Es soll das größte Börsendebüt seit über zwei Jahren werden. Doch wenn Kabel Deutschland (KDG) dieser Tage das Ticket zum Parkett zieht, dann sehen dies viele Beobachter mit Skepsis. Denn die fast 900 Millionen Euro, die das Unternehmen einsammeln will, fließen direkt den Altaktionären zu. Anleger kaufen gemeinsam mit dem Geschäft der KDG 3,1 Milliarden Euro Schulden hinzu. Das schränkt die Phantasie etwas ein.
Dabei ist Phantasie der Motor eines jeden Börsengangs. Anleger wollen eine attraktive Geschichte hören, bevor sie ihr Geld investieren. Wachstum sollte eine gewisse Rolle spielen, denn nur eine längerfristige Perspektive lässt auch auf ein längerfristiges Kurspotenzial hoffen.
Immerhin ist Kabel Deutschland ein Kandidat für den Nebenwerteindex M-Dax. Ein solches Kaliber hat es zuletzt im November 2007 gegeben, als die Hamburger Hafen und Logistik AG (HLLA) debütierte und direkt in den M-Dax aufstieg.
Seither herrscht weitgehend Flaute, und das hat durchaus seine Gründe. So heftig die Erholung an den Finanzmärkten auch war, auf das jeweils gewünschte Niveau haben es die Aktienmärkte nicht geschafft. "Wenn sich Unternehmen scheuen, an die Börse zu gehen, dann zeigt das auch, dass die Unternehmen, die sich schon an der Börse befinden, unterbewertet sind", sagt Jürgen Meyer, Fondsmanager bei SEB Asset Management. Im Umkehrschluss signalisiere die rappelvolle Pipeline in China einen überhitzten Markt.
Dass Deutschland davon noch weit entfernt ist, bestätigt Unternehmensberater Michael Keller von Klein & Coll: "Die Preise für Unternehmen sind zwischen Oktober 2008 und Oktober 2009 um 30 Prozent gesunken." Seitdem zögen sie nur zögerlich wieder an. Das bedeutet, dass Unternehmen, die an die Börse streben, unter Umständen unter Preis verkauft werden.
Doch daraus auf massive Gewinnchancen zu schließen, greift zu kurz. Experten warnen davor, dass natürlich auch die Börsenaspiranten unter der Krise gelitten haben. Gerade Privatinvestoren macht dies zu schaffen. "Private Equity-Unternehmen haben kein Geld, um die Unternehmen aufzupäppeln", urteilt Keller.
Das führt zu einem Dilemma. Auf der einen Seite sind die Investoren, die dringend verkaufen wollen, nicht in der Lage, die dargebotenen Bräute aufzuhübschen. Auf der anderen Seite wollen Anleger nur erste Qualität zeichnen.
Ob die Anleger die geforderte Qualität auch erhalten, bleibt offen. An großen Namen herrscht jedenfalls kein Mangel. Der Chemikalienhändler Brenntag gehört ebenso dazu wie der ehemalige Bäckereibetreiber Heiner Kamps, der seine Beteiligungsgesellschaft an den Start gebracht hat. Kamps hat unter seinem Dach unter anderem den Feinkosthersteller Homann´s, die Fischimbisskette Nordsee und die Bastian´s-Bäckereien vereint. Spekulationen gab es auch schon in die Richtung, dass Nordsee allein an den Markt gebracht werden könnte.
Die Bekleidungsmarke Tom Tailor geht wohl noch im März an die Börse, der auf Druckfarben spezialisierte Chemiekonzern Flint, GSW Immobilien, der Verbandmittelhersteller BSN Medical und die Australien-Aktivitäten des Baukonzerns Bilfinger Berger gehören ebenfalls zu den meistgenannten Kandidaten. Die Hochtieftochter Concessions und der Solar- und Windparkbetreiber Scvan Energy haben erst kürzlich ihr Debüt abgeblasen, sind aber noch nicht aus dem Rennen.
Die Bahn steht dagegen auf dem Abstellgleis, Bahnchef Rüdiger Grube hat den Börsengang verschoben. War die Bahn nicht reif für die Börse? Oder die Börse nicht reif für die Bahn? Nicht nur die Bahn wartet ab, dass die Börse die nötige Reife erlangen möge: Das Versicherungskonglomerat Talanx liebäugelt schon seit Jahren mit einem Börsengang.
Der aus dem Gasekonzern Linde hervorgegangene Gabelstaplerhersteller Kion, Krauss-Maffei Technologies und der Recycling-Experte Vecoplan gehören ebenfalls zu diesen All-Time-Favorites. Weitere Unternehmen wie zum Beispiel der isländische Generika-Konzern Actavis hegen längerfristige Börsenpläne. Actavis würde mit Ratiopharm einen bekannten Namen in den Ring werfen.
Noch vor Ostern wird sich voraussichtlich entscheiden, ob das Feld für Börsendebüts in diesem Jahr fruchtbar werden wird. Michael Keller ist skeptisch. Er glaubt, dass Angst zum Hemmschuh werden wird. Die Angst des Unternehmers vor dem Scheitern, und die Angst des Anlegers, sein sein Geld in den Sand zu setzen.