Gregor Gysi wird am Samstag 62 Jahre alt. Ob er ein rauschendes Fest geben wird? Vermutlich nicht. Für den klugen Anwalt und pfiffigen Politiker gibt es derzeit nicht viel zu feiern.
Es war am Montag. Da stand Gysi mit rotem Kopf vor einer rosa Wand im Berliner Congress Center und verteidigte wieder sein Lebensprojekt: die Vereinigung vieler Linker zu einer Linken. Eine Stunde sprach Gysi und garnierte seine Rede wie so oft mit Pointen. Aber anders als oft wirkte er nicht gut gelaunt, sondern angestrengt und mühsam beherrscht. Er wusste, er würde gleich einen seiner engsten Weggefährten opfern. Vielleicht dachte er, keine andere Wahl zu haben. Vielleicht hatte er tatsächlich keine.
Auch dem Fraktionschef war zuletzt nicht das Nervenflattern in seiner ohnehin hoch nervösen Partei entgangen. Begonnen hatte es mit der krankheitsbedingten Auszeit von Parteichef Oskar Lafontaine, durch die ein heikles Machtvakuum in der Linkenspitze entstand. Sofort bangten die überwiegend im Westen beheimateten Anti-SPD- und Anti-Regierungs-Linken, die überwiegend im Osten beheimateten machtwilligen Pragmatiker könnten nun das Kommando übernehmen.
So nämlich ist, auch nach bald fünf Jahren noch, die Lage in der angeblich vereinigten Linken: Hüben der stetig wachsende West-Ableger, der die Parlamente von ganz links aus aufmischen will - drüben der überalterte, aber eingespielte Ost-Apparat, der sich als Volkspartei in Regierungen bewähren möchte. Vorzugsweise mit der SPD. Beide Seiten begegnen sich mit herzlicher Ablehnung. Das Ziel, größere soziale Gerechtigkeit, teilen alle. Über den Weg dahin aber wird erbittert gestritten. Mit offenem Ausgang.
Dass sich bislang keine der beiden Seiten durchzusetzen vermochte, lag an der Person Lafontaine. Als Galionsfigur der radikaleren Kräfte hielt er fast alleine die sechs vor Selbstbewusstsein strotzenden Ost-Verbände in Schach. Aber jetzt ist er krank, ob er wiederkommt? Fraglich. In dieser Situation reichte seinen Vasallen ein Tropfen, um das Fass überquellen zu lassen. Den lieferte Dietmar Bartsch, Bundesgeschäftsführer, Ossi und seit bald zwei Jahrzehnten loyaler Gefährte Gregor Gysis.
Indiskretion mit Wirkung
Bartsch steckte dem Spiegel im November eine an sich harmlose Information: dass Lafontaine seinen Rückzug als Fraktionschef schon lange geplant habe. Ähnlich hatte sich Bartsch zuvor im Neuen Deutschland geäußert. In der Spiegel-Geschichte aber stand außerdem das alte Gerücht, Lafontaine habe eine Affäre mit Sahra Wagenknecht. Eine schäbige Indiskretion. Und in den Augen der Lafontainisten ein ungeheurer Affront. Für sie war klar: Auch das muss von Bartsch stammen - die Ossis wollen Oskar schassen.
Was folgte, ist bekannt: Verbissen fielen die Parteilager übereinander her, West-Verbände forderten Bartschs Skalp, Ostverbände stellten sich geschlossen vor ihren Mann. Die Situation drohte, wieder einmal, zu eskalieren. Der GAU schien möglich: eine Kampfabstimmung zwischen Bartsch und einem Lafontaine-Getreuen, womöglich Ulrich Maurer, auf dem Rostocker Bundesparteitag im Mai. Es ist fraglich, ob eine Linke ohne starke Führung, Grundsatzprogramm und innere Einheit das ausgehalten hätte.
Das alles weiß und wusste Gysi. Er ist, seit Lafontaines Rückzug und Lothar Biskys Abschied auf Raten, der einzige Spitzenlinke, der hüben wie drüben große Autorität genießt. An ihm war es nun, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Er weiß, wie das geht.
Diesmal aber stand der kleine große Stratege vor der Wahl zwischen Pest und Cholera: Bartsch in Schutz nehmen? Also Lafontaines Getreue brüskieren? Und damit womöglich Oskars auf der Kippe stehendes Comeback verhindern?
Oder Bartsch opfern? Wegen einer Lappalie? Und damit einen Mann, der ihm und der Partei 18 Jahre lang den Rücken freihielt? Man werde eine Lösung finden, "die wehtun" müsse, rief Gysi am Montag. Dann fand er eine, die auch ihm wehtat: Er forderte Bartsch zum politischen Selbstmord auf - um die Vereinigung der Linken zu retten.
Geopfert und sich geschadet
Wer Gysi danach sah, blass, schwitzend, weiß, was er sich damit auch selbst angetan hat. Und das gleich in zweifacher Hinsicht. Seine eigene Position in der Partei nämlich hat Gysi durch seine Opfergabe ebenfalls empfindlich geschwächt. Im Osten toben sie, reden von Demütigung und, ja, auch Illoyalität. Im Westen bleiben sie misstrauisch: Bartsch ist ja immer noch da und soll, wie es heißt, einen anderen wichtigen Posten in der Partei angeboten bekommen.
Erreicht hat Gysi also noch nichts. Schon sammeln sich wieder die Truppen hinter Bartsch und fordern nun erst recht eine Kampfabstimmung in Rostock. Nicht auszuschließen, dass der Flügelkampf dort eskaliert. Zumal unklar ist, wie lange das Machtvakuum an der Parteispitze bleiben wird. Gysi selbst wird - und muss - es füllen helfen.
Ein Etappenziel aber hat Gysi wohl erreicht. Es ist nun unwahrscheinlicher geworden, dass es in Rostock zu einer Kampfabstimmung und damit womöglich zu einer Entscheidungsschlacht zwischen den Linkenflügeln kommt.
Das Machtvakuum an der Parteispitze aber bleibt. Gysi selbst wird - und muss - es füllen helfen. Er will, wie er sagt, "Vereiniger" suchen, "Spalter und Besserwisser" brauche die Linke nicht. Ein "Zentrum" soll her. Nur: Wer nimmt darin Platz? Bodo Ramelow? Er hätte das Format, hat sich aber mit seinem eigenen Ehrgeiz geschadet. Klaus Ernst, der die WASG in die Linke führte? Würde wohl gerne, war an Bartschs Demontage aber beteiligt. Außerdem: Eine Männerspitze würden die linken Frauen nicht noch mal mitmachen. Also Gesine Lötzsch? Denkbar. Aber auch an der Seite von Lafontaine?
Vor dessen Entscheidung über seine Zukunft wird an der Linkenspitze nichts entschieden. Erst im Februar aber will der erkrankte Chef sich äußern. Bis dahin wird Gysi überlegen, wie er seinem Traum von einer vereinigten Linken näher kommt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Er trägt einstweilen die alleinige Verantwortung. Wie gesagt: Am Samstag hat er Geburtstag. Für Glückwünsche ist es wohl noch zu früh.
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