In Afghanistan herrscht seit 1979 Krieg. Krieg mit wechselnden ausländischen Invasoren. Die Sowjetunion blieb zehn Jahre dort. Mit dem heutigen Tag sind auch die USA schon zehn Jahre im Land. Die Bundesrepublik unterstützt die amerikanischen Bemühungen im Kampf gegen den Terror seit dem November desselben Jahres. Im Dezember 2001 wurde auf dem Petersberg bei Bonn eine provisorische Regierung für Afghanistan eingesetzt.
Zehntausende afghanische Tote und 52 deutsche später, fordert Verteidigungsminister Thomas de Maizière „strategische Geduld“ und warnt vor einem „übereilten Rückzug“. Was damit gemeint ist, ist nicht zu begreifen. Es sei denn, man assoziiert den Begriff der geordneten Insolvenz. In beiden Fällen geht man davon aus, dass nichts mehr zu retten ist. In beiden Fällen möchte man das aber nicht öffentlich eingestehen und zieht die Sache noch etwas in die Länge. In beiden Fällen kostet das sehr viel Geld. In beiden Fällen, traut man den Meinungsumfragen, ist eine Mehrheit der Bevölkerung gegen die Verschleppung der Bankrotterklärung.
Kohl sprach vom Ende der Nachkriegszeit
Als Bundeskanzler Helmut Kohl 1989/90 vom „Ende der Nachkriegszeit“ sprach, meinte er das Ende der europäischen Nachkriegsordnung, die Aufhebung der Spaltung Europas und Deutschlands. Seine Kritiker monierten damals, wer vom Ende der Nachkriegszeit spreche, der denke über den nächsten Krieg nach. Einige dieser Kritiker, Kanzler Schröder und Außenminister Fischer, setzten zehn Jahre später die Bundeswehr – im Rahmen der Nato, aber ohne UN-Mandat – im Kosovo ein.
Seit damals, seit 1999 ist die Bundesrepublik im Krieg. Mal mit mehr, mal mit weniger Soldaten. Im Juni 2002 war mit zehntausend Soldaten der Höchststand erreicht. Im August 2011 waren es weltweit 7 170. Mehr als 5 000 davon in Afghanistan.
„Enduring Freedom“ nannte die Nato ihren Afghanistan-Einsatz. Von Freiheit ist nicht viel zu sehen. Dauerhaft scheint nun gar nichts in Afghanistan. Die Bundesrepublik hat ihren ersten Krieg verloren. Es ist den westlichen Truppen weder geglückt, die Macht der Stammesfürsten zu begrenzen noch gar die der Taliban.
Der Afghanistan-Krieg hat Afghanistan nicht sicherer gemacht. Das Land ist von einer Demokratie – auch eines der Kriegsziele der ersten Stunde – nach wie vor Lichtjahre entfernt. Heute wischt man die ehemaligen Kriegsziele bei Seite, ohne freilich neue zu definieren. Der Krieg wird weitergeführt, weil man nicht zugeben möchte, dass man ihn verloren hat.
In Afghanistan hat dieser Krieg wenig verändert. Er ist nur die jüngste Phase eines inzwischen mehr als dreißigjährigen Krieges. In Deutschland aber hat der Afghanistan-Krieg zu radikalen Veränderungen geführt.
„Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland am Hindukusch“ verteidigen
Die Bundeswehr war eine Verteidigungstruppe. Nichts lag ihr ferner als die Vorstellung, sie müsse die „Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland am Hindukusch“ verteidigen. Es war der sozialdemokratische Verteidigungsminister Peter Struck, der am 4. Dezember 2002 diese erhellende Formel fand. Die Vorstellung, allem, was einem gefährlich werden könnte, auch noch an den entlegensten Weltecken aufzulauern und es auszumerzen, ist keine deutsche Erfindung. Die Bundesrepublik – auch das Bundesverfassungsgericht – ist in die Bündnisfalle geraten und sieht keinen Weg mehr hinaus.
So betrachtet scheint die Bundesrepublik seit sie souverän ist, es nicht mehr zu sein. Darüber klären nicht nur Beginn und Verlauf des Afghanistaneinsatzes auf, sondern jetzt auch der Ausstieg. Dessen Geschwindigkeit hängt nicht von der Lage in Afghanistan, jedenfalls nicht von deren Einschätzung durch deutsche Beobachter, sondern einzig und allein von der Haltung der USA ab. Je früher die USA gehen, desto schneller können auch die Deutschen das Land verlassen.
Heute herrscht weite Übereinstimmung darüber, dass die Bundeswehr eine Truppe sein muss, die zusammen mit den Alliierten eigene und deren Interessen überall auf der Welt tatkräftig durchsetzen hilft. Das hat mit der Idee der Landesverteidigung nichts mehr zu tun. Die ist ad acta gelegt worden. Die Definition der Aufgaben der Bundeswehr hat sich radikal geändert.
Die Bundeswehr war nicht ausgerüstet für die Einsätze „out of area“
Nicht nur das. Die Bundeswehr selbst ebenfalls. Wir haben die Wehrpflicht abgeschafft. Ohne den Afghanistan-Krieg wäre das nicht passiert. Es wäre möglicherweise auch nicht passiert, wenn der Afghanistan-Krieg nicht beständig gegen die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland geführt werden müsste. Angesichts des Drucks der Alliierten und des Gegendrucks der Bevölkerung liegt es nahe, auf eine Berufsarmee, auf – altmodisch ausgedrückt – Söldner zu setzen. Die scheinen berechenbarer.
Die Bundeswehr war nicht ausgerüstet für die Einsätze „out of area“. Das hat sich geändert. Die Bundeswehr verfügt heute über Waffen, die zur Partisanenbekämpfung – in Bergen und auf den Meeren – geeignet sind. Sie ist total umgerüstet worden.
Der Afghanistankrieg hat die Bundesrepublik deutlich mehr geändert als die Lage in Afghanistan. Noch ist uns das nicht klar. Alles ist noch zu neu. Jüngere Kollegen freilich, die ihr ganzes Erwachsenenleben lang Deutschland nur als kriegführende Nation kennen, denen passiert es heute, dass sie, wenn sie den alten Helmut Kohl vom Frieden sprechen hören, gerührt sind. Manche ertappen sich bei dem Gedanken: Der hasst den Krieg wirklich und der will ihn wirklich nicht.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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