Washington. Vor den Kameras wird Barack Obama wohl auch heute seinen berühmten Charme sprühen lassen, doch hinter verschlossenen Türen dürften die Gäste einen anderen US-Präsidenten erleben. Obama empfängt vom heutigen Mittwoch an in Washington einzeln und zu gemeinsamen Gesprächen die Präsidenten Pakistans und Afghanistans, Asif Ali Zardari und Hamid Karsai.
Das zweitägige Krisentreffen steht ganz im Zeichen jüngster Einflussgewinne der Taliban. Die USA sind alarmiert über eine dramatisch verschlechterte Sicherheitslage in Pakistan. Am Dienbstag wurde gemeldet, dass Tausende Zivilisten aus Angst vor einer drohenden Offensive der pakistanischen Armee aus der Taliban- Hochburg im Swat-Tal fliehen.
Die Obama-Regierung wurde von den Zugewinnen der Taliban überrascht, wie die Tagesordnung zeigt; ursprünglich sollte es bei dem Dreiergipfel in Washington vor allem um Obamas neue Afghanistan-Strategie gehen. Washington schickt zusätzlich 17 000 US-Soldaten an den Hindukusch und will die zivilen Hilfen verstärken. Von Pakistan hatten sich die USA mehr Druck auf die Taliban im Grenzgebiet erhofft.
Plan vom März schon überholt
Inzwischen gilt der im März vorgelegte Plan als überholt: "Wir überlegen nicht mehr, wie Pakistan Afghanistan helfen könnte", sagte ein hoher Regierungsbeamter der New York Times, "wir überlegen, wie wir Pakistan helfen können, diese Phase durchzustehen."
Hinter vorgehaltener Hand wird eingeräumt, dass die USA wohl nicht ganz unschuldig sind an der Lage. Um Rückzugsgebiete für afghanische Rebellen abzuschneiden, hatte Washington den militärischen Druck auf die Taliban im Grenzgebiet verstärkt. Der eskalierende US-Luftkrieg dürfte dazu beigetragen haben, die Taliban tiefer ins Innere Pakistans zu treiben. Pakistan hat den Taliban mit dem Stillhalteabkommen für das Swat-Tal im Februar sogar ein neues Rückzugsgebiet eröffnet. Washington drängt Islamabad seit Wochen zum entschlosseneren Vorgehen gegen die Taliban.
Zum Teil zielt die US-Rhetorik - Außenministerin Hillary Clinton sprach von einer "tödlichen Bedrohung" für die Welt - auch aufs heimische Publikum: Die Obama-Regierung hat den Kongress aufgefordert, Hunderte Millionen Dollar Soforthilfe sowie langfristig 7,5 Milliarden Dollar für Pakistan freizugeben. Andernfalls, warnte Verteidigungsminister Robert Gates, könne Islamabad schon im Mai das Geld für den Kampf gegen die Taliban ausgehen.
Zwar erwartet der US-Geheimdienst laut Washington Post weder eine baldige Machtübernahme der Taliban noch einen Militärputsch in Pakistan. Längerfristig aber hegen die USA große Zweifel, ob die unpopuläre Zardari-Regierung überleben kann. Die Hauptsorge, erklärte Obama, sei eine "zerbrechliche" pakistanische Zivilregierung, die selbst Grundbedürfnisse der Menschen nicht befriedigen könne. In Washington dürfte Obama Zardari zwar weitere Hilfen zusagen, ihn aber zum Ausgleich mit Oppositionsführer Nawaz Sharif drängen. Auch in Karsai sehen die USA einen ineffektiven, derzeit aber alternativlosen Verbündeten.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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