Ein winzig kleiner Strich, nicht zu hören und kaum zu sehen, kann doch eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Verständnis eines Wortes oder einer ganzen Wortgruppe haben. Ihm gelingt im Schreiben, was unserer Stimme, was der Betonung im Sprechen gelingt. Der Bindestrich verbindet, was nicht zusammengehört und er trennt, was eins zu sein scheint. Durch die Reform der Rechtschreibung ändert sich bei der Verwendung des Bindestrichs nicht viel. Die Regeln werden einheitlicher angewandt und es stehen dem Schreibenden in Zukunft mehr Möglichkeiten als bisher zur Verfügung, um den Bindestrich gliedernd oder verbindend einzusetzen.
Das Deutsche ist (wie sonst nur wenige Sprachen) in der Lage, aus Wörtern ganze Bandwürmer zu formen: Ärztehonorarabrechnungsverordnung, Haushaltmehrzweckküchenmaschine oder Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän. Hier hilft der Bindestrich, Übersicht in ein Wort zu bringen: Ärztehonorar-Abrechnungsverordnung, Haushalt-Mehrzweckküchenmaschine oder Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaftskapitän. Hier also trennt der Bindestrich gedanklich Zusammengehörendes und macht es für den Leser leichter erfassbar. Er kann auch Wörter trennen, in denen bestimmte Buchstaben gehäuft auftreten (Teeei/Tee-Ei) oder bei denen der Schreibende Missverständnisse vermeiden möchte (Druck-Erzeugnis/Drucker-Zeugnis).
Der Bindestrich unterstützt den Lesefluss, wenn zu bestimmten Wörtern Abkürzungen oder andere Zeichen wie Ziffern und Buchstaben fremder Alphabete hinzutreten. Ein Beispielsatz: Der 2:1-Sieg der Abc-Schützen gegen die Abt.-Leiter der Uniklinik wurde mit bunten T-Shirts und Mohrrübensalat mit viel ß-Carotin belohnt. Achtung: "Uniklinik" schreibt man ohne Bindestrich, denn "Uni" gilt als Kurzwort und nicht als Abkürzung.
Neu ist die einheitlichere Verwendung des Bindestrichs bei der Schreibung eines Wortes zusammen mit einer Ziffer: das 4-jährige Kind, die 16-Jährige, der 3-Tonner, das 6-Eck, 3-mal, 4-fach. Ausnahmen sind nur noch: 30%ig, 70er Jahre. Auch Einzelbuchstaben mit einer einfachen Nachsilbe dürfen auf den Bindestrich nicht verzichten. Das ist eine logische Sache, denn anderenfalls wäre der Leser versucht anzunehmen, dass es sich um ein ganzes Wort handelte und er wird es nicht richtig lesen können: die n-te Potenz (statt nte* Potenz).
Und noch etwas Seltenes, aber von Zeit zu Zeit Brauchbares vermag der Bindestrich. Er kann nämlich freie Wortgruppen zu einer Einheit, zum Beispiel zu einem Substantiv, zusammenziehen: das In-den-Tag-hinein-Leben, das An-den-Haaren-Herbeiziehen, das Hin-und-her-Gerenne. Zum Schluss eine kleine Übung, bei der Sie sich für die richtige(n) Schreibung(en) entscheiden sollten. Heißt es: "das Wahlrecht für 16jährige", "für 16-Jährige" oder "für 16Jährige"? "jeder xbeliebige Reisende", "x-Beliebige Reisende" oder "x-beliebige Reisende"?
Auflösung Teil 19: Behände klettert die Gämse den Felsen entlang. Überschwänglich nähert sie sich einem gräulichen Abgrund.
* mit Stern gekennzeichnete Wörter entsprechen nicht der neuen Rechtschreibung
Sabine Hilliger ist Germanistin, freiberufliche Lektorin und Redakteurin.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.