Ali Al-Kurd braucht Geld. Viel Geld. Millionen US-Dollar in zweistelliger Höhe müssten es schon sein. Bekomme er sie nicht, jammert er, fürchte er um sein Leben. Man sieht es dem feisten Mann, der in Trainingshose und mit Drei-Tage-Bart auf dem Sofa lungert, nicht an. Aber Al-Kurd hat 300 Gläubiger am Hals. Alles Leute, die ihm ihre Ersparnisse anvertrauten, weil er ihnen höhere Gewinne als jeder andere versprach. Das Geld ist weg. Al-Kurd hat sich verspekuliert. Dreißig Millionen US-Dollar gingen infolge betrügerischer Grundstücksgeschäfte und der Weltwirtschaftskrise den Jordan runter. "Einige wollen mich deshalb umbringen", klagt er.
Al-Kurd war mal ein reicher Mann. Ein Geldwechsler vom Jerusalemer Damaskustor. So einer fungiert in der palästinensischen Gesellschaft als Privatbankier. Nur der tiefere Einblick in die internationalen Finanzbörsen fehlte ihm. Al-Kurd machte sich und seine Kunden glauben, bei seiner Geldwechselstube im Damaskustor handele es sich um eine Goldgrube. "Er hat ihnen so viel Zinsen in einem Monat versprochen wie eine Bank in einem Jahr", sagt sein Konkurrent von gegenüber, Said Mohammed Ilwan.
Versteht sich, die erbosten Gläubiger wollen ihr Geld wieder. Und einige beließen es nicht bei wüsten Drohungen. Nachdem sein Schwiegersohn mit einem Messer angegriffen und in sein eigenes Haus im Ost-Jerusalemer Stadtteil Beit Hanina eingebrochen wurde, ist Al-Kurd untergetaucht. Seine Familie floh aus der Stadt.
Nur über Umwege und Insider ist er in seinem Versteck bei Freunden aufzutreiben. Dort hockt er und raucht Kette, neben sich einen mit Marlboro-Kippen überquellenden Aschenbecher. Auf dem Flachbildschirm läuft der israelische Privatsender "Kanal 10". So schlägt er die Zeit tot, raus traut er sich nicht. "Ich lebe genauso wie im Gefängnis", klagt Al-Kurd. Er ist ein Schlitzohr, das - durchaus selbstverschuldet - zugleich ein armer Teufel ist. Wenn die Gläubiger nicht sein Leben bedrohten, "könnte ich den Laden wieder aufmachen und alles zurückzahlen".
Das klingt nach neuen Luftschlössern. Aber er hat nicht mehr viel zu verlieren, der palästinensische Pleitier. Und so wie er früher mit den Hoffnungen auf höchste Gewinne handelte, setzt er jetzt auf Ängste vor unschätzbaren Verlusten. Die jüdische Siedlerorganisation Ateret Kohanim - bekannt und berüchtigt, weil sie gezielt Immobilien im moslemischen Viertel der Jerusalemer Altstadt aufkauft - habe ihm 40 Millionen US-Dollar für sein Geschäft am Damaskustor geboten: 22 Millionen für die Geldwechselstube und 18 Millionen für einen Shop im Seitenarm des Tors. "Ich habe das schriftlich, mit Briefkopf von Ateret Kohanim". Wenn ihm nicht bald die palästinensische Autonomieregierung in Ramallah aus der Schuldenfalle helfe, bleibe ihm nichts anderes als der Verkauf übrig. Bab Al-Amud, wie das Tor auf Arabisch heißt, habe dann als nationales palästinensisches Symbol ausgedient. Soll heißen: mehr als 900 Jahre nach dem glorreichen Einritt des arabischen Feldherrn Salah Ed-Din würden jüdische Siedler das Damaskustor erobern.
Noch thronen dort arabische Marktfrauen in ihrer Leibesfülle auf einfachen Kisten. Um sich herum haben sie bündelweise frischen Spinat, wilden Thymian und Nana - die Pfefferminzblätter für den Tee - auf einem Stück Pappe auf dem Boden ausgebreitet. Nebenan türmen Sockenhändler ihre Ware auf. Touristen schlendern vorbei. Fromme Juden mit Schläfenlocken und schwarzen Hüten hasten gesenkten Blickes durch die Menge. Ein Kaffeeverkäufer, gekleidet in Kaftan und roten Turban, schenkt aus der Kupferkanne dicken schwarzen "Kahwe" in Plastikbecher aus. Die Duftschwaden mischen sich mit dem Geruch von orientalischen Gewürzen und Katzenpisse.
Es ist ein malerisches Durcheinander, das vor dem Damaskustor herrscht, dem mit Zinnen verzierten Prunkeingang zur Jerusalemer Altstadt. Auch im Torbogen selbst befinden sich Billigläden. Mittendrin der von Ali Al-Kurd. Seit einem Jahr sind die metallenen Rollläden unten. Seine Geldwechselstube, genannt "Al Hadi Money-Change", ist zu. Doch ein Objekt der Begierde ist sein Geschäft, das kaum mehr als zehn Quadratmeter Fläche umfasst, geblieben.
Schwer vorstellbar, dass andernorts um einen schäbigen Winzlingsladen derart gepokert würde. Höchst unwahrscheinlich auch, dass irgendwo sonst der Kampf um eine Immobilie von der Größe eines Kiosks nationale Gefühle mobilisieren und gar den Gedanken an Mord wecken würde. Aber es geht um ein Herzstück Jerusalems: Bab Al-Amud, international bekannt als Damaskustor, in jetziger Form 1542 unter ottomanischer Herrschaft von Sultan Suleiman erbaut. Stolzes Wahrzeichen des islamischen Charakters, den die Stadt - die Juden, Moslems und Christen heilig ist - unübersehbar eben auch besitzt. Auf Postkarten aus Jerusalem ist das Damaskustor ähnlich häufig abgelichtet wie der Felsendom oder die Klagemauer. Auch das treibt den Wert des Ladens in schwindelnde Millionenhöhe. Jedenfalls behauptet das der Noch-Besitzer Al-Kurd. Vielleicht auch nur, weil er selber böse in der Klemme steckt und den Preis hochtreiben muss.
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