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Astronomie und Raumfahrt

06. August 2014

Raumsonde "Rosetta": Reiseziel erreicht

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So könnte es aussehen, wenn die Raumsonde "Rosetta" ihren Lander "Philae" auf dem Kometen absetzt. Inzwischen ist bekannt: Der Komet hat eine andere Form, die die Wissenschaftler an eine "Gummi-Ente" erinnert.  Foto: Reuters

Die Raumsonde "Rosetta" erreicht den Kometen, zu dem sie seit mehr als zehn Jahren unterwegs ist. Experten nennen die Mission „einzigartig“ und einen „Meilenstein“ der Raumfahrt. Sie sei in der Bedeutung zu vergleichen mit der ersten bemannten Mondlandung.

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Die Uhr im Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumbehörde ESA in Darmstadt zählt die Sekunden bis zur Ankunft. Dann, endlich, ist es soweit: Nach einer mehr als zehnjährigen Reise und sechs Milliarden Kilometern hat die Raumsonde „Rosetta“ gegen 11.30 Uhr ihren 405 Millionen Kilometer von der Erde entfernten Zielort „67P/Tschurjumow-Gerasimenko“ erreicht: „Wir sind beim Kometen“, ruft Andrea Accomazzo, Leiter der ESA-Planetenmissionen, erfreut aus. Großer Jubel herrscht auch bei den mehreren hundert Gästen der ESA in Darmstadt.

Es ist wieder einer jener entscheidenden Momente bei dieser so überaus ambitionierten Mission, die von Superlativen ebenso geprägt ist wie von Unwägbarkeiten. Die ESA-Direktoren und andere Experten nennen sie gern „einzigartig“ und einen „Meilenstein“ der Raumfahrt, in der Bedeutung zu vergleichen mit der ersten bemannten Mondlandung.

Mehrere Annäherungsmanöver hat „Rosetta“ seit Mai bereits absolviert, um ihre Geschwindigkeit und Flugbahn nach und nach dem Kometen anzupassen. Das war nötig, „weil wir seine physische Beschaffenheit nicht gut genug kannten“, erklärt Frank Budnik, Flugexperte bei der ESA. Nun schwenkte die Sonde geschmeidig in die Umlaufbahn von „67P/Tschurjumow-Gerasimenko“ – kurz: „Tschuri“ – ein. „Rosetta“ umkreist den Himmelskörper in 100 Kilometern Entfernung „triangelförmig“, wie es Budnik veranschaulicht. „Tschuri“ selbst beschreibt einen elliptischen Orbit und rast dabei auf das Innere des Sonnensystems zu.

In den folgenden Wochen soll eine Kamera im Gepäck von „Rosetta“ dann hochauflösende Bilder von der porös-zerklüftet wirkenden Oberfläche des knollenförmigen Himmelskörpers machen, um einen geeigneten Platz für das Landegerät „Philae“ zu suchen. Auch mit welcher Schwerkraft der Komet seinen Gast empfangen wird, muss noch herausgefunden werden, sagt Budnik.

Stein des Interesses: Der Komet aus einer Entfernung von 285 Kilometer.  Foto: Reuters

Am 11. November voraussichtlich soll „Philae“ auf der Oberfläche aufsetzen und dort mit einer Reihe von Experimenten beginnen. Es wird wieder einer dieser Augenblicke des Luftanhaltens bei den beteiligten Spezialisten sein – vielleicht sogar der spannendste von allen. Die hochmodernen Instrumente an Bord des Landesgerätes haben Wissenschaftler in Europa und den USA entwickelt.

Unter anderem sollen die Gase im Schweif und in der erst vor einer Woche entdeckten Staubhülle des Kometen, dem sogenannten Koma, untersucht werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Werten an Wasser, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid. Und natürlich wird „Philae“ auch die Oberfläche und das Innere des Kometen erforschen sowie die Zusammensetzung von Staubkörnern, die er abstößt. Dabei soll vor allem geklärt werden, ob diese organischer oder anorganischer Natur sind. Die Experten am Boden hoffen auf viele aussagekräftige Bilder und Analysen.

Es ist die erste Mission dieser Art und dieses Ausmaßes, noch nie wurde ein Komet so detailliert untersucht. 1,3 Milliarden Euro geben die beteiligten 17 Nationen dafür aus, davon entfallen 300 Millionen Euro auf Deutschland. „Gut investiertes Geld“, wie Brigitte Zypries (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, versichert.

Wofür dieser gewaltige finanzielle, personelle und logistische Aufwand, könnten Skeptiker gleichwohl fragen. Tatsächlich hat die „Rosetta“-Mission große Ziele: Sie soll Aufschluss geben über die Ursprünge unseres Sonnensystems, sagt ESA-Direktor Jean-Jacques Dordain – und, so hoffen es die Experten, auch darüber, wie Leben auf der Erde entstand: Kometen, lautet die These, könnten dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. Denn diese vergleichsweise kleinen Himmelskörper – „Tschuri“ hat nur einen Durchmesser von vier Kilometern – sind archaische Objekte im Universum. Ihre chemische Zusammensetzung hat sich seit ihrer Entstehung kaum verändert und kann daher ein Bild vom Zustand unseres Sonnensystems vor rund 4,6 Milliarden vermitteln.

Interessant für die Wissenschaft sind Kometen aber insbesondere auch deshalb, weil sie dazu beigetragen haben könnten, dass sich auf der Erde Leben bildete. Sie enthalten komplexe organische Moleküle, die durch Kollisionen auf unseren Planeten gelangt sein könnten. Außerdem tragen sie flüchtige, leichte Elemente, die maßgeblich am Entstehen der Ozeane und der Atmosphäre der Erde mitgewirkt haben könnten.

Große Erleichterung im ESOC-Kontrollzentrum in Darmstadt: Thomas Reiter applaudiert nach dem gelungenen Manöver.  Foto: REUTERS

Die Idee zu dieser Mission kam bereits in den 1980er Jahren auf, 1993 wurden die Pläne genehmigt, die Entwicklung von „Rosetta“ begann. Ihr Name geht übrigens auf den berühmten Stein zurück, mit es vor rund 200 Jahren erstmals gelang, die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern; das bedeutete damals, eine Revolutionierung des Verständnises von der Vergangenheit.

Ursprünglich sollte die Sonde im Januar 2003 zu einem anderen Kometen geschickt werden und 2011 dort ankommen. Wegen technischer Probleme mit der damaligen Ariane-5-Trägerrakete verschoben sich Zielort und Start: „Rosetta“ wurde schließlich am 2. März 2004 ins All geschossen.

Auf ihrem langen Flug zu „67P/Tschurjumow-Gerasimenko“ passierte die Sonde den Mars und dreimal die Erde, was nötig war, um sich genug Schwung für den Weg zum Kometen zu holen. Außerdem führte die Route an zwei Asteroiden vorbei. Auch zweieinhalb Jahre „Winterschlaf“ musste „Rosetta“ einlegen, um Energie zu sparen; ein Risiko, ob sie daraus je wieder erwachen würde. Entsprechend groß war die Erleichterung, als nach 957 Tagen Funkstille dass „Aufwecken“ im Januar 2014 funktionierte. Bis Dezember 2015 wird „Rosetta“ nun den Kometen umkreisen, danach wird die Mission beendet sein – nach fast zwölf Jahren im All.

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