Ratgeber

12. Dezember 2012

Kopfschmerzen bei Kindern: Gewitter im Kopf

 Von Angela Stoll
 

Immer mehr Kinder leiden unter Migräne – aber sie werden oft nicht ernst genommen.

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Immer mehr Kinder leiden unter Migräne – aber sie werden oft nicht ernst genommen.

Sophia erinnert sich noch gut an jenen Morgen vor vier Jahren. „Ich bin aufgewacht und hatte wahnsinnige Kopfschmerzen“, erzählt die 15-jährige Schülerin. „Ich wollte etwas sagen und habe gehört, dass aus mir etwas Falsches herauskam. Mein Mund hat mir nicht mehr gehorcht.“ Ihre Mutter war schockiert. „Sophia hat ganz komisch reagiert. Ich habe gemerkt, dass sie reden wollte, aber nicht konnte.“ Entsetzt rief die Mutter Sophias Onkel an, der Kinderarzt ist. Er vermutete, dass es sich um einen Migräneanfall handeln könnte – und lag damit richtig, wie die Ärzte im Krankenhaus später bestätigten.

Wann zum Arzt

Sofort in der Praxis anrufen: Kopfschmerzen können ein Anzeichen vieler Krankheiten sein. Gleich zum Arzt sollte man, wenn die Schmerzen ganz plötzlich und extrem heftig einsetzen – oder wenn ein Kind gleichzeitig Fieber hat. Ein alarmierendes Zeichen ist auch, wenn das Kind seinen Kopf nicht beugen kann (Nackensteife), sehr benommen ist oder extrem stark erbricht. Auch wenn ein Kind erstmals neurologische Symptome wie Seh- und Sprachstörungen oder eine Gangunsicherheit zeigt, die innerhalb einer Stunde nicht verschwinden, muss es zum Arzt.

Termin ausmachen: Leidet ein Kind regelmäßig unter Kopfschmerzen, sollte es gelegentlich vom Arzt untersucht werden.



Migräne bei Kindern? Dass es so etwas geben kann, erstaunt immer noch viele Menschen. Dabei handelt es sich um ein relativ häufiges Problem: Eine Befragung der Universität Göttingen von fast 9000 Familien ergab, dass 7,5 Prozent der Kinder zwischen sieben und 14 Jahren an Migräne litten. „Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die Migräne haben“, sagt die Psychologie-Professorin Birgit Kröner-Herwig, Mitautorin der Studie. So betrug die Rate bei 14-Jährigen sogar 12,5 Prozent. Viele Experten gehen davon aus, dass Migräne bei Kindern in den vergangenen Jahren wesentlich häufiger geworden ist. „In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Zahl etwa verdoppelt“, sagt der Kinderarzt und Schmerztherapeut Raymund Pothmann aus Hamburg. Das liege auch daran, dass der Stress in der Schule gestiegen sei. „Auch zu viel Fernsehen, zu wenig Bewegung und einseitige Ernährung spielen eine Rolle.“ Zudem litten Scheidungskinder gehäuft an Kopfschmerzen, erklärt Pothmann.

Migräne beschränkt sich oft nicht nur auf starkes Kopfweh. Viele Kinder leiden gleichzeitig an Bauchschmerzen, oft auch Übelkeit und Erbrechen. „Bauchweh spielt bei Kindern mit Migräne eine größere Rolle als bei Erwachsenen“, sagt Pothmann. Manchmal müssen sie sich plötzlich mehrfach übergeben, haben aber keine Kopfschmerzen. „Das ist ein typischer Vorläufer von Migräne, der oft verkannt wird“, sagt der Kinderarzt. Es gibt noch weitere Besonderheiten: Ein Migräne-Anfall bei Kindern dauert oft nur zwei Stunden und weniger – wesentlich kürzer als bei Erwachsenen. Außerdem sind die Schmerzen meist nicht, wie bei vielen Erwachsenen, nur auf einer Seite des Kopfes zu spüren, sondern an beiden Seiten sowie an der Stirn. Bisweilen kündigt sich eine Attacke mit besonderen Beschwerden an, die bis zu einer Stunde lang anhalten: Manche Kinder bemerken dann ein Augenflimmern und sehen Blitze, anderen kribbelt es an Händen oder Füßen. Oder sie haben – wie Sophia – auf einmal Probleme, Worte zu finden und zu sprechen. Solche neurologischen Symptome, die den Kopfschmerzen oft vorausgehen, heißen „Aura“. „Visuelle Zeichen, zum Beispiel Zacken, oder ein eingeschränktes Gesichtsfeld kommen häufiger vor als Sprachstörungen“, sagt Birgit Kröner-Herwig. Insgesamt seien solche Phänomene bei den Kleinen aber seltener als bei Erwachsenen. Weniger als zehn Prozent der betroffenen Kinder litten an einer Migräne mit Aura, schätzt die Expertin.

Stress kann Auslöser sein

Die Veranlagung zur Migräne wird oft vererbt, sagt Peter Kropp, Psychologieprofessor von der Universität Rostock. Viele Betroffene haben nahe Verwandte, die ebenfalls an den Attacken leiden. So hatte auch Sophias Großmutter Migräne. „Hinzu kommen noch bestimmte Auslöser wie etwa Stress“, sagt Kropp. Pothmann erklärt es so: Migräne-Patienten sind von ihrer biologischen Basis empfindlicher. Starke, einseitige Reize können sie schnell überfordern. „Sie haben keinen Filter und überladen sich deshalb mit Stress-Hormonen“, sagt der Experte.

Welche Faktoren einen Anfall auslösen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Infrage kommen unter anderem Schlafmangel, Probleme in Schule oder Familie, Unterzuckerung oder Flüssigkeitsmangel. Manche Betroffene sind überzeugt, dass bei ihnen auch bestimmte Lebensmittel, etwa Schokolade oder Käse, eine Attacke in Gang setzen – schuld könnten Nahrungsmittelunverträglichkeiten sein. „Man weiß darüber aber nicht viel“, sagt Kröner-Herwig. „Vermutlich sind innere Auslöser wichtiger.“ Neben Stress könnten auch Glücksgefühle die innere Balance derart durcheinanderbringen, dass Kopfschmerzen folgten, erklärt sie. Da es individuell verschieden ist, was den Anfall anschiebt, empfehlen Experten, in einem Kopfschmerz-Tagebuch Art, Stärke und Dauer der Attacken zu notieren.

Sophia weiß nicht genau, was bei ihr die Schmerzen auslöst. „Das Kopfweh kommt oft ganz unerwartet. Manchmal habe ich es gerade dann, wenn ich am Wochenende wegfahre.“ Grund könnte eine Veränderung des Schlaf-wach-Rhythmus sein, auf die manche Patienten empfindlich reagieren. In vielen Fällen ist es aber schwer, eindeutige Zusammenhänge herzustellen. Das gilt auch für den häufig genannten Faktor Schlafmangel. „Kinder und Erwachsene berichten oft, dass sie in der Nacht vor einem Anfall schlecht geschlafen haben“, so Kropp. „Aber war das der Auslöser? Oder war der gestörte Schlaf schon erstes Zeichen des Anfalls?“ Das könne man kaum sagen.

Wer Migräne hat, ist stark beeinträchtigt. „Die Kopfschmerzen beherrschen einen total“, erzählt Sophia. Aber sie lassen sich gut behandeln (siehe Kasten). Oft reicht es bereits, wenn die Kinder schlafen oder sich in einem abgedunkelten Raum ausruhen. Bei stärkeren Attacken ist das Schmerzmittel Ibuprofen das Mittel der ersten Wahl. Ist der Leidensdruck groß, können Entspannungstechniken wie Fantasiereisen, Biofeedback-Verfahren und Verhaltenstherapien helfen. Bei etwa der Hälfte der jungen Patienten „verwachsen“ sich die Probleme. Die anderen 50 Prozent haben noch Migräne-Attacken, wenn sie erwachsen sind. Sophia hat zwar ab und zu noch Anfälle. Aber: „So schlimm wie beim ersten Mal waren die Schmerzen nie wieder.“

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