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Kolumne: Zu Sarrazin: Für unser Land

„Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.“ Dieser Infamie Sarrazins gilt es zu wehren.

Thilo Sarrazin. Schon wieder! Ja, schon wieder! Er schreibt: „Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.“ Das verstehe ich gut. Das verstehen wir alle gut. Aber welches Ich spricht da? Wer sind wir alle? Dieses Wir ist eines, das sich stemmt gegen die anderen, die doch zu diesem Wir gehören. Ob sie vor dem großen bundesweiten Wir fliehen in eine Thule-Gemeinschaft, in einen West-Berliner Ashram oder in eine Moschee. Dieses Land ist niemandes eigenes Land.

Es ist unser aller Land. Wir müssen uns einigen oder Bürgerkrieg führen. Die Einigung ist nur dann eine, wenn alle, die hier leben, mitmachen bei dieser Einigung. Mitmachen dürfen, können und wollen. Zum Wollen gehört, dass man will, dass alle dabei beteiligt sind. Nur so ist Einigung möglich. Diese Einigung ist ein Prozess, in dem mal diese, mal jene übersehen werden. Kurz nach der Gründung des Deutschen Reichs tobte der Kulturkampf. Protestantisch-preußische Ultras sahen in jedem – was seinen Wertekanon anging – nach Rom orientierten Katholiken einen potenziellen Reichsfeind. Damals war der Katholik für ein paar Jahre der Moslem.

Das eigene Land, von dem Thilo Sarrazin spricht – er hat es nicht. Er muss es erwerben, um es zu besitzen. Erwerben heißt: Er muss den anderen etwas von sich geben. Auch dieser Austausch ist niemals zu Ende. Thilo Sarrazin hat von seinem Gesichtspunkt aus recht: Deutschland befindet sich tatsächlich „in der Spätphase eines goldenen Zeitalters, das um 1950 begann und langsam zu Ende geht“. Aber ich bezweifle, dass die Mehrheit der Bevölkerung der ehemaligen DDR das genauso sieht. Sarrazins Blick auf die Lage ist der eines zwar in Gera geborenen, aber in der alten Bundesrepublik sozialisierten Mannes. Die Bundesrepublik ist schon lange tot. Die Bundesrepublik gar, in der – wenn ich das so sagen darf – wir beide aufwuchsen, war schon vor der Wiedervereinigung tot.

Es war das vom NS-Staat ahnenpassrein gemordete Deutschland. Henryk M. Broder schrieb noch 1979 über Juden in Deutschland, sie seien „Fremd im eigenen Land“. Das von Sarrazin beschworene „goldene Zeitalter“ war niemals eines für alle seine Bewohner. Man kann Thilo Sarrazins Horizontverengung rührend bis grotesk finden, wenn man nicht gerade zu den Millionen gehört, von denen Sarrazin fürchtet, zu einem Fremden im eigenen Land gemacht zu werden. Die Wahrheit ist aber doch, dass sie die Fremden im eigenen Land sind. Nicht aber wir Sarrazins. Sie müssen sich rechtfertigen, dass sie hier sind. Wir tun so, als hätten wir immer dazugehört.

Man versetze sich wenigstens für zwei Minuten in die Köpfe der von Sarrazin angesprochenen Immigranten. Wie viel Kraft brauchte man, um diesen blind um sich schlagenden Hass cool über sich ergehen zu lassen? Wie viel Geduld, um immer wieder ruhig ertragen zu können, dass man ein Fremdkörper sei, einer, der hier nichts verloren habe, einer, den länger durchzufüttern Herr Sarrazin sich weigere. „Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.“ Dieser Satz ist eine Infamie. Denn in Wahrheit geht es ihm darum, andere, denen das Land ebenso zu eigen ist wie ihm, zu Fremden zu machen.

Unser Land – das ist längst nicht mehr nur das Land der Sarrazins. Und es darf auch nicht nur das Land des goldenen Zeitalters der Sarrazins sein. So schaffte sich Deutschland ab. Wir werden es uns nicht nehmen lassen von den Sarrazins. Wir sollten eintreten für unser Land.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  25 | 8 | 2010
Kommentare:  55
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