Halle. Die eine war lange Zeit in der Versenkung verschwunden. Als Linksauslegerin ihrer Partei galt sie eine Weile als Hoffnungsträgerin. Im Jahr 2008 schien es für einen Moment so, als könne sie ihre SPD vom linken Rand aus aufmischen. Dann scheiterte sie. An anderen. Und an sich selbst. Man hörte nichts mehr von ihr. Doch jetzt ist sie plötzlich wieder aufgetaucht und hat eine linke Denkfabrik mitgegründet. Von vielen wird sie dafür geliebt. Von vielen wird sie dafür gehasst.
Die andere war lange Zeit in der Versenkung verschwunden. Als Linksauslegerin ihrer Partei wehrte sie sich 2005 zunächst vehement gegen eine Verschmelzung der PDS mit der WASG. Sie konnte es nicht verhindern. In der Bundespolitik gaben danach andere den Ton an. Doch jetzt ist sie wieder aufgetaucht. Bald schon soll die einstige Randfigur Vize-Chefin der Linkspartei werden. Von vielen wird sie dafür geliebt. Von vielen wird sie dafür gehasst.
Am Mittwochabend nun trafen Andrea Ypsilanti und Sahra Wagenknecht zum ersten Mal in ihrer politischen Karriere aufeinander. Es war ein im Grunde harmloses Gespräch im Steintor-Varieté zu Halle an der Saale, anberaumt bereits vor Monaten. Seither jedoch krempelten Schwarze und Gelbe das Land und sich selbst geräuschvoll um; seither tauchten erst vereinzelte, dann immer mehr Rufe nach einem "rot-rot-grünen Projekt" auf; seither entstand, unter tätiger Mitwirkung von Roten, Roten und Grünen ein "Institut Solidarische Moderne".
Ein Treffen von Wagenknecht und Ypsilanti weckt da natürlich Hoffnungen - oder Sorgen, je nachdem. Und? Berechtigt? Nach eineinhalb Stunden in Halle lässt sich sagen: An der roten Hessin und der noch roteren Thüringerin würde ein linkes Projekt nicht scheitern. Schlichtungsakte von Moderator Roland Claus - der Ypsilantis Denkfabrik sogleich in "Institut Sozialistische Moderne" umtaufte - waren im voll besetzten Haus nicht nötig. Zu sehr ergänzten sich die ungleichen Genossinnen auf der Suche nach einem "alternativen Politikkonzept" jenseits des Neoliberalismus. "So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben", verkündete Ypsilanti.
Einziger Streitpunkt: Banken
"Wir müssen darüber nachdenken, dass es ganz anders sein kann", assistierte Wagenknecht. Nur wie? Beide entwarfen eine Welt, in der sämtliche Bereiche der öffentlichen Daseinsfürsorge - also etwa Energie, Medizin, Wasser, aber auch Bildung - nicht mehr privaten Gewinninteressen unterworfen sind. Beide forderten eine Vermögens- und Börsenumsatzsteuer. Beide teilten die Hoffnung, dass die SPD anfängt, sich "zu besinnen" (Ypsilanti) bzw. "über ihren Schatten zu springen" (Wagenknecht). Beide verdammten Hartz IV, wobei die SPD-Frau vergleichsweise moderat ("ungerecht, hart, Zumutung"), die Linken-Frau forscher ("barbarisches Repressionssystem") urteilte.
Einziger Streitpunkt: Während Wagenknecht auch Großbanken verstaatlicht sehen will, würde Ypsilanti den Geldhäusern lediglich enge "Bandagen" anlegen. Dafür lobte die Hessin unumwunden den "Widerstandsgeist" der DDR-Bürger vor der Wende und forderte Gleiches heute von den Bundesbürgern: "Wir haben im Moment eine sehr schläfrige Demokratie in diesem Land." Derlei dürfte Wagenknecht - ohnehin unter Ostalgie-Generalverdacht - eher nicht ungestraft sagen.
Um doch noch Unterschiede zwischen der SPD-Linken und der Linken-Linken zu entdecken, griff Moderator Claus verzweifelt auf die Fastnacht zurück. Da werde die fröhliche Hessin sich doch sicher nicht lumpen lassen. "Ja", antwortete Ypsilanti, "diesmal nehm ich wieder teil." "Ich aber auch", konterte da Wagenknecht. Am Aschermittwoch werde sie sogar in Passau auftreten. Na dann.
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