Moskau. Seit Mai hatte es im Gebiet Orenburg keine Niederschläge mehr gegeben. Die Region war praktisch ausgetrocknet. Aber Anfang August kam Wladimir Putin. "Kaum berührte das Flugzeug des Premiers Orenburger Boden, da fing es an zu regnen", schreibt die Zeitung Wremja Nowostej.
Außer Regen habe Wladimir Putin den Orenburgern auch finanzielle Versprechen mitgebracht. Und das russische Presseportal sagolowki.ru schwärmt: "Wladimir, der Wundertäter."
Wladimir Putin, 56, kann alles, weiß alles, ist überall. Zehn Jahre, nachdem Boris Jelzin ihn überraschend zum Premierminister ernannte, dominiert der gelernte KGB-Offizier Russland nach Belieben. Und gerade seit Putin vergangenen Mai sein Amt als Präsident verfassungsgemäß an seinen jungen Gefolgsmann Dmitri Medwedew abgegeben hat, pumpen die Staatsmedien sein Image ins Übermenschliche auf.
Putin erklärt der Fernsehnation aus einem Tauchapparat 1600 Meter unter der Oberfläche des Baikalsees, er schwimme hier in einer "Suppe aus Plankton". In der Taiga am Amur rettet er mit einem Schuss aus einem Betäubungsgewehr ein TV-Team vor einem Tiger, zwingt in einem Provinznest bei Petersburg Großunternehmer, ihre bankrotten Werke wieder in Betrieb zu nehmen, auch das vor laufender Kamera.
"Unterschreiben Sie!", kommandiert er den Dollarmilliardär Oleg Derispaska herum. "Und geben sie mir meinen Kuli wieder!" Er ist der Freund der kleinen Leute und ein großer Künstler, sein Gemälde "Stickerei vor einem frostigen Fenster" wurde in Petersburg für mehr als eine Million Dollar versteigert.
Antiwestliche Sprüche
Vor zehn Jahren verspotteten in- und ausländische Journalisten den unsicher wirkenden Apparatschik als maushaarig und gesichtslos. Jetzt wird der 56-Jährige, der seinen muskulösen Oberkörper immer häufiger nackt zeigt, als russisches Sexsymbol gefeiert. Der Volksmund lernt seine grimmig-ironischen Sprüche auswendig. "Dient es Russlands Wohl, dass praktisch alle Macht im Land in den Händen Wladimir Putins konzentriert ist?", wollte das Levada-Meinungsforschungszentrum im Juli wissen. 63 Prozent antworteten mit Ja, nur 16 Prozent schwante nichts Gutes.
Putin trifft mit seinen Sprüchen, vor allem mit seinen antiwestlichen Sprüchen, die nationalpatriotische Stimmung der Durchschnittsrussen. "Russland liegt nicht mehr auf den Knien." "Russland siegt wieder!" Putinsche Parolen, die heute genauso auf die Kriegsmarine wie auf die Fußballnationalmannschaft oder die LKW-Industrie angewandt werden. Hinter dem Hurrapatriotismus aber wuchert Unordnung, die an die Stagnation der Breschnjew-Ära erinnert. Putins Bilanz ist dünn: Die Guerilleros in Tschetschenien, die er 1999 im "Klo ersäufen" wollte, terrorisieren nun auch Dagestan und Inguschetien.
Die Weltfinanzkrise hat den rohstoffgetriebenen Wirtschaftsboom ins Minus gekippt, die Infrastruktur gilt als schrottreif. Das Land schiebt seine ärgsten Probleme auch unter Putin vor sich her. Die Zahl der Bürokraten ist seit seiner Machtübernahme um über 50 Prozent auf knapp 1,7 Millionen gestiegen, die Korruption frisst mit einem Schmiergeldvolumen von 250 bis 300 Milliarden Dollar jährlich ein Viertel des Bruttosozialprodukts.
Ein Hauch von Größenwahn
Putin selbst ist durch und durch Apparatschik, seine Loyalität gilt vor allem den Standesgenossen. Spitzenbeamten, die seine Gunst verloren haben, werden in der Regel nicht entlassen, sondern versetzt. Und wenn Putin vor laufender Kamera einem Untergebenen den Kopf wäscht, dann so wie der Parteifunktionär Denis Iwanowitsch in Michail Wolenskis Buch "Nomenklatur. Die herrschende Klasse der Sowjetunion": Erst schüchtert er mit eisiger Kritik ein, dann schlägt er einen beruhigenden Ton ein und schickt ihn mit einem aufmunternden Scherz wieder an die Arbeit.
Und über Putins PR schwebt der gleiche Hauch von Größenwahn wie über dem Personenkult um Lenin, Stalin oder Breschnew. Ob er nun Wucherpreise in einem Moskauer Supermarkt entlarvt, oder einem Hirtenjungen in Tuwa seine Armbanduhr schenkt, er behütet und liebt sein Volk auf sehr sowjetische Weise.
Und wie unter Breschnew schönt der Apparat inzwischen auch das Volk und seine Stimmung für Putin. So wurden unlängst Jugendliche vor einem Treffen mit dem Premier eingeschworen, welches Vokabular gegenüber Putin verboten sei. Dazu gehörten die Worte "zerfallend", "sinkend" und "schlecht". Bleibt abzuwarten, ob Putin wie Breschnew auch mit 75 an der Macht sein wird.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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