Aktuell: Trauer um Claudia Michels | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

19. Dezember 2012

Zum Tod von Peter Struck: Parteisoldat mit Kanten

 Von Karl Doemens
Peter Struck ist tot. (Archivbild von 2009: Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Struck raucht im Bundeswehrlager in Masar-i-Scharif eine Pfeife.) Foto: dpa

Peter Struck ist tot. Er hat als SPD-Fraktionschef und Verteidigungsminister die rot-grüne Ära und die große Koalition geprägt. Eine Erinnerung.

Drucken per Mail

Irgendwann, wenn der Abend schon ein Stück fortgeschritten war und die Bedienung in der Kneipe das dritte Bier auf den Tisch stellte, kam unvermeidlich so ein Spruch: „War’s das? Jetzt hört mal auf mit dem Scheiß!“ Dann hatte man genug über Politik gesprochen. Vor allem über Gesundheits- und Föderalismusreformen. Dann kloppte Peter Struck mit den Journalisten einen Skat. Oder er erzählte von seiner letzten Motorradtour über die französischen Alpen.

Der schnauzbärtige Glatzkopf aus dem niedersächsischen Uelzen war ein Solitär im oftmals graumäusigen Politikbetrieb. Raubeinig und äußerlich ruppig, ein bisschen Bonner Republik, aber vor allem unangepasst und selbstironisch. „Die kann mich mal!“, polterte er während der großen Koalition über CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Gleichzeitig schwärmte er überschwänglich von „meinem Freund“, dem Unions-Fraktionschef Volker Kauder, über den man selbst in den hintergründigsten Hintergrundrunden kein schlechtes Wort hörte.

Loyalität und Verlässlichkeit prägten Strucks Erscheinung. Wie kaum ein anderer verkörperte der langjährige SPD-Fraktionschef den Prototypen des sozialdemokratischen Parteisoldaten. Anpassung war trotzdem nicht sein Ding: Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag lieferte er sich eine heftige Fehde mit Parteichef Sigmar Gabriel. Doch davon später.

Eingewiesen von Herbert Wehner

Als Struck 1980 mit 37 Jahren in den Bundestag einzog, stand das Parlament noch in Bonn am Rhein. Der alte Herbert Wehner wies ihn persönlich in die Sitten der Fraktion ein. Die besagten vor allem, dass er sich als frisch gewählter Abgeordneter hinten anstellen müsse. Immer wieder hat Struck in den späteren Jahren voller Respekt von „Onkel Herbert“ gesprochen, mit dem er auch die Leidenschaft fürs Pfeifenrauchen verband. Als er 29 Jahre später in Berlin das Parlament verließ, hatte er historische Jahre als rot-grüner Gründervater, Verteidigungsminister und – zusammen mit Kauder – als Scharnier der großen Koalition hinter sich.

Dass die Bundeswehr dem ungedienten Juristen einmal ans Herzen wachsen würde, hatte er sich nach eigenem Bekunden nicht träumen lassen, als er im Juli 2002 plötzlich für den durch Plansch-Fotos und teure Klamottenkäufe unmöglich gewordenen Verteidigungsminister Rudolf Scharping einspringen musste. Der Start im neuen Amt verlief durchaus holprig. Strucks getreuer Freund und Pressesprecher Norbert Bicher, der mit Militärischem bis dahin ebenso wenig zu tun hatte wie der Chef, hatte etwas voreilig erklärt, Deutschland werde dem israelischen Wunsch nach Lieferung von Fuchs-Panzern nachkommen. Dabei hatte er an den defensiven Fuchs-Spürpanzer gedacht. Als sich herausstellte, dass Tel Aviv tatsächlich den wesentlich heikleren Fuchs-Truppentransporter haben wollte, musste Struck öffentlich zurückrudern: „Ich habe mich beim Bundeskanzler für die ärgerliche Panne entschuldigt“, erklärte er öffentlich.

Eine Reise nach Afghanistan hinterließ bei ihm tiefe Spuren. Er sei „eingetaucht in eine fremde, mittelalterliche Welt, die aber gewillt war, den Sprung in die Neuzeit zu wagen“, erinnerte er sich später. „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, sagte er im Dezember 2002, knapp ein Jahr nach Beginn des deutschen Einsatzes, und prägte damit ein geflügeltes Wort. Die Soldaten schätzten ihn als Dienstherrn und Kumpel. Legendär ist bis heute sein Auftritt mit schwarzer Sonnenbrille und Hut in einer Blues-Brothers-Nummer vor der Truppe. Irgendwie war Struck auch sonst einer der letzten Rock’n’Roller auf der politischen Bühne.

Stolz auf die Transformation der Bundeswehr

Er sei „stolz auf die Transformation der Bundeswehr zur Einsatzarmee“, erklärte er später. Länger als andere glaubte er an die Notwendigkeit des Militäreinsatzes. In seiner Autobiografie „So läuft das“ wandte er sich 2010 gegen einen überhasteten Abzug der Soldaten: „Wenn die Glut am Hindukusch nicht ausgetreten wird, dann wird sie immer wieder auflodern.“

Ein Schlaganfall im Juli 2004 wurde von Strucks Umgebung anfangs heruntergespielt. Krankheit und Verletzlichkeit – das passte nicht zum Selbstbild des harten Kerls, der bei der folgenreichen SPD-Klausur am Schwielowsee in schwarzer Biker-Kluft auftauchte, tatsächlich aber höchst sensibel und menschlich war.

Zu rot-grünen Zeiten von 1998 bis 2002 war er schon Vorsitzender der SPD-Fraktion gewesen und hatte in dieser Zeit ein weiteres geflügeltes Wort geprägt – das vom „Struck’schen Gesetz“, demzufolge kein Paragrafenwerk den Bundestag so verlässt, wie es eingebracht wurde. In der großen Koalition 2005 übernahm Struck noch einmal den Posten des Fraktionschefs, der sich selbst als „Kummerkasten und Antreiber“ sah. Seine Reden im Parlament gerieten nach dem Schlaganfall deutlich leiser, aber seine politische Leidenschaft war ungebrochen. So sehr er seinen Kollegen Kauder schätzte, mit der Kanzlerin wurde er nie warm. Angela Merkel war für Struck „die Frau im Ungefähren“. Ihr defensiver Führungsstil und ihre programmatische Wandlungsfähigkeit passten nicht zu dem Mann, der „Politik mit Ecken und Kanten“ propagierte.

Kein Politrentner

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 2009 wollte Struck „kein Politrentner mit Sendungsbewusstsein“ sein. Durchaus kritisch beurteilte er die nachwachsende Generation: „Manche meiner Kollegen sind mir einfach zu glatt. Das gilt für alle Fraktionen. Ich habe das Gefühl, dass bei manch einem das Herzblut fehlt“, sagte er der Frankfurter Rundschau in seinem Abschiedsinterview als Abgeordneter.

Aber ganz zurückziehen ins Private, zu seiner Frau, den drei Kindern und den sieben Enkeln, das wollte und konnte er sich auch nicht. Der Vorsitz der Friedrich-Ebert-Stiftung, den er sich gegen Gabriels Widerstand erkämpfte, schien ihm die geeignete Mittelposition. Vor wenigen Tagen erst wurde er im Amt bestätigt. Er wollte unbedingt noch einmal nach Afghanistan, zu den deutschen Soldaten und in die Region, die ihm so ans Herz gewachsen war. Und Klavierspielen wollte er noch lernen. Dazu wird es nicht mehr kommen. Der 69-Jährige erlag am Mittwoch in der Berliner Charité einem Herzinfarkt.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung