Das Leben als ZDF-Chefredakteur war für Nikolaus Brender nie einfach. Als er vor fast zehn Jahren das Amt übernahm, widmete ihm die Zeit prompt eine Seite, weil sie sich um die Informationssendungen des Zweiten sorgte. Unter Brender versuche der Sender "mit bunten Themen, Prominenten und durchsichtigen Huldigungen an die Jugendkultur den vermeintlichen Erfolg des Privatfernsehens zu kopieren".
Brender wurde schon damals fast zum Verhängnis, was ihn bei der heutigen Sitzung des ZDF-Verwaltungsrates den Kopf kosten könnte: Er verwaltet die Informationsprogramme nicht, er gestaltet sie. Und reinreden lässt er sich da nicht.
Qualität und Quote
Gleich am Anfang seiner Amtszeit schaffte er etwa das Polit-Magazin "Frontal" ab, weil es ihm zu berechenbar war. Aus dem Programm flog auch das Ost-West-Magazin "Kennzeichen D", weil die Mauer längst weg war. Was auf die beiden Sendungen folgte, steht für die zwei Facetten der Qualitäten Brenders. "Frontal 21" entwickelte sich rasch zum erfolgreichsten Politmagazin (erst 2008 zog die ARD mit "Panorama" vorbei) und kam konsequent mit hervorragenden Recherchen daher. Die "ZDF.reporter" dagegen rutschten schon bald auf RTL2-Niveau ab - viel Blaulicht. Erst seit diesem Jahr, in dem es um die Verlängerung von Brenders Vertrag geht, strengt sich das Magazin an.
Brender bewegt sich geschickt, aber nicht unumstritten zwischen Qualität und Quote. Die einen Kollegen schätzen an ihm, dass er Rückgrat zeigt, wenn es um politische Berichte geht. So forderte er vor der jüngsten Bundestagswahl von den Redakteuren, "wirklich unabhängig und kritisch zu bleiben und keine Sympathien für die eine oder die andere Partei zu zeigen". Den anderen gefällt, dass sich Sendungen wie "Hallo Deutschland", "Drehscheibe" oder "Morgenmagazin" zu bisweilen arg boulevardesken Magazinen entwickeln durften.
Auf der Zielgeraden seiner nun schon zweiten Amtszeit schoss schließlich nicht nur die Journaille, sondern auch ein prominenter Politiker gegen Brender. Hessens Ministerpräsident Roland Koch hinterfragte öffentlich, wie sich die Informationssparte des ZDF unter dem einstigen Lateinamerika-Reporter Brender entwickelt habe. "Können wir im Wettbewerb mit anderen zufrieden sein?", fragte Koch, der Mitglied des ZDF-Verwaltungsrates ist und Brender loswerden will.
Koch geht es nach eigenem Bekunden auch um die Quoten. Er wirft Brender vor, seit dessen Antritt würden weniger Menschen die "heute"-Sendung sehen. Tatsächlich hat die Sendung um 19 Uhr jüngst Marktanteile eingebüßt. Das gilt aber auch für die "Tagesschau". Alarmierend dürfte für beide Sender sein, dass "RTL aktuell" zulegen konnte.
Für manche im ZDF ist Brender ein schwieriger Zeitgenosse. Mitarbeiter berichten, es gebe oft nur ein mit oder ein gegen ihn, aber nur selten ein dazwischen. Brender könne zudem ziemlich laut werden. Manche loben aber auch, dass er nur selten nachtragend sei. Da wirkt wohl seine Zeit auf dem Jesuitenkolleg nach. Dort, in St. Blasien im Schwarzwald, lernte er auch, wie das mit der Haltung funktioniert: "Wir hatten eine Erziehung, in der wir angehalten wurden, nicht einfach zu kuschen." Das tat er nie. Und das zeigte sich etwa am Abend der Bundestagswahl 2005. Auf dem Sender sprach Brender Gerhard Schröder mit "Herr Bundeskanzler, das sind Sie ja noch" an. Der fiel aus allen Wolken: "Das bleibe ich auch - auch wenn Sie dagegen arbeiten." Brender schoss zurück, ARD und ZDF sei das nicht vorzuwerfen: "Nicht alles, was ihnen nicht passt, ist Kampagne!"
Seitdem gilt der heute 60-jährige Brender als unabhängiger Mann, der von der Politik nicht zu kontrollieren ist. Eine Gefahr für die, die das nicht ertragen können und von Staatsferne im Rundfunk ohnehin wenig halten. Menschen wie etwa Roland Koch.
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