Auf Post von zu Hause werden die Bewohner der Internationalen Raumstation ISS länger warten müssen. Nachdem am Mittwoch ein Progress-Raumschiff mit Treibstoff, Lebensmitteln, Trinkwasser und Briefen die Umlaufbahn verfehlt hat und in Sibirien abgestürzt ist, wird der nächste Frachter frühestens am 26. Oktober abheben. Für drei der sechs Crew-Mitglieder hat sich die Postangelegenheit nun ohnehin erledigt, denn sie kehren, falls alles planmäßig verläuft, bereits Mitte September zur Erde zurück.
Aber auch die Versorgung der dann noch verbleibenden Besatzung ist nicht gefährdet, wurden doch beim letzten Flug der US-Raumfähre Atlantis alle Vorräte an Bord aufgefüllt. Sie reichen für mindestens zwei Monate. Landen könnten die Astronauten in ihrer ständig angedockten Sojus-Kapsel ohnehin jederzeit.
Die Trägerrakete Sojus wurde im Jahr 1963 in Dienst gestellt und seitdem mehrfach modernisiert.
Für die russische Raumfahrt ist das Debakel mit Progress M-12M der zweite Fehlstart binnen kurzer Zeit. Zuletzt war es nicht gelungen, mit der größeren Proton-Rakete einen Fernsehsatelliten im All zu platzieren. Auch sie hat aktuell Startverbot. Damit sind die wichtigsten Raketen stillgelegt.
Was kommende Starts betrifft, ist nun allerdings anzunehmen, dass die Pläne der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos sehr wohl durcheinanderkommen werden. Bis die Ursache für die Fehlfunktion der Rakete feststeht, sind alle weiteren Starts mit Modellen vom Typ Sojus ausgesetzt. Grundsätzlich ist an dieser Stelle vielleicht zu bemerken, dass sowohl die Trägerrakete als auch das bemannte Raumschiff den Namen Sojus tragen, was zu Verwechslungen führen kann. Versagt hat nicht das Raumschiff, sondern die Rakete.
Trägerraketen vom Typ Sojus werden aber nicht nur in der bemannten Raumfahrt eingesetzt, sie bringen eben auch die Progress-Transporter in den Orbit sowie Satelliten aller Art. Bleibt die Sojus-Rakete am Boden, bewegt sich in der russischen Raumfahrt so gut wie gar nichts mehr.
Das ist umso bedenklicher, da nach dem Dienstende der amerikanischen Space Shuttles die Versorgung der ISS in hohem Maße von russischer Technik abhängt. Bemannte Raumflüge sind sogar bis auf Weiteres ausschließlich mit Sojus-Kapseln möglich. Der nächste Start einer Crew zur ISS ist momentan für den 22. September vorgesehen. Dieser Termin dürfte sich kaum halten lassen. Wahrscheinlich wird sich die ständige Besatzung der ISS eine Zeit lang von sechs auf drei Astronauten halbieren.
Auch Japan und Europa im Geschäft
Stückgut, Wasser und Treibstoff werden einmal im Jahr auch mit je einem japanischen und einem europäischen Frachter ins Weltall geschafft. Der japanische Transporter soll am 18. Februar 2012 das nächste Mal starten. Einen Monat darauf folgt sein europäisches Pendant.
Bis dahin könnte sich auch der russische Startplan wieder normalisiert haben. Es heißt, die Spezialisten seien zuversichtlich, jenen Fehler, der zum Versagen der dritten Raketenstufe geführt hat, recht bald zu finden. Nach Angaben der Agentur Roskosmos hat es kurz nach dem Start einen Druckabfall im Treibstofftank gegeben, wofür ein Leck oder ein Materialfehler die Ursache sein könnten.
Mit der dritten Raketenstufe wird ein Raumschiff auf eine Weise beschleunigt, die es ihm erlaubt, in den Orbit einzuschwenken. Im Falle des Progress-Flugs ist das nicht gelungen. Trümmerteile des Transporters sollen auf unbewohntes Gelände im sibirischen Altai-Gebirge gestürzt sein.
Der Rückschlag kommt unerwartet. In den fast fünfzig Jahren, da sich die Sojus-Trägerrakete im Einsatz befindet – prinzipiell geht sie sogar auf die Sputnik-Rakete von 1957 zurück – hat sie ihre Robustheit auf eine geradezu legendäre Weise bewiesen.
Die insgesamt mehr als 850 Starts waren zu zirka 97,5 Prozent erfolgreich. Zuletzt ist im Oktober 2002 eine Sojus-Rakete bei einem Satellitenstart auf dem russischen Kosmodrom Plessezk explodiert.
Erst zweimal waren bemannte Raumschiffe von Havarien des Sojus-Systems betroffen. 1983 hatte die Rakete auf der Startrampe im kasachischen Baikonur Feuer gefangen, während sich die Besatzung bereits an Bord befand. Die beiden Kosmonauten konnten sich im letzten Moment mit dem Notfallsystem retten. Zwei Sekunden später explodierte die Rakete, wobei jene Anlage zerstört wurde, von der aus schon Juri Gagarin ins All geflogen ist.
1975 war eine Sojus-Mission auf ähnliche Weise misslungen wie jetzt der Flug von Progress. Auch damals hatte die dritte Stufe versagt, was dazu führte, dass die Crew in der Altai-Region notlandete. Angeblich auf chinesischer Seite, was offiziell nie bestätigt wurde. Die Kosmonauten wurden Stunden später mit dem Hubschrauber ausgeflogen. Am Ende hatte die russische Technik damals sogar in ihrem Scheitern bewiesen, wie zuverlässig sie ist.
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