schließlich schien sie Hitler für die Vernichtung der Juden im Holocaust zu preisen: „Möge Gott Hitler segnen, er tat sogar weniger als nötig gewesen wäre.“

Antisemitismus ist in der Türkei weit verbreitet, aber diese ungeheuerlichen Tweets überschritten selbst nach türkischen Maßstäben Grenzen. Auf Facebook und Twitter kursiert seit Freitag eine Petition, in der die Künstlerin aufgefordert wird, sich öffentlich für ihre rassistischen Ausfälle zu entschuldigen.

Die Jüdische Gemeinde in der Türkei, der rund 15 000 Menschen angehören, verurteilte die Äußerungen und appellierte an die Behörden, gegen die Sängerin wegen der Hassbotschaften strafrechtlich zu ermitteln. „Tief betroffen verurteilen wir die rassistischen und hasserfüllten Worte auf dem Account von Yildiz Tilbe“, schrieb die Gemeinde in einer Stellungnahme. „Wir gehen davon aus, dass die Staatsanwaltschaft sofort eine Ermittlung gemäß den Paragraphen gegen Hassverbrechen im Strafgesetzbuch startet.“ Doch ist die Justiz bisher offensichtlich nicht tätig geworden.

Im Gegenteil, im türkischen Internet werden ständig weitere hasserfüllte antisemitische Kommentare publiziert, je länger die israelische Bombardierung des Gaza-Streifens anhält. Yildiz Tilbe erhielt sogar Rückendeckung vom prominentesten Twitterer der AKP, dem Bürgermeister der türkischen Hauptstadt Ankara, Melih Gökcek. Mit Ausnahme der Bemerkung über Adolf Hitler seien die Tweets der Sängerin „höchst intelligent“, schrieb er: „Ich applaudiere Dir, Yildiz Tilbe, für die Botschaften, die Du Deinen Kollegen und besonders der türkischen Nation übermittelst.“

Yildiz Tilbe, die kurdische Wurzeln hat, ihre Karriere 1991 begann und auch Lieder für den Popstar Tarkan komponierte, twitterte inzwischen, sie sei keine Rassistin: „Überall in der Welt werden Muslime unterdrückt. Gibt es irgendeinen Amerikaner oder Juden, der massakriert wird, dessen Land bombardiert und dessen Leute umgebracht werden?“

Unterdessen warf der türkische Regierungschef Israel eine unehrliche Haltung vor. „Ihr Leben ist auf Lügen aufgebaut, sie sind nicht ehrlich“, sagte Recep Tayyip Erdogan am Samstag vor Anhängern in Istanbul. Der Premier ist dafür bekannt, dass er selbst zu antiisraelischen und antijüdischen Ausfällen neigt. Im August 2013 hatten sich deshalb 46 US-Abgeordnete mit einem Brief an den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül gewandt, einige von Erdogans Erklärungen als antisemitisch bezeichnet und Gül aufgefordert, die „antisemitische Rhetorik“ von Regierungsvertretern öffentlich zu verurteilen. Sie bezogen sich unter anderem auf Erdogans Bemerkung, Zionismus sei ein „Verbrechen gegen die Menschheit“ und seine Vorwürfe an eine „internationale Zinslobby“, hinter den Gezi-Protesten zu stehen, ebenso wie die Bemerkung des Vizepremiers Besir Atalay, der der „jüdischen Diaspora“ die Schuld an den Unruhen gegeben hatte. Der Appell blieb folgenlos.

Verbreitete Ressentiments

Dabei hat die Türkei ein ernstes Antisemitismus-Problem. Im Mai dieses Jahres veröffentlichte die New Yorker jüdische Anti Defamation League (ADL) weltweit bisher größte Studie über die Verbreitung von antijüdischen Ressentiments auf der Erde, wonach die Mehrheit der Türken derartige Einstellungen teilt. Die Untersuchung ergab, dass durchschnittlich einer von vier Menschen weltweit antisemitische Vorurteile pflegt, doch in der Türkei ist der Prozentsatz fast dreimal so hoch. Auf der Antisemitismus-Skala nimmt die Türkei Platz 17 unter 102 Ländern ein, hier antworteten 69 Prozent der Befragten auf die Mehrzahl antisemitischer Stereotype, diese seien „wahrscheinlich richtig“ oder „definitiv richtig“.

Der Behauptung „Juden haben zu viel Macht in der Geschäftswelt“ stimmten 75 der Türken zu, und dem Stereotyp „Juden ist es egal, was anderen passiert außer ihnen selbst“ 70 Prozent. Doch sei die weit überwiegende Mehrheit der Türken noch nie einem Juden persönlich begegnet, heißt es in der Studie.

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