Wenn in der Weinwelt die Rede vom „Terroir“ ist, dann ist damit nicht nur der Boden gemeint, der den Wein beeinflusst. Es sind auch das Klima und die Traditionen, die bei der Produktion eine Rolle spielen und sich in einem einzigartigen Geschmack niederschlagen. Ein solcher unkopierbarer Weinstil in Deutschland ist der Moselriesling.
Jedoch hat der klassische fruchtige Moselriesling mit Vorurteilen zu kämpfen, die nicht ganz unbegründet sind. Die Restsüße im Wein kann auch für den Winzer verführerisch sein, weil er damit Weinfehler geschmacklich übertünchen und über hohe Erträge hinwegtäuschen kann. Das wurde besonders ab den 1950er Jahren genutzt, als mit Hilfe „moderner“ Methoden wie Kunstdünger und Kellertechnik billige, liebliche Massenweine entstanden. Das Resultat war, dass von dem einstigen Mythos Moselriesling nur noch eine lächerliche Karikatur übrig blieb.
Region für rassigen Riesling
Dabei bietet die Moselregion eigentlich ganz besondere Bedingungen für die rassige weiße Rieslingtraube. Einerseits ist die Region kühl, andererseits bietet sie durch die schwarzen Schiefersteillagen ein günstiges Mikroklima. Der Riesling kann während der langen Reifezeit ein Maximum an Extrakt und Aromen in seine Trauben einlagern, das kühle Klima hält dabei die Säure, und der Schieferboden sorgt für einen einmaligen mineralischen Eindruck am Gaumen. Zudem hat der Boden Einfluss auf das Säureempfinden. Während auf kalkigen Böden die Säure geschmacklich runder ausfällt und im Wein eingebunden ist, wirkt sie auf Schieferböden pointiert. So entsteht in den Moselweinen eine straffe Spannung zwischen Süße und Säure, umspielt mit intensiven Aromen und unterfüttert mit Extrakt. Es ist gerade diese feine Süße, die perfekt ausbalanciert diese einmalige Magie entwickelt, wie sie nur dem wahren Moselriesling eigen ist.
Durch das kühle Klima haben Unterschiede in Hangausrichtung und Bodentyp immensen Einfluss auf die Temperatur und damit auch auf den Weingeschmack. Dadurch hat jede Lage an der Mosel einen eigenen Charakter, wie zum Beispiel das „Piesporter Goldtröpfchen“, dessen Lage ein nach Süden ausgerichtetes Amphitheater darstellt, das windgeschützt jeden Sonnenstrahl einfängt und Weine mit barocker Fülle hervorbringt. Im Gegensatz zur „Brauneberger Juffer“, deren Lage windoffen ist und deren Weine pikant schmecken und über asketische Schönheit verfügen. Beim Entdecken sollte man berücksichtigen, dass der Winzer ein Gespür und Können für sein Terroir braucht, um dies mit brillanter Leichtigkeit einzufangen. Deshalb sollte man Moselriesling nur von den anerkannten Winzern aus der ersten Reihe kaufen, da man sonst schnell enttäuscht werden kann.
„Wein“ von Filip Verheyden, Romana Echensperger und Fiona Morrison. Millefeuille Verlag, 288 Seiten, 28,50 Euro.
Moselriesling passt zu vielen Anlässen und ist durch den niedrigen Alkoholgehalt besonders bekömmlich. Zudem kann man ihn schier unendlich lang lagern, weil er dabei immer neue Facetten entwickelt. So schleift sich die Süße mit der Zeit ab und versinkt buchstäblich im Wein, so dass eine ehemals süße Spätlese nach 20 Jahren fast trocken schmeckt, der Restzucker in Textur an samtiges Tannin erinnert und der Wein dann wie Rotwein zum Essen kombiniert werden kann.
Empfehlungen:
2010 Piesporter Goldtröpfchen, Riesling Kabinett, St. Urbans-Hof Mosel, 13,90 Euro
2010 Brauneberger Juffer Sonnenuhr, Riesling Spätlese, Fritz Haag Mosel, 19,90 Euro