Die Kanzlerin wird ausgepfiffen - Kernkraftgegner untermalen das Ringen der Regierung um einen Kompromiss, der längere Laufzeiten für die deutschen Atommeiler bringen soll.
Proteste vor dem Kanzleramt Foto: Getty Images
Berlin –
Am Mittag stieg eine „radioaktive Wolke“ vor dem Berliner Kanzleramt auf − symbolisch, versteht sich. Es waren es 2000 schwarz-gelbe Luftballons, mit denen mehrere hundert Atomkraftgegner gegen eine Laufzeitverlängerung demonstrierten.
Wenige Meter entfernt beriet Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den ganzen Tag mit ihren Ministern für Umwelt, Finanzen und Wirtschaft, später auch mit den Fraktions- und Parteichefs von Union und FDP über die Zukunft der Atomenergie in Deutschland. Es war offenbar ein zähes Gespräch, wie die widersprüchlichen Signale „aus Koalitionskreisen“ zeigten, die herausdrangen. Erst gegen Mitternacht drangen erste belastbare Informationen nach draußen.
Für Merkel war es der Versuch, den belastenden Streit in der Koalition über die Sicherheit der Meiler, ihre Laufzeiten und die Besteuerung mit einem Kompromiss zu beenden. Doch nicht nur die Opposition setzt darauf, dass Merkel dieser Befreiungsschlag misslingt und nach dem Atomgipfel im Kanzleramt die Auseinandersetzung in der Koalition erst richtig losgeht. Auch die Umweltverbände kündigten bereits Widerstand gegen einen atomfreundlicheren Kurs an und riefen für den 18. September zu einer Großdemonstration in der Hauptstadt auf.
Deutsche AKW und Atommülllager
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Deutsche AKW und Atommülllager
Wird als Endlager geprüft: Gorleben - Der niedersächsische Salzstock wird derzeit für den Zweck der Endlagerung von wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen, also abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken und Rückständen aus der Wiederaufarbeitung, untersucht. Frühestens 2035 soll der Betrieb aufgenommen werden.
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Stillgelegt: Morsleben, in Sachsen-Anhalt liegend, war von 1981 bis 1998 als "Endlager" für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb. Im Zuge der derzeitigen Stilllegung werden rund vier Millionen Kubikmeter Salzbeton über Rohrleitungen in das Lager gepumpt.
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Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.
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Endlagerfrage: Wohin mit dem ganzen Atommüll? - Wenn sich die Bundesregierung auf ein oder mehrere Atom-Endlager einigen kann, besteht immer noch das Transportproblem für den strahlenden Müll. Anders als derzeit üblich per Castortransport ist diese logistische Leistung wohl nicht denkbar.
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Stilllegung von Isar I für 2011 geplant: Zehn Kilometer von Landshut und siebzig von München entfernt liegt das Kraftwerk Isar I und II. Während Isar II störungsfrei blieb, ist Isar I ein Sorgenkind: 1981 wurde der Meiler ein Jahr wegen Austauschs mangelhafter Rohrleitungen stillgelegt; 1988 beschädigten Knallgasexplosionen wichtige Ventile; 1991 erfolgt die Schnellabschaltung nach dem Ausfall von vier Umwälzpumpen.
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Erhöhtes Krebsrisiko: Die Atomkraftwerke Gundremmingen B und C sollen 2016 bzw. 2017 vom Netz genommen werden. Ernsthafte Störfälle sind bislang nicht bekannt geworden. In einem Umkreis von 15 Kilometern um das Kraftwerk lässt sich allerdings ein erhöhtes Aufkommen von Krebserkrankungen bei Kindern feststellen.
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Stuttgarter Stromlieferant: Im Jahr 1988 erbaut, soll Neckarwestheim II bis 2021 Strom produzieren. 2004 kam es zu einem Störfall, als eine geringe Menge Radioaktivität in den Neckar gelangte. Heilbronn liegt zehn, Stuttgart 25 Kilometer vom AKW entfernt.
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Auslaufmodell: Neckarwestheim I - Rechnerisch sollte der Meiler 2009 vom Netz gehen. Mit dem Mittel der Reststromübertragung läuft Neckarwestheim I noch bis zum Herbst 2010. Dann muss die Bundesregierung eine Entscheidung über die Stilllegung fällen.
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Das AKW Philippsburg liefert voraussichtlich bis 2012 (Philippsburg I) bzw. 2014 (Philippsburg II) Strom. Seit 1979/1981 sind die Reaktoren I und II in Betrieb. 1981 kam es in Philippsburg I zu einem mehr als einjährigen Stillstand wegen des Austauschs mangelhafter Rohrleitungen. 2002 und 2004 wurde radioaktiv verseuchtes Wasser freigesetzt.
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Eines von fünf bayrischen Atomkraftwerken: Grafenrheinfeld ist bislang störungsfrei geblieben. Die rechnerische Laufzeit endet im Jahr 2014.
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Laufzeit bis 2013: Biblis B - Auch der zweite hessische Meiler, seit 1976 in Betrieb, sollte 2010 vom Netz gehen. Die Reststromübertragung macht eine Laufzeit bis 2013 wahrscheinlich. 1995 trat radioaktiver Wasserdampf durch einen Riss aus; 1997 fielen zwei der vier Nebenkühlwasserpumpen aus.
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Streitfall Biblis A: Der hessische Meiler, der seit 1974 in Betrieb ist, sollte 2010 stillgelegt werden. Doch die Landesregierung und der Betreiber RWE planen eine Verlängerung der Laufzeit, indem zunächst Betriebsstunden von anderen AKW auf das Kraftwerk übertragen werden sollen.
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Laufzeit bis 2019: AKW Grohnde - Nur ein Jahr nach seiner Inbetriebnahme stellte sich 1985 bei einer Revision heraus, dass das Notkühlsystem des AKWs Grohnde nicht einsatzfähig war, weil eine der vier Pumpen Gas statt Wasser enthielt.
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Noch zehn Jahre am Netz: AKW Emsland - Ende der achtziger Jahre erbaut, hat das AKW Emsland noch eine Laufzeit bis 2020. Bislang sind keine ernsthaften Störfälle bekannt geworden.
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Kandidat für die Stilllegung: Das niedersächsische Atomkraftwerk Unterweser, Baujahr 1978, wird wohl Jahr 2012 vom Netz gehen. Ein schwerer Störfall ereignete sich 1998, als der Reaktor nach einer Reparatur mit gesperrten Sicherheitsventilen an einer Hauptdampfleitung in Betrieb ging.
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Diskussion über Leukämieerkrankungen: Das AKW Krümmel, fünfzig Kilometer von Hamburg entfernt, hat eine lange Historie schwerer Störungen. 1987 werden nach Knallgasexplosionen Beschädigungen an wichtigen Sicherheitsventilen festgestellt. 1989 beginnt die Diskussion um Häufung von Leukämieerkrankungen in der Umgebung des Kraftwerks. 1993 wird Krümmel für mehr als ein Jahr abgeschaltet, nachdem Risse in sicherheitsrelevanten Anlageteilen entdeckt wurden. 2007 brennt eine Trafostation. Die Laufzeit endet 2017.
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Musterschüler: Trotz Massendemonstrationen in den siebziger und achtziger Jahren kann das AKW Brokdorf heute als Vorbild für deutsche Atommeilern gelten. Schwerere Störfälle wurden nicht bekannt. Seit 1986 in Betrieb, darf der Meiler noch bis 2019 am Netz bleiben.
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Steht am häufigsten still: Brunsbüttel - Das Kraftwerk hat wegen Störfällen die längsten Stillstandzeiten von allen Kraftwerken in Deutschland. 1978 entwich radioaktiver Dampf in die Atmosphäre. 2001 zerstörte eine Knallgas-Explosion ein Rohr in der Nähe des Reaktordruckbehälters. Ein Sicherheitsventil verhindert einen schweren Zwischenfall.
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Atomkraft trägt rund ein Viertel zum Energiebedarf in Deutschland bei. Doch der radioaktive Abfall muss irgendwo untergebracht werden. FR-online zeigt die Meiler und Endlager in Deutschland, welche Störfälle es gab und wo endgelagert werden soll. Hier ein Castorbehälter, mit einer Wärmekamera fotografiert.
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Wie Endlagerung scheitern kann: Asse II - Die Schachtanlage bei Wolfenbüttel ist als Atommüll-Endlager völlig ungeeignet: Grundwasser läuft ein, radioaktive Behälter schlagen leck, eine Evakuierung ist erforderlich. Die Behörden versuchen derzeit, eine Kontamination des Lebensraumes um Asse II zu verhindern.
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Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) reagierte empört über die Laufzeitverlängerung. „Jetzt ist die Katze aus dem Sack und die schwarz-gelbe Regierung zeigt, wie rückschrittlich sie in Energiefragen ist“, sagte BEE-Geschäftsführer Björn Klusmann der Frankfurter Rundschau. Dass die Kernkraftwerke länger am Netz blieben, behindere den Ausbau der erneuerbaren Energien und koste deshalb langfristig sogar Geld. „Daran ändert sich auch nichts, wenn die Betreiber zur Kasse gebeten werden.“ Fairer Wettbewerb werde auf Jahrzehnte verhindert und die monopolartigen Strukturen zementiert. „Das Nachsehen haben da die Verbraucher und alle, die ernsthaft an einer zukunftsfähigen Energieversorgung arbeiten.“
Wer das nukleare Risiko verlängere, verkürze seine Regierungszeit, drohten die Organisatoren vom Kampagnennetzwerk Campact und vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Pünktlich zum Treffen im Kanzleramt legte Greenpeace am Sonntag einen Bericht zur Bedrohung der Meiler durch Terroranschläge vor. „Deutsche Atomkraftwerke sind auch neun Jahre nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 in New York noch immer völlig unzureichend gegen einen möglichen Angriff aus der Luft geschützt“, heißt es darin.
Auch mit den Gewerkschaften steuert Merkel nach einer längeren Phase der Annäherung auf den nächsten großen Konflikt zu. „Wir brauchen ein energiepolitisches Konzept, das der Kohle den Vorrang vor der Kernenergie zuweist“, sagte Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie, der Frankfurter Rundschau. Das „endlose Hickhack um die Laufzeiten“ der Atomkraftwerke lenke nur davon ab, „dass wir ein ganzheitliches Energiekonzept für Deutschland brauchen“, betonte Vassiliadis.
Ohne den Neubau von Kernkraftwerken, den niemand wolle, werde die Kernenergie als Brücke zum Zeitalter der erneuerbaren Energien nicht ausreichen. „Diese Rolle kann die Kohle übernehmen, durch umweltfreundlichen und effizienten Einsatz in modernen, klimafreundlichen und flexiblen neuen Kohlekraftwerken“, meinte der Gewerkschafter.
Unter Druck steht Merkel auch im eigenen Lager. Mehrere Unionspolitiker äußerten am Wochenende Unmut über Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), der konsequent für eine begrenzte Laufzeitverlängerung eingetreten war. Seine Haltung Röttgens sei eine „Hypothek für die Verhandlungen“, erklärte der bayerische Umweltminister Markus Söder (CSU) in der Bild-Zeitung.
Fraglich bleibt, ob die Koalition die Laufzeitverlängerung von bis zu 14 Jahren überhaupt allein beschließen kann. Nach Auffassung der Opposition braucht sie die Zustimmung des Bundesrates, in dem Schwarz-Gelb keine Mehrheit mehr hat. „Bei den geplanten Laufzeitverlängerungen für alte Atomreaktoren hat die Bundesregierung nicht nur die Bevölkerung, sondern auch das Grundgesetz gegen sich“, sagte die Bärbel Höhn, Grünen-Fraktionsvize, der Frankfurter Rundschau. Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte, der Bundesrat müsse einer Verlängerung nicht zustimmen. SPD-Chef Sigmar Gabriel und Grünen-Chefin Claudia Roth kündigten eine Verfassungsklage an.