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12. Februar 2016

Zlatko Hasanbegovic: Kroatien im geistigen Bürgerkrieg

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Die Zeitschrift „Novosti“ sorgt für Aufsehen mit einem Foto von Zlatko Hasanbegovic (links oben) mit Ustascha-Kappe.  Foto: portalnovosti

Im EU-Mitgliedsland Kroatien gibt es einen Aufstand gegen den NS-freundlichen Kulturminister Zlatko Hasanbegovic. Versuche, die Ustascha-Verbrechen zu leugnen oder zu relativieren, rufen in der linken Hälfte der kroatischen Öffentlichkeit maximale Empörung hervor.

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Eigentlich hätte die neue kroatische Regierung die Gräben in der Gesellschaft überwinden und Reformen und die wirtschaftliche Erholung in den Vordergrund stellen sollen. Erst drei Wochen ist sie im Amt, doch schon prallen die Gegensätze zwischen den Lagern mit neuer Wucht aufeinander. „Kroatien steht vor dem Bürgerkrieg“, urteilt die bekannte Theaterregisseurin Snjezana Banovic – vor einem geistigen zwar nur, dafür aber einem, der die ganze Bevölkerung erfasst.

Anlass für die Aufwallung ist die Berufung zweier rechtsradikaler Minister in ein sonst gemäßigtes und von Fachleuten dominiertes Kabinett. Einer der beiden, „Veteranenminister“ Mijo Crnoja, hatte eine Liste von „Verrätern“ erstellen wollen, Kroaten, die es während des „Vaterländischen Krieges“ der Jahre 1991 bis 1995 an patriotischer Begeisterung hatten fehlen lassen. Nach einem Aufschrei der Öffentlichkeit musste der Minister schon nach einer Woche den Hut nehmen.

Seither konzentriert sich der Streit auf den neuen Kulturminister Zlatko Hasanbegovic. Der 42-jährige Historiker gehört zu den muslimischen Kroaten, einer raren Spezies, die im Zweiten Weltkrieg entstanden ist: Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf das damalige Jugoslawien 1941 durfte sich der von NS-Gnaden gebildete „Unabhängige Staat Kroatien“ auch ganz Bosnien mit seiner – damals zu gut einem Drittel – muslimischen Bevölkerung einverleiben. Während Serben und Juden verfolgt und massenhaft ermordet wurden, umwarben das nazifreundliche kroatische Ustascha-Regime und Heinrich Himmlers SS die bosnischen Muslime. Als Wissenschaftler, aber auch als politischer Aktivist hat sich der neue Kulturminister die Rehabilitierung seiner Altvorderen zur Lebensaufgabe gemacht.

Versuche, die Ustascha-Verbrechen zu leugnen oder zu relativieren, rufen in der linken Hälfte der kroatischen Öffentlichkeit maximale Empörung hervor. Oppositionsführer Zoran Milanovic, vor einem Monat noch Regierungschef, sagte, ein Mann wie Hasanbegovic sei als Minister nirgends auf der Welt tragbar, „nicht einmal in Polen“. Staatsgründer Franjo Tudjman (1922–1999), selbst Historiker und in seiner Jugend Kommunist, hatte in den Neunzigerjahren den vergeblichen Versuch unternommen, Partisanen und Ustascha in einer neuen, gesamtkroatischen Gedenkkultur posthum zu versöhnen. Vergeblich: Über die Unabhängigkeit von Jugoslawien waren sich rechts und links einig. Über den Zweiten Weltkrieg sind sie es bis heute nicht.

Als Historiker gibt sich Hasanbegovic differenziert. Den bekannten Imam Husein Djozo, einen SS-Hauptsturmführer, erhob er – ganz im universitären Tonfall – zu einer der „markantesten und interessantesten Persönlichkeiten der bosnischen Muslime“. Aber an seiner politischen Grundhaltung herrscht trotzdem kein Zweifel. Man solle das Geschehen im Weltkrieg „nicht immer nur aus der Optik der Alliierten“ sehen, sagte er noch vor zwei Jahren und wetterte gegen eine „israelische Lobby“, die es anders wolle. Gut und Böse, Faschismus und Antifaschismus seien „pseudo-historiografische Klischees“ – Positionen, wie sie zu der rechtsextremen Kleinpartei passen, der Hasanbegovic vor kurzem noch angehörte.

Ins Wanken geriet die Pose des vorurteilsfreien Forschers, als in dieser Woche ein Foto bekannt wurde: Es zeigt den jungen Hasanbegovic als Angehörigen einer rechtsextremen Miliz mit Ustascha-Kappe. Das Bild sei „schon für den Laien als nachbearbeitet erkennbar“, verteidigte der Minister sich knapp. Dumm nur: Es stand genau so in einer rechtsextremen Zeitschrift namens „Unabhängiger Staat Kroatien“, für die Hasanbegovic selbst schrieb.

Der neue Premier Tihomir Oreskovic macht seinem Minister noch die Mauer. Hasanbegovic sei ein „überzeugter Antifaschist“, attestierte ihm der Regierungschef – ein Wort, das der Gemeinte für eine „Floskel“ erklärt hat und mit dem er sich selbst nie charakterisieren würde. Selbst ließ sich der umstrittene Minister zu der Formulierung herbei, die Ustascha-Verbrechen seien Kroatiens „größter moralischer Fehltritt“ – ohne diese Verbrechen näher zu qualifizieren. Er sei „nie auf irgendeine Art Apologet irgendeines verbrecherischen Regimes“ gewesen.

Ob und wie lange der Minister sich hält, gilt als Ausweis dafür, ob Regierungschef Oreskovic sich gegen die stärkste Regierungspartei, die HDZ, durchsetzen kann. Der parteilose Manager aus Kanada, an ideologischen Scharmützeln desinteressiert, will Wirtschaftsthemen in den Vordergrund stellen – nach sieben Jahren Rezession ein nachvollziehbares Vorhaben. Oreskovic stützt sich dabei vor allem auf den kleineren Koalitionspartner, die liberale Liste „Most“. Deren Anführer verlangen jetzt von dem rechten Minister, dass er sich selbst einmal als „Antifaschisten“ bezeichnen möge.

Für die weiter rechts stehende größere Regierungspartei, die HDZ, sind Figuren wie Hasanbegovic aber wichtig: Sie decken den rechten Flügel ab, den die Partei im Wahlkampf erfolgreich mobilisiert hat. Ob der Minister der Rechten ihre Wünsche erfüllen kann, bleibt dahingestellt. In drei Wochen Amtszeit hat er immerhin schon die Direktorin des Historischen Museums gefeuert, eine Wissenschaftlerin, die zuvor eine KZ-Gedenkstätte geleitet hatte. Sonst reichte die Zeit nur zu der Ankündigung, bei der staatlichen Presseförderung „nicht mehr jedes Non-Profit-Unternehmen“ zu berücksichtigen. Das Non-Profit-Blatt „Novosti“ hatte den Minister mit seiner Nazi-Kappe gezeigt. Für alle kleinen Blätter von Nichtregierungsorganisationen zusammen gibt Zagreb im Jahr 300 000 Euro aus – gegenüber 16 Millionen für die Förderung der kommerziellen Presse.

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