Ein guter Mediziner sollte mit Menschen einfühlsam sprechen können. „Das Gespräch ist das wichtigste Instrument des Arztes“, sagt Corinna Schaefer, die beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) in Berlin den Bereich Patienteninformation leitet. Schon der Arzt Paracelsus forderte im frühen 16. Jahrhundert: „Zuerst heile mit dem Wort, dann mit der Arznei und zum Schluss mit dem Messer.“ Tatsächlich birgt die „sprechende Medizin“, obwohl schlecht bezahlt, enorme Chancen.
Was dabei oft übersehen wird: Die Kranken haben es zu einem guten Teil selbst in der Hand, ob ein offenes Gespräch gelingt und so zur Heilung beitragen kann. „Auch der Patient muss eine besondere Kunst kultivieren, nämlich die des Umgangs mit einem Arzt“, sagt der US-Kardiologe Bernard Lown. Das letzte Kapitel in seinem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens“ heißt nicht umsonst „Wie man Ärzte zum Zuhören bringt“. Denn genau darum sollte es Patienten gehen, wenn sie eine Praxis betreten oder im Krankenhaus die Chef-Visite ansteht.
Fakt aber ist: Viele Ärzte haben oder nehmen sich wenig Zeit, um dem bisweilen unbeholfenen Vortrag ihrer Patienten aufmerksam zu folgen. Laut empirischen Studien können Patienten im ärztlichen Gespräch eher selten ihr Anliegen vorbringen. Etwa die Hälfte der Patientenprobleme werde „entweder nicht geäußert oder vom Arzt nicht aufgegriffen“ – nicht nur für Josef Wilhelm Egger, Professor für biopsychosoziale Medizin in der Lehre. ein unhaltbarer Zustand.
Die Patientengeschichte
Das ist schließlich nicht nur menschlich, sondern auch fachlich ein Jammer. Denn die Hälfte aller Diagnosen ließe sich allein auf Basis jener Informationen korrekt stellen, „die der Arzt bei einer sorgfältigen Erhebung der Anamnese gewinnt“, also beim Aufdecken der Leidens- und Lebensgeschichte des Patienten im Gespräch, meint Egger. Bernard Lown erwähnt eine britische Studie, nach der sogar 75 Prozent der diagnostisch hilfreichen Informationen aus dem Arzt-Patienten-Gespräch stammen. „Die Zeit, die man in die Erhebung einer sehr genauen Krankengeschichte investiert, ist niemals vergeudet“, sondern „spart sogar Zeit“. Denn die Patientengeschichte liefere die Wegekarte für eine sinnvolle Therapie, urteilt der mittlerweile 90-jährige US-Mediziner.
US-Kardiologe und Buchautor Bernard Lown nennt in seinem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens. Anleitung zum Umdenken“ (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2003) einige Verhaltensweisen von Patienten, durch die sich ihre Chance auf einen geduldig zuhörenden Arzt deutlich verringere. So rät er:
„Da der erste Eindruck vorhält, ist es keine besonders gute Idee, sich in einem Sessel des Sprechzimmers häuslich niederzulassen, so als sei man zu einem gemütlichen Teestündchen geladen“, schreibt Lown. „Hat der Arzt das Empfinden, als bahne sich eine lange Sitzung an, dann wird er sich eher bemühen, die Visite möglichst kurz zu gestalten, als das medizinische Problem zu lösen.“
„Der Patient sollte nicht vier, geschweige denn acht Symptome schildern, sondern „sich genau auf sein wesentlichstes Problem konzentrieren“. Bringe er nämlich zu viele Klagen vor, „besonders wenn sie keinerlei Beziehung zueinander zu haben scheinen, gerät der Patient in Gefahr, als „Hypochonder“ abgestempelt zu werden oder als jemand, der mit einem „psychosomatischen“ Problem behaftet ist“. Um Zeit zu sparen, müsse der Ratsuchende „das wesentlichste Problem sorgfältig durchdenken und sich überlegen, wie es möglichst kurz und bündig dargestellt werden kann“. Das aber hält Marie-Luise Dierks von der Abteilung für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitsforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover für überzogen. „Da spricht Lown als Arzt und erwartet etwas, das Patienten meist nicht leisten können: dass man nämlich als Laie Krankheitsanzeichen selber sortieren und dann entscheiden kann, welches das Leitsymptom ist.“ Viele Patienten seien damit überfordert, schon weil bei manchen Leiden die Symptome „eher unspezifisch“ sind. Was also, wenn sich der Patient beim Hauptsymptom irrt?
Versucht der Patient, seinen Arzt beim Stellen einer Diagnose mit eigenen Vorschlägen auf die richtige Spur zu bringen, sei dies „zwar gut gemeint, jedoch irrig und unangebracht“, findet Lown. „Der bedrängte Arzt, der unter Druck steht, die dem Patienten zugedachte Zeit so kurz wie möglich zu halten, kann eventuell die Selbstdiagnose des Kranken ohne weitere Analyse übernehmen.“ Das ende schlimmstenfalls tödlich: „Viele Patienten haben ihr Leben verloren, indem sie ihre rektalen Blutungen Hämorrhoiden zuschrieben und ein unaufmerksamer Arzt diese Diagnose akzeptierte, anstatt einen Dickdarmkrebs als Ursache zu identifizieren.“
„Der Patient sollte es auch unterlassen, allgemeine medizinische Fragen zu stellen, die mit dem aktuellen Problem nur wenig zu tun haben“, rät der Herzmediziner. „Ein allgemein verbreiteter Irrtum besteht darin zu glauben, dass Grundkenntnisse in der Anatomie oder Endokrinologie oder welcher anderen medizinischen Disziplin auch immer einen darauf vorbereiten, intelligenter mit einem Arzt umgehen oder sich als Patient besser verteidigen zu können.“
„Ein Patient sollte stets von einer wichtigen anderen Person oder einem Familienangehörigen begleitet werden“, meint Lown. „Diese andere Person hilft ihm, sich daran zu erinnern, was erörtert, beschlossen und verschrieben wurde. Die Anwesenheit eines Familienangehörigen verleiht dem Patienten eher Mut, den Arzt nach Sinn und Zweck der geplanten Prozeduren zu befragen.“ Zumindest für scheue, vergessliche oder schwerhörige Kranke könnte dies sinnvoll sein.
Während junge Ärzte dank neuer Ausbildungsinhalte inzwischen deutlich besser mit Patienten kommunizieren könnten, „kommen wir noch nicht an die Patienten heran“, sagt der Medizinpsychologe Egger von der Medizinischen Universität Graz. „Wir müssen sie noch dazu motivieren, sich auf Gespräche mit ihren Ärzten vorzubereiten und die richtigen Fragen zu stellen.“ Doch dazu müsse sich ihre Grundhaltung ändern. Die moderne Medizin dürfe nicht länger „als Reparaturwerkstatt gesehen werden, auch nicht von den Patienten“. Mehr als wünschenswert seien „aufgeklärte und selbstverantwortliche Patienten, die in ihren Ärzten kompetente Berater sehen statt Befehlsgeber“.
Marie-Luise Dierks vom Zentrum für Öffentliche Gesundheitspflege an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) rät Patienten dazu, sich gut auf den Gang zum Doktor vorzubereiten. „Man sollte nicht zum Arzt gehen, ohne sich vorher zu fragen: Was will ich denn da eigentlich heute?“, sagt die Leiterin der Patienten-Universität an der MHH, einem öffentlichen Fortbildungsprogramm für Gesundheitsinteressierte.
Gerade für chronisch Kranke sei es wichtig, sich vor dem nächsten Arzttermin klarzumachen, wozu er führen soll. „Aber auch akut Erkrankte sollten sich vorher genau aufschreiben, wie ihr Befinden ist“, empfiehlt Dierks und nennt mögliche Punkte: „Seit wann treten die Beschwerden auf, und haben diese schleichend angefangen oder plötzlich eingesetzt? Wie könnte man den Schmerz beschreiben: reißend, stechend oder brennend? Gibt es Begleitumstände, mit denen das Symptom erkennbar zusammen auftritt – etwa einen Sturz oder besonders viel Stress?“
Am besten brächten die Patienten auch ihre Medikamente mit zum Arzt. „Oder sie schreiben sich auf, was sie bekommen, und zwar möglichst genau, also etwa die Wirkstoffmenge: 50 Milligramm oder 100 Milligramm?“, merkt die Gesundheitsexpertin an. „Auf Fragen des Arztes nach diesen Dingen sollte man vorbereitet sein.“ Übrigens auch auf Fragen nach freiverkäuflichen Medikamenten, die man ebenfalls einnimmt.
Klare Hinweise an den Arzt
Unverstandenes oder Beängstigendes anzusprechen, sollten sich die Patienten unbedingt trauen. „Gerade ältere Menschen scheuen sich, ihre Sorgen vorzutragen, denn sie fürchten, der Arzt könne sich durch Zweifel an der vorgeschlagenen Therapie beleidigt fühlen“, sagt Josef Wilhelm Egger weit verbreitete Vorbehalte gegenüber kritischen oder um Klärung bemühten Nachfragen.
Fest steht: Ärzte beißen nicht, brauchen aber klare Hinweise. Wer von ihnen angehört werden möchte, muss es ihnen ausdrücklich signalisieren – Egger zufolge zum Beispiel so: „Herr oder Frau Doktor, es ist mir jetzt sehr wichtig, dass Sie mir zuhören und ich erst einmal ausreden kann. Denn ich möchte verstanden werden.“ Dauermonologe müssten Ärzte übrigens selbst nach einer solchen Ansage nicht befürchten: „Patienten sind beim Vortragen ihrer Probleme meist nach 3-4 Minuten fertig.“ Diese Zeit sollten sich Mediziner unbedingt nehmen, rät der Gesundheitsforscher. „Der Arzt muss es bemerken, wenn ein Patient zwar ja sagt zu einer Therapie, dabei aber unwillkürlich ganz leicht den Kopf schüttelt oder sich nervös die Hände knetet.“ Patienten seien „sehr wichtige Signalgeber“, nur müsse der behandelnde Mediziner sie dazu auch anschauen.