Für die größten privaten Ölkonzerne und ihre Aktionäre war 2008 ein glänzendes Jahr. Denn trotz des im zweiten Halbjahr rapide gefallenen Ölpreises haben die meisten von ihnen so viel verdient wie noch nie in ihrer Geschichte.
So auch die britische BP-Gruppe, die die Aral-Tankstellenkette betreibt. Der Profit stieg im Vergleich zum Vorjahr - trotz milliardenschwerer Abschreibungen auf hoch bewertete Ölvorräte und Schwierigkeiten beim russisch-britischen Joint-Venture TNK-BP - um 1,5 Prozent auf 21,2 Milliarden Dollar. Ohne Berücksichtigung dieser temporären Faktoren kletterte der Gewinn sogar um 39 Prozent auf ein Rekordniveau von 25,6 Milliarden Dollar.
Entsprechend sollen auch die BP-Aktionäre mit einer Dividende von 14 Cent allein nur für das vierte Quartal verwöhnt werden. Trotz des Nettoverlustes in den vergangenen drei Monaten liegt die Vierteljahresausschüttung damit sogar noch über dem Vorjahr.
Auf das Gesamtjahr bezogen steigt die Dividende um 22 Prozent. Auch der Wettbewerber Shell, der im vierten Quartal ebenfalls schwere Einbußen erlitt, will seinen Anlegern eine um elf Prozent erhöhte Quartalsdividende zahlen.
Aus der Reihe tanzte der US-Konzern Conoco-Phillips (Jet), der vor allem den Wert seiner Öl- und Gasbestände viel zu hoch angesetzt hatte und deshalb tief in die roten Zahlen rutschte.
Den größten Kuchen hat aber der US-Ölriese Exxon-Mobil (Esso) zu verteilen, der einen neuen Rekordgewinn scheffelte. Davon sollen 90 Prozent an die Anteilseigner ausgezahlt werden. Und auch im neuen Jahr sollen die Aktionärsfreuden verlängert werden. So stellt Shell-Chef Jeroen van der Veer trotz Wirtschaftskrise die Fortsetzung "progressiver Dividendenzahlungen" in Aussicht und kündigte gleich für das erste Quartal eine weitere Anhebung um fünf Prozent an.
Das zeigt, dass die Konzerne auch in Zeiten niedrigerer Ölpreise mit Profiten rechnen. Selbst auf dem aktuellen Niveau verdienen die Unternehmen nach Auskunft von Sintje Diek, Energiespezialistin bei der HSH Nordbank, "immer noch eine Marge."
Das liegt daran, dass die Multis das komplette Ölgeschäft kontrollieren vom Bohrloch (Upstream) über die Verarbeitung (Downstream) bis zum Verkauf etwa an den Tankstellen. Die Preisfindung geschieht aber an den Börsen, die den integrierten Unternehmen insbesondere in den vergangenen Jahren außerordentliche hohe Extragewinne im Upstream-Geschäft bescherten.
Für Rohöl wird gezahlt, was die Börsen vorgeben, unabhängig von den realen Bedingungen der Förderung. So wuchsen in der jüngeren Vergangenheit die Umsätze von Exxon und Co, ohne dass die Kosten in ähnlichem Maß zugenommen hätten - geringere Aufwendungen sind im Gegensatz zu anderen Branchen also nicht beim Verbraucher angekommen.
Angesichts der niedrigen Notierungen könnten die Konzerne nun versucht sein, Projekte für neue Ölfelder auf Eis zu legen, auch wenn etwa BP an seinen Explorationsplänen festhalten will. Zum einen, weil sich die teure Erkundung wegen des Preisrutschs nicht rechnet. Zum anderen, weil dadurch mittelfristig eine Verknappung des Angebots ausgelöst werden kann, die einen künftigen Preisauftrieb beschleunigen könnte.
So lange sich die Krise mit niedrigen Ölpreisen nicht über Jahre hinzieht, kann solch ein Kalkül aufgehen, bei dem bewusst von der Substanz gelebt wird.