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Nasa in Nöten: US-Raumfahrt-Programm bricht ein

Die Krise hat das Weltall erreicht: Eine von Barack Obama in Auftrag gegebene Studie stellt der Nasa ein schlechtes Zeugnis aus. Ein Kurswechsel ist dringend nötig. Von Anatol Johansen

Die neue Ares-Rakete der Nasa vor ihrem geplanten Testflug im Kennedy Space Center, Florida.
Die neue Ares-Rakete der Nasa vor ihrem geplanten Testflug im Kennedy Space Center, Florida.
Foto: afp

In den vergangenen 30 Jahren hat kein Mensch eine andere Welt betreten oder sich weiter als 620 Kilometer von der Erde weg hinaus ins All gewagt." So klagte der ehemalige US-amerikanische Präsident George W. Bush schon im Januar 2004 und befand, "nun ist es Zeit für Amerika, die nächsten Schritte zu unternehmen."

Auch wie diese Schritte aussehen sollten, legte Bush damals fest. "Wir werden von 2015 an größere bemannte Missionen zum Mond durchführen", ließ er verlauten, "mit dem Ziel, Menschen dort für immer länger werdende Zeiträume leben und arbeiten zu lassen." Damit nicht genug. Vom Mond aus, so Bush, könnten in späteren Jahren "auch der Mars und die Welten dahinter" erkundet werden. Der pannenanfällige und marode Raumtransporter (Space Shuttle) sollte dagegen 2010 endgültig aus dem Verkehr gezogen und 2015 durch ein neues, bemanntes US-Raumfahrzeug "Orion" ersetzt werden.

Die präsidiale "Vision for Space Exploration", die 2005 zur Grundlage für das sogenannte "Constellation-Programm" wurde, zeigt längst Risse. Das macht eine aktuelle Studie deutlich. Im Mai hat Bushs Amtsnachfolger, Barack Obama, eine kritische Überprüfung des gesamten bemannten amerikanischen Raumflugprogramms angeordnet, die sogenannte "Review of United States Human Space Flight Plans". Den Auftrag erhielt ein Team unter Leitung von Norman Augustine, einem ausgesuchten Kenner der Materie. Als ehemaliger Chef des großen Luft- und Raumfahrtkonzerns Lockheed Martin war er auch schon der Berater früherer US-Regierungen in Sachen Raumfahrt.

Nasa hat ein Drittel weniger Geld als vorgesehen

Testflug der neuen Nasa-Rakete Ares I-X

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Augustine hat jetzt seinen Bericht im National Press Club in Washington erstmals der Öffentlichkeit präsentiert - und was er sagte, war nicht unbedingt erfreulich. Das bemannte amerikanische Weltraumprogramm befinde sich derzeit auf einem unhaltbaren Kurs, befand er gleich zu Beginn. Die US-Weltraumbehörde Nasa habe heute ein Drittel weniger Geld als 2005 vorgesehen war. Was zu den heutigen Schwierigkeiten geführt habe.

Was Augustine dann präsentierte, war ein Pannen-Szenario. Zwar verlaufe das Constellation-Programm - technisch gesehen - normal. Gewisse Entwicklungs-Schwierigkeiten seien bei derartigen Großprogrammen schließlich üblich. Dagegen sei jedoch ein ganz erhebliches "Missmanagement bei Zeitplanung und Kosten" festzustellen.

Das Dilemma machte Augustine anhand der neuen, mehr als 100 Meter langen Rakete "Ares 1"deutlich. Sie sollte laut Constellation-Programm spätestens 2015 einsatzbereit sein und dann in dem ebenfalls neu zu entwickelnden Raumfahrzeug Orion Astronauten nicht nur auf die Raumstation ISS befördern, sondern auch auf Mond-Kurs bringen. Gemäß des aktuellen Finanzierungsplans aber wäre die Rakete frühestens 2017, eventuell aber auch erst 2019 einsatzbereit, konstatierte Augustine.

Damit aber müssten die Amerikaner gleich zwei dicke Kröten schlucken. Denn geplant war eigentlich, die maroden und extrem teuren US-Raumtransporter mit Kosten von 500 Millionen Dollar pro Start im kommenden Jahr endgültig auszumustern, und an verschiedene Museen zu verteilen. Das aber würde bedeuten, dass die Nasa von Ende 2010 an bis zur Indienststellung von Ares 1 und Orion (frühestens im Jahre 2017) über kein eigenes bemanntes Raumfahrzeug mehr verfügen würde.

Amerikaner müssten bei Russen Sojus-Kapseln kaufen

Mit anderen Worten: die Amerikaner müssten bei den Russen Sojus-Kapseln kaufen, wenn sie ihre Astronauten auch weiterhin starten lassen wollten - und das für eine Zeitdauer von mindestens sieben Jahren. Peinlich für ein Land, dass sich nach wie vor als führende Technologie-Macht begreift. Dieses Selbstverständnis schlägt sich auch im Titel des 157-seitigen Augustine-Reports nieder, der lautet "Suche nach einem bemannten Raumfahrtprogramm, das einer großen Nation würdig ist".

Das zweite Problem der Ares I ist, dass sich die Rakete mit der sich abzeichnenden Verspätung selbst weitgehend überflüssig macht. Denn das Constellation-Programm sieht vor, die große Internationale Raumstation ISS - die erst im kommenden Jahr endgültig fertig wird - nur bis zum Jahre 2015 zu nutzen. Danach soll sie im Südpazifik versenkt werden, ein bei der knapp 100 mal 100 Meter langen und etwa 300 Tonnen schweren Station recht komplizierter Vorgang, dessen Kosten auf beachtliche zwei Milliarden Dollar geschätzt werden.

Das aber hieße, zur Versorgung der ISS käme die Rakete nach ihrer Fertigstellung im Jahre 2017 zwei Jahre zu spät. Damit aber hätte sie im All überhaupt kein Ziel mehr. Denn auch für den Mondflug könnte sie mindestens ein Jahrzehnt lang nicht eingesetzt werden.

Zwar soll die Rakete einmal genutzt werden, Mondbesucher bis auf die Erdumlaufbahn zu transportieren. Von dort aber sollte der Weiterflug mit Hilfe einer gewaltigen Ares V-Rakete bewerkstelligt werden, der schubstärksten aller Raketen. Das Raketen-Monster soll einmal in der Lage sein, nicht weniger als 160 Tonnen Nutzlast auf die Erdumlaufbahn zu wuchten. Doch es besteht zunächst nur virtuell und wird erst in zwei Jahrzehnten operationell verfügbar sein. Und das auch nur, wenn die außerordentlich kostspielige Entwicklung der Ares V finanziert werden kann.

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Autor:  Anatol Johansen
Datum:  26 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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