Die kleine Welt hat so einiges durchgemacht. Gewaltige Gräben überziehen die Äquatorregion des Asteroiden Vesta. Überall auf dem Himmelskörper, der von der Seite gesehen einem Hamburger ähnelt, finden sich Spuren riesiger Rutschungen. Die Trümmerfelder sind teilweise so groß wie Bayern. Die Südpolregion ist von einem Krater mit 460 Kilometern Durchmesser bedeckt – Vesta selbst ist nur wenig größer.
Der Bremer Astronom Heinrich Olbers entdeckte Vesta am 29. März 1807 als vierten Asteroiden überhaupt. Er benannte den neuen Himmelskörper nach der römischen Göttin für Heim und Herd. Vesta hat eine helle Oberfläche und ist als einziger Himmelskörper des Asteroidengürtels manchmal mit bloßem Auge sichtbar. Für einen Umlauf um die Sonne braucht sie 3,6 Jahre.
Die abgeplattete Form hängt vermutlich mit der schnellen Drehgeschwindigkeit zusammen: Auf Vesta dauert ein Tag nur fünf Stunden und 21 Minuten.
Der einzige Teil der Oberfläche, den Dawn noch nicht fotografieren konnte, ist die Nordpolregion. Sie liegt gerade im Dunkeln, weil die Drehachse des Asteroiden um 29 Grad gegenüber der Bahnebene geneigt ist. Ähnlich wie auf der Erde hat Vesta daher Jahreszeiten.
Vesta, der zweitgrößte Asteroid im Hauptgürtel zwischen Mars und Jupiter, wird seit Mitte Juli 2011 von der Raumsonde Dawn umrundet. In den Wochen danach fotografierte Dawn die gesamte Oberfläche aus einem Abstand von 2 700 Kilometern. Dieser erste Blick, dem genauere Aufnahmen aus geringerem Abstand folgen werden, zeigt eine „extrem interessante, fremde kleine Welt“, sagte die Nasa-Forscherin Carol Raymond auf dem European Planetary Science Congress im französischen Nantes.
Reise in die Vergangenheit
Auch Ralf Jaumann vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin ist überrascht von Vestas Vielseitigkeit: „Ich hatte mit einer eher langweiligen Geologie gerechnet“, sagt er. Der Planetenforscher hatte sich Vesta als typischen Asteroiden vorgestellt, dessen Oberfläche seit Jahrmilliarden höchstens durch Meteoriteneinschläge verändert wird. Doch Vesta ist viel komplizierter: „Wir sehen eine ununterbrochene Veränderung der Oberfläche in riesigem Ausmaß“, berichtet Jaumann.
Die rege geologische Aktivität deutet darauf hin, dass Vesta anders ist als die anderen Asteroiden. „Wir nennen sie auch den kleinsten erdähnlichen Planeten“, sagt Chris Russell von der University of California in Los Angeles, der wissenschaftliche Leiter der Mission. Allerdings ist die kleine, unregelmäßig geformte Welt kein ausgewachsener Planet wie Merkur, Venus, Erde oder Mars. Vesta ist ein planetarer Embryo. Und zwar der einzige, der die stürmischen Zeiten kurz nach der Geburt des Sonnensystems einigermaßen intakt überlebte.
„Vesta besteht aus der gleichen Substanz, aus der sich auch die Erde gebildet hat – das macht ihre Erforschung so interessant“, sagt Jaumann. Für die Wissenschaftler war Dawns Reise in den Asteroidengürtel daher auch eine Reise zurück in die Zeit, als die Planeten geboren wurden. Die neuen Aufnahmen zeigen, dass auch Vesta der Zerstörung nur knapp entgangen ist. Der riesige Krater am Südpol, den die Forscher „Rheasilvia“ genannt haben (nach der ersten Priesterin der römischen Göttin Vesta), zeugt von einem Zusammenstoß unvorstellbaren Ausmaßes. „So einen Krater haben wir noch nie gesehen“, sagt Ralf Jaumann.
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