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Holocaust-Gedenktag: Zoni Weisz redet Klartext im Bundestag

Der Holocaust-Überlebende wirft den EU-Ländern vor, "nichts oder fast nichts" aus dem Völkermord an Sinti und Roma gelernt zu haben. Die Geschichte wiederholt sich, lautet seine ernüchternde, als Mahnung zu verstehende Erkenntnis.

Bei der Feierstunde im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus spricht der 73-Jährige Zoni Weisz im Bundestag.
Bei der Feierstunde im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus spricht der 73-Jährige Zoni Weisz im Bundestag.
Foto: dpa
Berlin –  

Die herzliche Umarmung zu Beginn galt Ferenc Snetberger. Der aus einer Roma-Familie stammende ungarische Jazz-Gitarrist hatte mit zurückhaltend-elegischen Klängen den Deutschen Bundestag auf die Rede von Zoni Weisz (FR vom 27.1.2011) eingestimmt. Der 73 Jahre alte, in den Niederlanden lebende Weisz war am Donnerstagmorgen Gastredner der Gedenkstunde, die aus Anlass des 66. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz im Bundestag begangen wurde. Es war der erste Auftritt eines Vertreters der Sinti und Roma im deutschen Parlament. In würdevoller Bescheidenheit trat Weisz ans Rednerpult. Es sei ein Privileg und eine Ehre, vor dem Bundestag sprechen zu dürfen.

In seiner auf Deutsch mit niederländischem Akzent vorgetragenen Ansprache erinnerte Weisz an den vergessenen Holocaust. Über 500.000 Sinti und Roma seien von den Nationalsozialisten verfolgt und umgebracht worden. Doch noch immer sei nur unzureichend bekannt, dass Sinti und Roma nach 1933 einer systematischen Verfolgung ausgesetzt waren. Dabei seinen Xenophobie und Antiziganismus für die Sinti und Roma nichts Neues gewesen. Jeder habe es wissen und sehen können. Über Jahrhunderte habe sein Volk in den verschiedenen Ländern Europas mit Ausgrenzungserfahrungen leben müssen.

Eindrucksvoll führte Zoni Weisz aus, dass diese Situation nach 1945 keineswegs beendet war. „Sinti und Roma waren auch nach 1945 ein Volk ohne Stimme“ sagte Zoni Weisz und verwies darauf, dass deutsche Behörden noch im Jahre 1980 Sinti und Roma mit Erfassungsmethoden traktiert hätten, die aus der Nazi-Zeit stammten. Erst am 17.3. 1982 hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation unter der Führung von Romani Rose empfangen und den Völkermord an den Sinti und Roma offiziell anerkannt.

"Vergessener Holocaust"

In bewegenden Worten berichtete Zoni Weisz von seinem eigenen Schicksal. Im Alter von sieben Jahren hatte er als einziger seiner Familie der Deportation nach Auschwitz entkommen können, weil ein niederländischer Polizist ihm zu Flucht verhalf. Bis heute könne er den blauen, weichen Mantel seiner Schwester nicht vergessen, den sein Vater in das Gitter des abfahrenden Zuges gehängt hatte. „Wir müssen immer wieder über den Holocaust berichten“ sagte Zoni Weisz. Das betrachte er als Verpflichtung gegenüber seiner Familie.

Zoni Weisz ließ aber auch die aktuelle Situation von Sinti und Roma insbesondere in osteuropäischen Ländern wie Rumänien und Bulgarien nicht unerwähnt. Die Sterblichkeitsrate von Sinti und Roma sei dort höher als die der Normalbevölkerung. In Ungarn würden sie von Neonazis verfolgt, es werden wieder Schilder aufgestellt mit der Aufschrift: Für Zigeuner verboten.

Der Völkermord an Sinti und Roma sei heute ein „vergessener Holocaust“. „Nichts oder fast nichts hat die Gesellschaft daraus gelernt, sonst würde sie heute verantwortungsvoller mit uns umgehen“

Die Geschichte wiederholt sich, lautete die ernüchternde, als Mahnung zu verstehende Erkenntnis von Zoni Weisz. „Memory for my people“ hieß das Stück von Ferenc Snetberger, dessen Gitarre auch der letzte Akkord in der von Bundestagspräsident Norbert Lammert eröffneten Gedenkstunde des Bundestags vergönnt war.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  27 | 1 | 2011
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