Sie plaudern wieder. Sandra Maischberger macht den Anfang. Es folgen Reinhold Beckmann, Frank Plasberg, Anne Will und Günther Jauch. Jeder der fünf bekommt ab September eine eigene Talkshow in der ARD. Parallel dazu bringen im ZDF Markus Lanz und Maybrit Illner wöchentlich Menschen ins Gespräch. Wir Zuschauer hören TV-Runden offenbar gerne zu. Aber lernen wir dabei auch etwas über gute Gespräche?
„Solange Talkshows laufen wie geplant, kann man aus ihnen wenig über gelingende Gespräche lernen“, sagt Bernd Gäbler, der gerade im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung eine Studie über deutsche Polit-Talks veröffentlicht hat. Ein Ergebnis: Wer beim Unterricht in der Schule mal nicht hinhört, hat schnell ein Problem. Wer als Gast vor der Kamera den anderen Gästen nicht zuhört, dem schadet das wenig. „Zuhören in Talkshows ist meist darauf eingeengt, auf bestimmte Stichworte zu reagieren, sichere Pointen zu landen und eigene Wortbeiträge zu lancieren“, sagt Gäbler. Aufmerksamkeit zähle nur in Bezug auf den eigenen Auftritt. „Talkshows sind das beste Beispiel dafür, wie öffentlich nicht zugehört wird“, fasst die Journalistin Marion Glück-Levi zusammen. Allerdings sind sie bei weitem nicht das einzige Beispiel.
Reden ist karrierefördernd
Denn Zuhören ist eine aussterbende Kunst. „Die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich auf Worte oder Musik wirklich einzulassen, hat stark abgenommen“, sagt Glück-Levi, die auch Vorsitzende der Stiftung Zuhören ist. Wie es um das aufmerksame Zuhören in unserer Gesellschaft steht, erleben wir in verschiedenen Situationen: Im Privaten entsteht Streit oft nur deshalb, weil wir nicht richtig hinhören. Noch während der andere spricht, haben wir schon unsere Schlüsse gezogen und sind gedanklich schon Lichtjahre weiter. In der Schule beklagen Lehrer, dass die Aufmerksamkeitsspanne ihrer Schüler immer kürzer wird. Viele gestalten deshalb ihre Stunden wie kleine Drehbücher, Spannungsbögen inklusive. Auch Filmemacher müssen heute für immer rascheren Wechsel der Bilder und Töne sorgen. Schaut man heute eine TV-Show aus den 70er Jahren, erscheint einem das schnell als unfreiwillige Comedy: Bei Gästen, die oft minutenlange Monologe halten, ohne dass ihnen ein anderer ins Wort fällt, hätten heute die meisten Zuschauer wohl längst weggezappt.
„In unserer Kommunikationskultur zählt der Sender mehr als der Empfänger“, meint Glück-Levi. Ob in Konferenzen, in den Medien oder auf Parties: „Wir konzentrieren uns viel zu selten darauf, was ein anderer sagt. Meist geht es uns darum: Wann kann ich endlich loswerden, was ich sagen will?“
Aber ist das so schlimm? Leben wir nicht heute einfach nur schneller und bekommen so mehr Informationen in derselben Zeit? „Zumindest für die Karriere scheint Reden offenbar förderlicher als Zuhören“, meint Martin Kreikebaum, Psychologe und Management-Coach aus Köln. Schließlich müsse man zunächst auf sich aufmerksam machen, um für einen Aufstieg in Frage zu kommen. Stille Lauscher werden in unserer beschleunigten Arbeitswelt nicht sehr geschätzt, meint der Coach. „Trotzdem glaube ich, dass Führungskräfte die Macht des Zuhörens oft unterschätzen.“ Durch aufmerksames Zuhören befriedige ein kluger Chef mit einfachen Mitteln ein Grundbedürfnis bei seinen Mitarbeitern: die Sehnsucht nach Anerkennung. Letztlich ließen sich viele Burn-out-Fälle vermeiden, wenn Kollegen und Chefs besser aufeinander hören würden.
Tatsächlich zeigen Studien, dass uns gute Zuhörer sehr fehlen. Das Marktforschungsinstitut Allensbach befragte 2008 rund 1800 Deutsche danach, was für sie zu einem guten Gespräch gehöre. 80 Prozent gaben an: „Zuhören“. Im selben Jahr ergab eine Umfrage der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft, dass nur 16,5 Prozent der Mitarbeiter ihren Chef für einen guten Zuhörer halten. Und die US-Unternehmensberatung Proudfoot kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Managementfehler in Deutschland einen Schaden von 158 Milliarden Euro jährlich ausmachen – und die Gründe dafür in direktem Zusammenhang mit mangelhaftem Zuhören stehen. Unternehmen hören häufig nicht auf die Wünsche ihrer Kunden, Manager schalten bei Problemen auf taub und Kollegen reden nicht miteinander und arbeiten deshalb aneinander vorbei.
„Auch für unsere täglichen Beziehungen wirkt schlechtes Zuhören verheerend“, sagt Marion Glück-Levi. Es finde oft gar keine echte Kommunikation statt, wenn sich Gesprächspartner nicht aufeinander einlassen können. Dass Zuhören ein Gradmesser dafür ist, wie wir Beziehungen zu anderen pflegen, davon ist auch der Psychologe Kreikebaum überzeugt: „Richtig zuhören bedeutet ja, dass ich mich mit anderen Meinungen vorurteilsfrei auseinandersetze.“ Eine Gesprächskultur, die diese Offenheit zu selten aufbringt, verfestige deshalb Vorurteile – und die führen nicht nur in Unternehmen zu falschen Entscheidungen.
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