Der wohl rührendste Bericht aus einem Astronautenalltag beginnt wie bei dem sowjetischen Kosmonaten Juri Gagarin mit dem Start um neun Uhr morgens. Im Song „Rocket Man“ von Elton John heißt es: „She packed my bags last night pre-flight“ und weiter „Zero hour nine a.m.“ Die Nacht zuvor hatte ihm seine Frau die Tasche gepackt. Jetzt trägt ihn das Raumschiff fort und schon vermisst er die Erde so sehr. Es wird lange dauern, bis er zurückkehrt. Aber wenn er nach Hause kommt, überfällt ihn sofort wieder die Sehnsucht nach den Sternen. Nein, er ist nicht so wie die Anderen. „Oh no, no, no. I’m a rocket man“.
Zu jener Zeit, da Elton John dem Raketenmann sein Lied sang, ging dessen große Zeit gerade zu Ende. 1972 waren fast alle Erstleistungen im Weltall vollbracht, der Wettlauf zum Mond hatte seinen Sieger in den USA gefunden. Sie ließen es jetzt gut sein und stornierten ihre übrigen Flüge. Die Sowjets koppelten fortan in der Erdumlaufbahn Orbitalstationen zusammen, von denen niemand außer ihnen genau wusste, was dort eigentlich vorging.
Inzwischen hält sich die Begeisterung für die bemannte Raumfahrt in Grenzen. Im Vergleich zu den 60er Jahren mit all ihren Pioniertaten scheint jetzt im All so gut wie gar nichts los zu sein. Nur acht Jahre hatte es gedauert, ehe nach Gagarins Flug Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond landeten. An der ISS wird nun schon zwölf Jahre gebaut und sie ist immer noch nicht fertig. So ist die Geschichte der bemannten Weltraumfahrt paradoxerweise auch die Geschichte einer technologischen Entschleunigung.
Zu Beginn des kosmischen Jahrzehnts, dessen Dynamik sich dem Rüstungswettlauf der Supermächte verdankte, ging alles rasend schnell. Wem es gelänge, eine permanente Raumstation einzurichten, da waren sich die Strategen sicher, dem gehörte die Welt. Als Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch ins Weltall flog, waren seit Sputnik 1 gerade mal gut drei Jahre vergangen. In der Zwischenzeit hatten tapfere sowjetische Straßenhunde den Aufstieg in die Schwerelosigkeit gewagt, was einige von ihnen mit dem Leben bezahlen mussten. Für Gagarin lagen die Chancen, gesund aus dem All zurückzukehren, statistisch gesehen bei ungefähr fünfzig Prozent.
Er selbst hatte auf den Erfolg der Mission wenig Einfluss. Als menschliche Nutzlast an der Spitze einer modifizierten Atomrakete war er in seiner Wostok-Kapsel weniger Testpilot denn Versuchsobjekt. Bei einem Bankett nach dem Flug soll Gagarin gesagt haben, er sei sich nicht sicher, ob er nun eigentlich der erste Mensch im All gewesen ist oder vielleicht doch der letzte Hund.
Das gesamte Prozedere des ersten bemannten Raumflugs lief automatisch ab. Nur für den Fall, dass etwas schief gehen sollte, bestand die Möglichkeit, selbstständig die Landung einzuleiten. Da die Mediziner nicht wussten, wie der Proband in der Schwerelosigkeit reagiert, ob er in Panik gerät oder sich seine Sinne trüben, ließen sie ein Zahlenschloss ins Steuerpult einbauen. Nur, wenn Gagarin eine Ziffernfolge eintippte, die er zuvor nicht kennen durfte, würde er das Bremstriebwerk zünden können. Der Pin-Code steckte in einem Kuvert, das mit einem Klebestreifen an der Kabinenwand befestigt war. Oleg Iwanowski, der Mann an der Luke, hat ihn Gagarin vor dem Start ins Ohr geflüstert. Die Zahlenkombination, an der im schlimmsten Fall sein Leben hing, lautete 125. Gagarin musste nicht darauf zurückgreifen, wohlbehalten landete er am Fallschirm in der Steppe.
Der Name Juri Gagarin wird für alle Zeiten vom Aufbruch des Menschen in den Kosmos künden, auch wenn es erst denen, die ihm folgten, Flug für Flug gelang, sich aus den Fesseln der Apparate zu befreien. Wie so oft war der Weg der Erkenntnis nicht nur mühevoll, sondern oft auch eine Quälerei. So litt der zweite Mann im All, German Titow, bei seinem eintägigen Flug an der Raumkrankheit und erbrach sich in die Kabine. Eine Misslichkeit, vor der in den ersten Tagen an Bord kaum jemand gefeit ist, wie man inzwischen weiß. Als Alexej Leonow von seinem Ausstieg in den freien Raum zurückkehrte, hätte er um ein Haar nicht mehr durch die Luke gepasst, weil sich sein Anzug im Vakuum unvermutet aufgebläht hatte. Die Besatzung von Sojus 9 konnte sich tagelang nicht auf den Beinen halten, als sie nach 17 Tagen vom ersten Langzeitflug zurückkehrte. Ein Grund dafür war Muskelschwund. Danach wurde allen Raumfliegern ein strenges Sportprogramm verordnet. Viele Menschen sind bei der Eroberung des Alls ums Leben gekommen. Die meisten bei Raketentest am Boden, Soldaten, Techniker, Ingenieure, deren Namen heute kaum einer kennt.
Nach und nach wandelte sich die Eroberung des Alls in eine wirkliche Erforschung, wobei das wichtigste Forschungsobjekt der Mensch geblieben ist. Inzwischen geht es nicht mehr nur darum, was er unter extremen Bedingungen aushalten kann. Die Internationale Raumstation ISS ist längst zu einem kulturellen Laboratorium geworden, in dem Abgesandte aus vielen Nationen stellvertretend für alle das Zusammenleben auf engstem Raum proben. Materialkunde, Astronomie, Erdbeobachtung, manches lässt sich unterdessen gut mit unbemannten Satelliten bewerkstelligen, mit geringerem Risiko und zu geringeren Kosten. Aber kein Automat wird je davon erzählen können, wie fragil die Erde von außen betrachtet wirkt. Vielleicht sollten nur noch Dichter und Philosophen ins All fliegen.
Als er eine Stunde unterwegs war, berichte Juri Gagarin damals den Leuten am Boden: „Achtung! Ich sehe den Erdhorizont. Eine sehr schöne Aureole. Zuerst bildete sich ein Regenbogen unmittelbar über der Erdoberfläche. Sehr schön.“ Nach ihm durften bisher 520 Menschen aus 38 Ländern diese wundervolle Aussicht erleben.
Video der russischen Raumfahrtagentur:
Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.
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