In den 80er Jahren in der DDR träumten fast alle Jungen vom Weltraum. Sie bauten Raketen aus Klopapier-Rollen, mit Alufolie beklebt, sie drehten sich auf ihren Schreibtischstühlen, bis ihnen übel wurde - Training für den Ernstfall - und nervten ihre Eltern, doch endlich einmal mit ihnen nach Berlin zu fahren, ins Raumfahrtzentrum. Eine ganze Generation nach 1978 Geborener wollte nicht nur einfach Kosmonaut werden. Sie wollte werden wie er: Sigmund Jähn.
Der gelernte Buchdrucker aus dem Vogtland war nicht nur der erste Deutsche im All. Er war der erste und einzige Volksheld der Deutschen Demokratischen Republik, bis Gorbatschow kam. Die Sowjetunion hatte Juri Gagarin, die DDR hatte Jähn.
Dessen Karriere als Liebling eines ganzen Landes startete am 26. August 1978. Damals schoss die sowjetische "Sojus31"-Rakete vom kasachischen Baikonur aus in den Himmel. Mit an Bord: Der 41 Jahre alte Luftwaffenoffizier der Nationalen Volksarmee. Fast acht Tage blieb er auf der russischen Raumstation. Das DDR-Fernsehen zeigte Sondersendungen mit Bildern von dem Mann in dem typischen Raumfahrer-Anzug, sendete Live-Schalten in den Weltraum. Und eine ganze Nation sah zu.
Bei seiner Rückkehr wurde Jähn von Tausenden jubelnden Menschen empfangen. Bei einer anschließenden Rundreise wurden er und sein sowjetischer Kommandant Waleri Bykowski allerorts frenetisch gefeiert. Die Begeisterung war ausnahmsweise nicht vom Regime verordnet, sondern kam von Herzen.
Sehnsucht nach fernen Welten
Jähn war ein Held für alle. Mit seinem Flug ins All stand er für die Sehnsucht vieler DDR-Bürger nach fernen Welten und freien, weiten Räumen jenseits der Enge des DDR-Systems. Für andere war er die Verkörperung dessen, was der Sozialismus möglich machte: den Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen, den Wettbewerb auf Augenhöhe mit den Amerikanern. Und er war einer von ihnen - ein ganz normaler DDR-Bürger, der zu seinem ersten Flug ins All eine Puppe des beliebten Sandmännchens im Gepäck hatte.
Der DDR-Offizier startete im August 1978 mit dem sowjetischen Raumschiff „Sojus 31“ zur Weltraumstation „Saljut 6“. Dort experimentierte er mit einer Kamera.
Mit drei Raumflügen hält der Physiker einen Rekord unter den deutschen Astronauten. Bei seinen ersten beiden Flügen 1983 und 1992 mit den US-Raumfähren „Columbia“ und „Discovery“ machte er Experimente im Raumlabor „Spacelab“. Zwei Jahre später brachte ihn eine Rakete zur russischen Weltraumstation „Mir“. Insgesamt war Merbold 55 Tage im All.
Beide Physiker gehörten zur Besatzung der US-Raumfähre „Challenger“, die im Herbst 1985 den erdnahen Orbit erkundete. Unter deutscher Regie (D-1) untersuchten sie sieben Tage lang Probleme der Schwerelosigkeit.
Der fünfte Deutsche im All reiste im März 1992 zur russischen Raumstation „Mir“, wo er unter anderem biomedizinische Experimente durchführte.
Mit 350 Tagen war der Bundeswehr-Offizier länger als jeder andere Deutsche im All. Sein erstes Ziel war 1995 die russische Station „Mir“, neben der er auch zwei Weltraumspaziergänge unternahm. 2006 hielt er sich auf der ISS auf. Dort war er für die Navigation verantwortlich.
1997 verbrachte der Physiker 18 Tage in der russischen Station, wo er die Experimente früherer „Mir“-Missionen fortsetzte. Vorbereitet wurde er im Ausbildungszentrum Sternenstädtchen bei Moskau.
Der vielseitige Wissenschaftler umkreiste im Februar 2000 mit der Raumfähre „Endeavour“ elf Tage lang die Erde. Bei dieser Mission wurden digitale Karten der gesamten Oberfläche unseres Planeten hergestellt.
Der Physiker Schlegel verließ 2008 als bislang letzter Deutscher die Erde. Auf der Internationalen Raumstation ISS half er, das europäische Labor „Columbus“ zu montieren. Mit seinem Kollegen Walter war er 1993 an der zweiten deutschen „Spacelab“-Mission (D-2) beteiligt.
Sigmund Jähn wurde am 13. Februar 1937 in dem kleinen vogtländischen Ort mit dem schönen Namen Morgenröthe-Rautenkranz geboren. er machte eine Ausbildung zum Buchdrucker, bevor er sich für die Armee-Laufbahn entschied. Er besuchte die Offiziershochschule, holte das Abitur nach und wurde einer der jüngsten Düsenpiloten der DDR. In Moskau wurde der Jagdflieger dann zum Kosmonauten ausgebildet.
Jähn hatte sich seinen Heldenstatus also in vielen Jahren Aus- und Weiterbildung erarbeitet. Dass er stets bescheiden auftrat, auch als das Regime ihn mit Auszeichnungen überhäufte, als Schulen und Kindergärten nach ihm benannt wurden, steigerte seine Beliebtheit nur noch mehr.
Vom Regime vereinnahmt
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Mit dem Ende der DDR war zunächst auch die Karriere des NVA-Offiziers Sigmund Jähn zu Ende. Doch auch der Westen schätzte das Know-how des ersten Deutschen im All. Jähn wurde sowohl vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt als auch auch von der Europäischen Raumfahrtbehörde als Berater engagiert. In dem Astronautenzentrum bei Moskau, in dem Jähn selbst einst ausgebildet wurde, gab der Weltraum-Veteran nun seine Erfahrungen an die nächste Generation weiter.
Seine Rolle als Staatsheld sah er in der Rückschau zwiespältig. Er habe sich von dem Regime vereinnahmen lassen, weil er daran geglaubt habe, gab Jähn nach der Wende in Interviews zu Protokoll. Er habe aber nicht jeden Propagandaauftritt mitgemacht und lieber selbst frei gesprochen, statt die vorgeschriebenen Reden zu halten.
Inzwischen ist Jähn längst pensioniert. Für eine Generation in der DDR Geborener wird er jedoch immer der Mann bleiben, der den Traum von unendlichen Weiten verkörpert. (mit dapd/afp)
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