Ratgeber

12. Dezember 2012

Fairtrade: Das Dilemma mit fairer Baumwolle

 Von Tim Farin
Was wir im Kleiderschrank haben, ist selten nachhaltig produziert.  Foto: Santiago Engelhardt

Bananen, Kaffee, Kakao: Fairtrade-Produkte sind gefragt. Nur bei Kleidung ziehen die Verbraucher nicht mit.

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Das Produkt kann sich sehen lassen. Es strahlt in der grellen Nachmittagssonne. Schon seit Wochen. Das Problem: Niemand kauft die Zentnersäcke mit den weißen Fasern, die Munisami Kanakaraj, 49, und seine Nachbarn in den Dörfern nahe der Stadt Jolarpet im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu in Handarbeit geerntet haben. Als Fairtrade-Rohstoff haben sie ihre Baumwolle angebaut – doch bald werden sie die Fasern auf dem lokalen Markt verramschen. Sie hatten darauf gehofft, dass ihnen der gewissenhafte Konsum ein bisschen mehr Geld in die Kasse spült. Doch für sie ist der faire Handel bislang ein Gerücht.

Seit zwei Jahrzehnten verkündet der Kölner Verein Transfair Wachstumszahlen über den ethischen Konsum. In den vergangenen acht Jahren wuchs der Absatz von Fairtrade-Ware in Deutschland jedes Jahr um eine zweistellige Steigerungsrate. Kaffee, Blumen, Bananen – bei diesen Produkten hat die Idee des fairen Handels zwar noch immer nicht den Mainstream erreicht, doch die Nische wurde konstant größer. Fairtrade gehört zu den Labels, denen die Verbraucher hierzulande vertrauen. Doch die Power des Systems hat ihre Grenzen.

Am Ende der Geduld

Das zeigt sich in Südindien. Für die Baumwollbauern in Tamil Nadu ist der faire Handel eine Geduldsfrage – eine Investition, die sie langsam überfordert. Sie haben auf Subventionen der Regierung verzichtet, weil sie sonst genmanipulierte Saaten hätten einsetzen müssen, was dem Fairtrade-Konzept widerspricht. Sie haben sich vor vier Jahren dem Fairtrade-Programm der Firma Agrocel angeschlossen, weil es hieß, die großen Händler in Europa würden bald nach der „sauberen“ Ware rufen. Doch seit Jahren haben sie hier kein Gramm Baumwolle mehr als Fairtrade-Cotton losgeschlagen. Weggefallen sind damit auch die Fairtrade-typischen Prämien: Geld, das die Bauern in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung investieren. „Wir haben die Kosten, aber nicht den Nutzen“, sagt Krishnan Sainathan von der Firma Agrocel, die das Programm hier einführte. Und doch will man den Glauben nicht loslassen: „Wir wollen Landflucht bekämpfen, eine Alternative zur Gentechnik bieten – aber wir brauchen Unterstützung.“

Während diese Bauern alles geben, um die gewünschten Umweltstandards und ihren eigenen Lohn zu verbessern, achtet in Deutschland kaum jemand auf die Herkunft seiner Klamotten. Die Einschaltquoten der Markenchecks im TV beweisen, dass Konsumenten sich für diese Themen interessieren – aber die Rohstoffproduktion bleibt eine zu abstrakte Sache, um etwas zu verändern. Bettina Willmann vom Institut für Handelsforschung in Köln sagt, bei Textilien „ist das Thema Nachhaltigkeit noch wenig entwickelt, es spielt trotz aller Medienberichterstattung kaum eine Rolle bei der Auswahl der Produkte“.

Und so gibt es auch Ausreißer in der Fairtrade-Erfolgsstory. Im vergangenen Jahr ging der Absatz von Fairtrade-Textilien in Deutschland um elf Prozent zurück. Transfair-Geschäftsführer Dieter Overath sagt: „Wir sind hier noch nicht auf dem Niveau, wie wir das bei Kaffee, Rosen und anderen Produkten sind. Der Textilmarkt ist enorm preisaggressiv.“ Wer in Deutschen Innenstädten nach solcher Mode sucht, steht vor einer Herausforderung. Die Frage ist, ob das so schlimm ist. Für die Bauern in Indien, die auf den fairen Handel setzen, schon. Aber vielleicht sind sie nur falsch beraten worden, haben auf die falsche Karte gesetzt.

Tatsächlich ist es sogar so, dass die Welt längst besser wird, als die Vertreter von Transfair es gern zugeben. Warum gibt es bei H & M keine Fairtrade-Baumwolle? Weil solche Konzerne sich in eigenen ethischen und biologischen Projekten engagieren – beispielsweise in der „Better Cotton“-Initiative, die in vielen Anbau-Ländern die sozialen und Umwelt-Probleme bekämpfen soll. Über den Massenmarkt. Bis 2020 möchte der schwedische Billigmode-Anbieter seine Baumwolle nachhaltig produzieren lassen. Doch das hängt man nicht an die große Glocke. Aus Angst vor den eigenen Kunden, meint Jutta Roosen, Professorin für Marketing und Konsumforschung an der TU München. „Labels dienen hier eher als Absicherung gegen Skandale“, sagt Roosen, „man verzichtet darauf, sie offensiv zu zeigen, weil sonst bei den Kunden die Erwartung entstehen könnte, dass das Produkt eigentlich noch billiger zu haben wäre.“

Yelagiri hat schon die Ernte eingeholt.  

Hoch oben in den Nilgiri Hills spenden die Silbereichen Schatten auf den steilen Hügeln, die von dichten Sträuchern bewachsen sind. Ein malerisches Bild, doch ein Insider des Fairtrade-Systems kann seinen Zorn nicht zügeln. Hier oben wird Fairtrade-Tee hergestellt, längst gibt es viele Betriebe, die sich das Fairtrade-Siegel zugelegt haben. Man hat einer Delegation von Fairtrade Deutschland, darunter auch Overath, alles gezeigt: die harten Arbeitsbedingungen, die Verarbeitung des Basisproduktes in der Teefabrik, die kargen Wohnungen der Arbeiter. Weil man nicht als Spielverderber gelten will. Doch jetzt sagt der indische Fairtrade-Funktionär: „Wo bleibt die Nachfrage, die man uns versprochen hat? Womit können diese Leute planen? Ich habe seit Jahren Produzenten in dieses System gezogen, wir haben ihnen deutliche Effekte versprochen – aber auf der Nachfrageseite hat sich nichts getan. Man lacht mich doch aus, wenn ich jetzt weiter von den positiven Wirkungen rede.“

Eine Bäuerin versucht sich am fairen Baumwoll-Anbau.  

Wie die Baumwolle ist auch der Tee ein Problem für den fairen Handel in Deutschland. Seit Jahren entwickelt sich der Absatz nur noch negativ – gleichzeitig hat man im Süden enorme Kapazitäten aufgebaut, immer mehr Menschen und Betriebe ins System geholt, die aber den beworbenen Vorteil von Mindestpreisen und Prämien oft gar nicht realisieren. Das können sie in Indien ebenso wenig hinnehmen wie anderswo. Denn die Betriebe müssen ja dafür bezahlen, dass sie im Fairtrade-System mitmachen, sie müssen sich Kontrollen und Regeln unterwerfen. Es ist daher eine pikante Randnotiz, dass hier im indischen Süden ein Plantagenmanager, dessen Betrieb sehr erfolgreich ist im Vermarkten von Fairtrade-Bio, ganz beiläufig sagt: „Fairtrade ist eine gute Sache, aber das meiste für bessere Arbeitsbedingungen leistet der Großkonzern Unilever.“

Von Overath ist da Schlagfertigkeit gefragt, will er den bestehenden Nutzen seines Modells vertreten. Er sagt: „Ich glaube, dass Unilever sich nicht so um seine Arbeiter kümmern würde, wenn es nicht Leute wie uns von Fairtrade gäbe.“

Um Glaubwürdigkeit kämpfen

Wahrscheinlich sind die Zeiten vorbei, als man sagen konnte: hier die Guten, da die Bösen. Der eigene Erfolg ist die Messlatte für Transfair, das weiß Overath, seit der Gründung Geschäftsführer des Vereins. „Die Konzerne merken heute, dass sie mehr Verantwortung übernehmen müssen, weil es Akteure wie Fairtrade gibt.“ Derweil muss Fairtrade das Rad weiterdrehen, um seine Glaubwürdigkeit kämpfen, auch bei den Produzenten im Süden.

„Der Bedarf nach Absatzmärkten motiviert mich umso mehr“, sagt Dieter Overath. Der Verein drückt auf die Marketing-Tube, setzt Promis wie Joachim Król ein, um endlich auch bei den Problemprodukten zu punkten. Stagnation schadet dem fairen Handel. Overath und sein Team kämpfen, sie wollen auch beim Tee ihr Label auf den Beutel-Packungen der Marktführer sehen. Immerhin gibt es jetzt mehr Fairtrade-Tees bei Rewe und Lidl. Dabei orientiert man sich am eigenen Beispiel, an der Erfolgsgeschichte, die Transfair mit der Kampagne für fair gehandelten Kaffee geschrieben hat. „Wir haben gemerkt, dass der Handel bereit ist, andere Produkte mit aufzunehmen, wenn Produkte wie Kaffee und Rosen funktionieren“, sagt Overath. Es ist diese Sogwirkung, auf die man setzt.

Harte Arbeitsbedingungen.  

Doch die Frage bleibt, ob das reicht, damit die Produzenten in Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien, die wachsende Schar der Fairtrade-Bauern, auch profitieren können. In Indien macht man sich inzwischen andere Gedanken. Weil man nicht mehr dem Gewissen der Konsumenten im fernen Europa ausgeliefert sein möchte, sieht man die Hoffnung im eigenen Land. Bharath Mandanna, Chef des Netzwerks das asiatischen Fairtrade-Produzenten, sagt: „Wir sind davon überzeugt, dass es ein riesiges Potenzial für einen Fairtrade-Markt innerhalb unseres Landes gibt.“

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