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Nanoteilchen : Winzlinge mit unbekannter Wirkung

Nanoteilchen gelten als Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts. Sie stecken in Sonnencreme oder antibakteriell beschichteten Kühlschränken. In 600 Produkten sind sie zu finden,doch ihre Unbedenklichkeit ist umstritten.

Die kleinen Teilchen sind auch in Sonnencreme enthalten. Bis heute ist völlig unklar ist, ob sie gesundheitsgefährdend sind oder nicht.
Die kleinen Teilchen sind auch in Sonnencreme enthalten. Bis heute ist völlig unklar ist, ob sie gesundheitsgefährdend sind oder nicht.
Foto: dpa

Der Bericht ist 600 Seiten lang und wirkt trotzdem so, als hätte man das wichtigste vergessen. Denn das Sondergutachten „Vorsorgestrategien bei Nanomaterialien“, das der Umweltsachverständigenrats der Bundesregierung Anfang September vorlegte, liefert mehr Fragen als Antworten zum Thema. Einer der am meisten verwendeten Begriffe ist „Kenntnislücke“ – und das, bei einer Technologie, mit deren Produkten jeder von uns fast täglich zu tun hat.

Die Nanotechnologie, abgeleitet vom griechischen Wort für Zwerg, halten viele für eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts. Seit es Forschern erstmals gelang, die Natur beim Einsatz kleinster Teilchen zu imitieren, wird die Querschnittswissenschaft aus Physik, Chemie und Elektrotechnik bei vielen Alltagsproblemen herangezogen. Bei ihren Innovationen macht sich die Industrie zunutze, dass Nanoteilchen ganz andere physikalisch-chemische Eigenschaften haben als ihre größeren Verwandten. Zum Beispiel das Nanosilber: Studien zeigen, dass das Mini-Material die keimtötende Wirkung von Silber in gesteigertem Maß besitzt, weshalb es oft in der Medizin eingesetzt wird. Den Effekt nutzen auch Hersteller von T-Shirts und Tupperdosen. Andere Nanostoffe machen Autolack kratzfest und Sonnencremes sicherer beim UV-Schutz.

„Anlass zur Besorgnis“

Für Physik-Laien ist die Arbeit mit den Winzlingen nur schwer vorstellbar. Ein Nanometer ist der milliardste Teil eines Meters. Zum Vergleich: Ein DNS-Strang ist 2,5 Nanometer, ein rotes Blutkörperchen 7000 Nanometer breit. Ein Partikel von der Größe eines Nanometers verhält sich zu einem Fußball wie dieser zur Erdkugel. Sehen kann man die Zwergen-Teilchen erst seit der Erfindung des Rastertunnelmikroskops. Für dessen Erfindung wurden der Deutsche Gerd Binning und der Schweizer Heinrich Rohrer 1986 mit dem Nobelpreis für Physik geehrt. Seither hat das Zauberwort „Nano“ weltweit eine Goldgräberstimmung unter Herstellern ausgelöst, die ihre Produkte mit den neuen Materialen optimieren wollen.

Eine Entwicklung, über die Verbraucherschützer nicht gerade jubeln. Denn die winzigen Partikel haben in den vergangenen Jahren still und heimlich in die Haushalte geschlichen, ohne dass klar wäre, welche Nebenwirkungen sie haben können. „Es gibt derzeit einige Produkte und Verwendungen von Nanomaterialien, bei denen Anlass zur Besorgnis besteht“, heißt es im Sachverständigenbericht. „Dazu gehören die Verwendung von Nanomaterialien in Sprays und die zunehmende Vermarktung von Verbraucherprodukten, die Silber-Nanopartikel enthalten.“ Die Sachverständigen bemängeln, dass zahlreiche Forschungs- und Gesetzeslücken bestünden, zum Beispiel im Chemikalienrecht, das bislang keinen eigenen Nano-Paragrafen hat. „Diese Wissenslücken sind ein Problem, weil schon so viele Produkte mit Nanomaterial auf dem Markt sind“, sagt Jurek Vengels vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Nanoteilchen stecken heute schon in mehr als 600 Alltagsprodukten, schätzt der Experte. „Das reicht vom angeblich geruchshemmenden Kopfkissen mit Nanosilber über den antibakteriell beschichteten Kühlschrank bis zur Sonnencreme, die es praktisch ohne Nanoteilchen kaum gibt.“ Weil nicht immer mit dem Begriff „Nano“ geworben werde, wüssten viele Verbraucher gar nicht, wo die Zwergteile überall drinstecken. „Für Verbraucher ist es nicht ersichtlich, ob Produkte Nanomaterialien enthalten“, erklärt auch das Bundesministerium für Verbraucherschutz auf seiner Internetseite. In der US-amerikanischen Politik wird seit Jahren über die Regulierung von Produkten mit Nanotechnologie diskutiert. Es gibt eine globale Debatte, die langsam auch in Europa Wirkung zeigt: Ab 2013 müssen Kosmetika mit Nanoteilchen laut EU-Beschluss als solche gekennzeichnet werden. Für Lebensmittel, in denen die Winzlinge stecken, gilt die Kennzeichnungspflicht ab 2014.

Image verschlechtert sich

„Fakt ist, dass bei vielen Nano-Produkten bis heute völlig unklar ist, ob sie gesundheitsgefährlich sind oder nicht“, bewertet Vengels den aktuellen Wissensstand. Im Tierversuch sei etwa nachgewiesen worden, dass Nano-Titandioxid von schwangeren Mäusen an ihren Nachwuchs weitergegeben wird und bei diesem Schädigungen des Hirns und des Nervensystems verursacht. In anderen Tierversuchen habe sich gezeigt, dass Titandioxid-Teilchen, aufgenommen über die Atemwege, Lungenkrebs auslöst – allerdings erst in sehr hoher Dosierung. Ob und inwieweit die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, stellen manche Forscher in Zweifel. „Uns geht es nicht darum, die Technologie zu verteufeln, sondern die Spreu vom Weizen zu trennen“, sagt Vengels. Deshalb solle man Warnhinweise aus Tierversuchen zum Anlass für neue Studien nehmen, statt immer neue Produkte herauszubringen.

Noch 2007 versprachen sich zwei Drittel der Deutschen eher Nutzen als Risiken von der Nanotechnologie. Es gibt Anzeichen, dass sich diese Stimmung gerade wandelt. Einige Firmen sehen ihre eigenen Nano-Produkte inzwischen kritisch. „Wir setzen die Technologie auf vielfachen Kundenwunsch nicht mehr ein“, sagt Josef Stufler, Geschäftsführer von eWall. Das Unternehmen verkauft Handytaschen, deren Beschichtung angeblich Mobilfunk-Strahlung abschirmt. „Vor zwei Jahren riefen viele Kunden an und sagten: Keiner weiß, wie die Partikel wirken.“ Seither stelle man die Taschen ohne Nano-Streifen her.

Autor:  Michael Aust
Datum:  23 | 9 | 2011
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