Im Herbst befällt Deutschlands Autofahrer traditionell ein Wechselfieber. Bislang enden Policen für eine Kfz-Versicherung branchenüblich mit dem Kalenderjahr und können zum 30. November gekündigt werden. Damit könnte bald Schluss sein, wenn Branchenführer Allianz sich durchsetzt. Seit Ende 2008 legen die Münchner das Datum eines Vertragsabschlusses als jeweiligen Kündigungsstichtag fest und finden damit immer mehr Nachahmer, stellt Assekuranz-Experte Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz fest. Damit solle das Wechseln unterdrückt werden, bei dem die Allianz in den vergangenen Jahren regelmäßig zu den Verlierern gezählt hat.
Wer sich selbst an seinen individuellen Kündigungstermin erinnern muss, vergesse das eben oft, warnt nicht nur Wortberg. Auch der ADAC und die Huk Coburg als hier zu Lande zweitgrößter Autoversicherer werfen Konkurrenten dieses Kalkül vor. Die Allianz, mit 8,7 Millionen Kfz-Verträgen Nummer eins, vermindere so den Wettbewerb. "Viele, die Geld sparen wollen, werden den Termin verpassen", schätzt ADAC-Experte Jochen Oesterle. Zusätzliche Brisanz kommt aktuell auf, weil 2009 wegen der Abwrackprämie viele Autos neu angeschafft und versichert werden. Huk und der ADAC, der selbst Kfz-Versicherungen anbietet, wollen beim 1. Januar als Stichtag bleiben. Beide haben im Gegensatz zur Allianz zuletzt in der Regel mehr Kfz-Kunden gewonnen als ihnen von Konkurrenten zum Jahresende abgenommen wurden.
Die Allianz sieht indessen keine Fesseln für den Wettbewerb. Man lasse Kunden die Wahl, ob sie das Jahresende oder den Tag des Vertragsabschlusses als Stichtag haben wollen, betont Sprecher Christian Weishuber. Vorbelegt sei auf den Formularen aber der Tag der Vertragsunterzeichnung, was ein Drittel aller Neukunden bislang so akzeptiert habe. Der Branchenführer argumentiert mit einer kostensenkenden Entzerrung des Wechselgeschäfts. Wenn das Personal nicht immer am Jahresende davon überschüttet, sondern über das ganze Jahr homogener ausgelastet werde, senke das die Personalkosten.
Die Allianz wolle weg von der jährlichen Abwerberunde, die sich nur am Preis orientiere, und mit Verbrauchern über Leistung und Inhalte sprechen, räumt Weishuber aber auch ein. Dieser Wettbewerb könne dann gerne das ganze Jahr über stattfinden.
Fakt ist, dass derzeit jährlich drei bis vier Millionen Autofahrer zum 30. November ihre Kfz-Versicherung wechseln. Zu 80 Prozent kündigen Autofahrer ihre Police wegen des Preises, hat das Finanzportal Finance Scout 24 ermittelt. Für Versicherer seien Kfz-Policen "der Türöffner" zum Kunden, sagt Wortberg. Ist ein Verbraucher erst einmal mit dem Auto unter Vertrag, folgen oft weitere Versicherungen. Deshalb nimmt die Branche es in Kauf, dass sie mit Autos seit Jahren rote Zahlen schreibt. Auf ihre Kosten kommt die Assekuranz dann mit überteuerten Hausratsversicherungen und anderen Policen, sagen Experten.